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„Shell-Haus” in Ludwigshafen

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Shellhaus
Fensterdekor
Vom Hof gesehen: Das Treppenhaus ist senkrecht betont
Von der Hofeinfahrt gesehen
Treppenhaus mit farbig gestalteten Fenstern
Das Treppengeländer ist noch original erhalten
Seitenansicht
Dekor mit Klinkern
Portal
Ecke
Türdetail
Zeitchrift Industriebau von 1928
Die GAG als aktuelle Mieter
Unterschrift von Karl Unverzagt
Seitenansicht von Osten

Das Gebäude in funktionaler, expressionistisch inspirierter Architektur wurde als Verwaltungssitz der Rhenania-Ossag-Mineralölwerke (später Shell-Konzern) in den Jahren 1926/27 gebaut. Der monumentale Kubus des dreistöckigen Hauses erhöht sich stufenförmig zur Straßenkreuzung hin. Die Ecke ziert ein kleines Geländer, die an eine Reling eines Schiffsbugs erinnert. Das Flachdach ist von keiner Stelle aus zu sehen, es gibt keine Dachtraufe die übersteht. Eine Metallkante bildet den Abschluss.

Das Erdgeschoss über dem Muschelkalksockel ist durch weit vorspringende Klinker waagrecht betont, während die beiden Obergeschosse völlig glatt gemauert sind. Doch insgesamt sind die Fassaden durch die eng beieinander stehenden, horizontal gesprossten Fenster straff gegliedert. Entlang der Mundenheimer Straße sind es 16 Fensterachsen (mit jeweils 12 liegenden Fächern). Die Fassade in der Brahmsstraße hat nur 11 Achsen.

Vom Hof aus gesehen hat der Bau einen anderen Charakter: er ist zum größten Teil weiß verputzt, nur das Treppenhaus ist dunkel abgesetzt und der Gebäudeflügel in der Brahmsstraße ragt mit Klinkerdekoration auch in den Hof. Überall sind die charakteristischen waagrechten Spossenfenster.

Das niedrige Betonmäuerchen vom dem Haus ist mit Klinkern abgedeckt.

Das Hauptportal an der Mundenheimer Straße ist aus tief gestaffeltem Muschelkalk geschaffen. Eine dunkelbraune Holztür mit 8 quadratischen Kassetten und Oberlichtern im oberen Drittel führt ins Innere über eine polierte Muschelkalktreppe ins erhöhte Erdgeschoß. Die wuchtigen Türflügel sind jedoch nicht mehr bauzeitlich. Das Innere ist in den 1980 Jahren umgebaut worden. Die schmalen hohen Fenster des Treppenhauses sind mit Buntglasapplikationen des pfälzischen Künstlers Karl Unverzagt (1915-2007) dekoriert. Sie stammen aus dem Jahr 1981.

Nutzung (ursprünglich): 

Verwaltungsgebäude der Rhenania-Ossag-Mineralölwerke

Nutzung (derzeit): 

Seit 1981 diente es als Nebenstelle des Finanzamts. Zur Zeit ist die Verwaltung der Baugesellschaft GAG untergebracht.

Geschichte: 

Geschichte des Hauses:

Das Verwaltungsgebäude liegt etwa einen Kilometer vom Ludwigshafener Ölhafen entfernt, der 1898/1899 aus dem Mundenheimer Altrheinarm vorwiegend für die Petroleum- und Benzinindustrie zum Schutzhafen ausgebaut wurde. Von 1911 bis 1915 wurde der Ölhafen noch einmal großzügig erweitert auf eine Gesamtuferlänge von 28,5 km, inklusive Binnenbecken und Kaimauern. Am Ölhafen entlang läuft die Shellstraße, deren einzige Anlieger zum Zeitpunkt der Benennung (1962) das Großtanklager der Shell AG war.

Gebaut wurde das Haus 1926/7 als Verwaltungsgebäude für die Rhenania-Ossag-Mineralölwerke von dem Architekten Rudolf Brüning, der etwa zur gleichen Zeit in Dresden eine große Tankanlage mit Bürogebäude und Meisterwohnung für dasselbe Unternehmen errichtete. 1929-31 baute er in Hamburg am Alsterufer die Zentrale für Rhenania-Ossag.

Die Zeitschrift „Der Industriebau. Monatsschrift für die künstlerische und technische Förderung aller Gebiete industrieller Bauten einschließlich aller Ingenieur-Bauten, sowie der gesamten Fortschritte der Technik.“ hat in ihrem Dezemberheft von 1928 den Bauten des Architekten Rudolf Brüsing aus Düsseldorf den Leitartikel gewidmet. Daraus stammt folgende zeitgenössische Beschreibung des Verwaltungsgebäudes der Rhenaia-Ossag-Mineralölwerke in Ludwigshafen.

„Das Gebäude, welches an exponierter Stelle Ludwigshafens erbaut ist, bildet gewissermaßen den Auftakt zu diesem neu aufgelegten Stadtteil, welcher außer öffentlichen Bauten nur bessere Wohnhäuser erhalten soll. Dem Charakter des Hauses entsprechend, der ein reiner Nutzbau sein soll, steht die kubische Form im Vordergrund und ist unter Verzicht auf alle Verzierungen mit einfachsten Mitteln durch die Materialbehandlung ein würdiger, monumentaler Bau geschaffen. Auf dem in Muschelkalk ausgeführtem Sockel bauen sich drei Stockwerke klar und sinngemäß in grau gefugter Klinkerverblendung auf. Die Große Horizontale wird durch die in weiß gehaltenen Fensterreihen noch besonders betont. bauzeitliches Portal 1929Das Hauptportal als Hauptmotiv in der großen ruhigen Fläche tritt angenehm in die Erscheinung. Der ganze Bau ist in Eisenbetonkonstruktion ausgeführt.

… Der Aufgang zum Erdgeschoss ist in geschliffenen Muschelkalkstufen ausgeführt. Die Wände z.T. in waagrechter Klinkeraufteilung darüber in einfacher klarer Aufteilung in den bekannten Shell-Farben Rot und Gelb. Ebenso sind die Ecken in demselben Gelb gehalten. Durch die in hellem Grau gehaltenen Haupteingangstüren gelangt man in das Haupttreppenhaus, welche in Verbindung mit den bereiten Korridoren in zarten abgestuften Tönen eines Blau-Grüns aufgefasst sind…. Ebenso sind die beiden Direktorenzimmer in braun-rotem Ton für das erstere, sowie in einem vom dunkelsten bis zum allerhellsten Blau abgestuften Ton für das zweite ausgeführt. Alle übrigen Büroräume haben einen Wand- und Deckanstrich in ganz hellem Grau-Weiß."

bauzeitliches Direktorenzimmer

Die Shell AG nutzte das Haus bis in die 1970er Jahre als Verwaltungsgebäude. Die Büros zogen dann in einen wenig attraktiven Bau in die Shell-Straße direkt am Ölhafen. Im Juli 1978 kaufte für das Finanzamt Ludwigshafen die Landesverwaltung das Grundstück für 1.100.000,- DM. Der Umbau (07/1980 - 06/1983) kostete dann mit fast 3 Millionen deutlich mehr. Es zogen die Stellen für Betriebsprüfung,  Einheitswert, Kapitalverkehrsteuer  und für Grunderwerbsteuer ein.

1993 wurde das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt.

Zur Geschichten der Mineralölwerken Rhenania Ossag und Shell

Erdöl ist seit langem einer der wichtigsten Rohstoffe, insbesondere als Rohstoff in der Chemieindustrie, als Treibstoff, als Schmierstoff und als Brennstoff. Schon im 19. Jahrhundert standen große Firmen in beständiger Konkurrenz, rangen sich gegenseitig nieder, kauften sich auf, fusionierten. Wie der Name nahelegt ist die Rhenania-Ossag AG aus zwei Mineralölunternehmen entstanden.

Ossag

Die Ölwerke Stern-Sonneborn AG (Ossag), 1903 in Hamburg gegründet von den Brüdern Leo und Richard Stern und ihrem Schwager Jacques Sonneborn, war ein Schmierölunternehmen, das mit Voltol eines der besten Schmieröle in Deutschland produzierte. Während des Ersten Weltkriegs war die Ossag mit diesem Öl ein wichtiger Lieferant des deutschen Militärs.

Noch während des Ersten Weltkriegs beteiligte sich die holländischen Benzinwerke Rhenania G.m.b.H., eine Tochtergesellschaft der Royal Dutch Petroleum, an den Ölwerken Stern-Sonneborn. Als die Ossag während der Inflationszeit schwächelte, übernahm die Rhenania im Juni 1925 für 8,8 Millionen Reichsmark die Ossag. Sie verschmolzen zur Rhenania-Ossag Mineralölwerke AG. Der Firmengründer Sonneborn verlor seinen Posten als Generaldirektor, er verblieb zwar im Aufsichtsrat musste sich aber aus dem Geschäft heraushalten. Die Rohöle wurden auf Shell-Erdöle umgestellt.

In 1920er Jahre kamen Tankstellen mit Zapfsäulen und Füllrüsseln auf, wie wir sie heute kennen, zuvor kaufte man Benzin in Kanistern. 1924 wurde in Neuss eine Benzinpumpe als erste Tankstelle der Rhenania-Ossag aufgestellt. Danach gab es eine rasante Entwicklung: 1935 war die Rhenania-Ossag in Deutschland zweitgrößte Tankstellengesellschaft mit 16.363 Zapfsäulen (29,3%).

Neben den Benzinpumpen und Zapfsäulen wurden die ersten Ölkabinette – Metallschränke für die Ölkännchen - aufgestellt, um das von der Ossag stammende Voltol zu verkaufen.

Während der NS-Zeit wurden die drei Ossag-Gründer wegen ihres jüdischen Glaubens schon 1933 und 1935 aus dem Unternehmen entfernt.

Rhenania

Der Holländer Henri Deterding von der Royal Dutch Petroleum gründete 1902 die Benzinwerke Rhenania G.m.b.H.1902  in Reisholz bei Düsseldorf als deutsche Tochtergesellschaft. 1913 kam eine Schmierölraffinerie in Monheim am Rhein hinzu. 1917 wurden alle deutschen Tochterfirmen zu den Mineralölwerke Rhenania Aktiengesellschaft zusammengeschlossen. Sie wurden im ersten Weltkrieg zum einem wichtigen Lieferanten der deutschen Armee. Nach der Übernahme der Ossag 1925 machte sich die Rhenania-Ossag an einige große Bauprojekte: 1926/27 das Verwaltungsgebäude in Ludwigshafen, 1929 das große Werk in Hamburg-Harburg, 1930 bis 1932 das berühmte Shell-Haus in Berlin. Die Zentrale wurde 1930 nach Hamburg verlegt. (Im Berliner Shellhaus wurde 1935 das Oberkommando der Marine untergebracht.) Das Unternehmen hatte um 1930 15 große und 104 kleine Tanklager sowie 7500 Mitarbeiter in Deutschland.

Während 1940 die holländische Muttergesellschaft Royal Dutch Shell unter deutsche Treuhand gestellt wurde, stufte die NS-Verwaltung die Rhenania-Ossag als deutsches Unternehmen ein, das als Rüstungsunternehmen bevorzugt mit Material versorgt wurde. Das Spezialschmieröl war bei der Luftwaffe für besonders kalte Luftschichten geschätzt. Die Rhenania-Ossag setzte mindestens 1385 Zwangsarbeiter in ihren Raffinerien in Hamburg, Wien und den Niederlanden ein. Die Folge des Krieges war jedoch auch die starke Zerstörung der Werke und Raffinerien. 1947 nannte sich die Rhenania-Ossag in Deutsche Shell Aktiengesellschaft um. Als es 50 Jahre später, 1999, um die Entschädigung der Zwangsarbeiter ging, weigerte sich Shell, mit dem Hinweis darauf, dass das Unternehmen selbst direkt betroffen vom NS-Unrechtsregime gewesen sei und die Beschäftigung von Zwangsarbeitern nicht verhindern konnte. Letztlich hat die Shell & DEA Oil GmbH, Hamburg doch etwas in den Fonds eingezahlt.

Die Shell-Muschel und der Anfang des Shellkonzerns

Die Geschichte des Markennamens Shell (=Muschel) und des Logos geht auf den Londoner Kuriositätenhandel von Marcus Samuel zurück, der seit 1833 mit dekorativen Muscheln aus Fernost handelte, damals beliebte Dekostücke. Seine zwei Söhne bauten das Geschäft zu einem Import-Export-Handel unter dem Firmennamen The Shell Transport and Trading Company aus. Es ging nun aber nicht mehr um Nippes, sondern um Öl und um die Erschließung neuer Ölquellen auf der ganzen Welt. 1907 schlossen sie sich mit dem Niederländer Henri Deterding von der N.V. Koninklijke Nederlandse Petroleum Maatschappij (=Royal Dutch Petroleum, 1890 gegründet)  zusammen, um sich gemeinsam gegen die Übermacht der amerikanischen Standard Oil durchzusetzen. An dem Unternehmen war (und ist) das niederländische Königshaus beteiligt. Das gemeinsame Unternehmen wählte als Logo die Kammmuschelschale. Auch die heute noch bekannten Farben Rot und Gelb wurden damals bereits benutzt. Seit Ende der 1920er Jahre gehörte Shell zur führenden Mineralölgesellschaft der Welt.

Eigentümer: 
Finanzamt Ludwigshafen
Erbauer: 
Rhenania-Ossag-Mineralölwerke
Architekt: 
Rudolf Brüning aus Düsseldorf
Bauzeit / Umbauten: 
1926/27
Autor/in: 
Barbara Ritter, Matthias Ehringer