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Alkoholraffinerie Berkel in LU-Rheingönheim

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Kunst am Tank von Carsten Kruse (Foto Ritter 2018)
Der LU-Tank  (Foto Ritter 2018)
Fabrikkamin und Produktionseinheit  (Foto Ritter 2018)
Liegende und stehend Tanks  (Foto Ritter 2018)
Firmenschild der 3. Generation  (Foto Ritter 2018)
Eingang zur Produktion (Foto Ritter 2018)
Erzeugung von Wärme und Dampf für die  Produktion (Foto Ritter 2018)
Rektifikationsanlage (Foto Ritter 2018)
5 Stockwerke Gitterrost bei den Destillierkolonnen (Foto Ritter 2018)
Blick aus dem Labor (Foto Ritter 2018)
Überwachungsmonitor (Foto Ritter 2018)
Raschigringe zur Vergrößerung der Oberfläche (Foto Ritter 2018)
Produktion (Foto Ritter 2018)
Primavorlage (Foto Ritter 2018)
Abfüllanlage (Foto Ritter 2018)
Blick aus der Leerguthalle (Foto Ritter 2018)
eine alte Turbine als Blickfang (Foto Ritter 2018)
Ein Relikt: Alte Spritfässer (Foto Ritter 2018)
Tanks in Reihe (Foto Ritter 2018)

Schon weithin sichtbar sind ein bunt bemalter großer Tank und ein hoher Fabrikschornstein. Bei näherer Betrachtung sind es jedoch jede Menge stehende und liegende Tanks, hunderte von kubischen Plastikcontainern, dazu zig Alufässer, die sich im Gewerbegebiet von Rheingönheim um die fünf Stockwerke hohe Produktionseinheit der Alkoholraffinerie gruppieren. Seit 1972 ist die Berkel AHK Gruppe in Rheingönheim ansässig, aber sie hat eine Firmentradition, die bis 1847 reicht.

Was genau wird hier produziert? Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Direkt konsumierbare Spirituosen werden bei Berkel AHK nicht hergestellt. Das erzeugte Ethanol – vulgo Alkohol oder Sprit – geht überwiegend in die Chemie- und Pharma-Industrie, Handwerk und Forschung. Daraus hergestellt werden dann z.B. Hustensaft, Reinigungsmittel, Parfüme, Desinfektionsmittel, Lösungsmittel, Lacke, Glasreiniger, Grillanzünder, Brennstoff, Kraftstoff, Druckfarben, Sherry, Eierlikör und noch viel mehr. Ethanol ist also ein echter Tausendsassa.

Die Berkel AHK stellt seit 1988 den Alkohol nicht mehr selbst aus Vergärungsprozessen her, sondern kauft Rohalkohol, den sie reinigt (Rektifikation), auf einen höheren Prozentsatz hochdestilliert (bis ca. 96%) oder dann noch entwässert (Absolutierung bis 99.99% - mehr geht nicht). Es geht also um die Be- oder Verarbeitung, um die Veredelung, Aufarbeitung oder Verwertung von Alkohol. Das Unternehmen arbeitet also alkoholhaltige Substrate zur Wiederverwendung auf, und es führt auf Wunsch Vergällungen durch. Wichtig sind bei all diesen Prozessen die Einhaltung der nötigen Zollformalitäten.

Zu den wichtigsten betrieblichen Einrichtungen gehört ein Kraftwerk für die eigene Dampf- und Energieerzeugung, die „Destillierkolonnen“ d.h. die Anlagen zur Reinigung und Destillation sowie die Entwässerungsanlage. Ebenso einige Prüfstellen und ein Labor, zur Kontrolle der ein und ausgehenden Ware und die Abfüllung in Lagertanks, Container, Fässer und Kannen. Vom 28.000 Liter Tankzug bis zur Literflasche ist alles möglich. Und natürlich gibt es den Vertrieb und die Verwaltung – beides ist beim Handel mit Alkohol eine Wissenschaft für sich.

Gleich am Eingang der Verwaltung begrüßen einen die Portraits der Firmeninhaber aus bisher vier Generationen. Seit Anbeginn ist das Unternehmen ein Familienbetrieb und wird heute von der 5. Generation geführt.

LUcation Leerguthalle Berkel (Foto Berkel)Zu den ganz besonderen Einrichtungen gehört jedoch die Leerguthalle: Sie kann sich in eine LUcation verwandeln. Das ist einer von bisher 5 ungewöhnlichen Orten, an denen in Ludwigshafen Kultur stattfindet. Dort finden dann gelegentlich z.B. Konzerte oder Lesungen statt.

Erstaunlich sind auch mehrere Kunstwerke und historischen Maschinen auf dem Fabrikgelände. Einige Flächen (wie z.B. der eingangs genannte Tank) tragen die knallbunten Gemälde des Künstlers Carsten Kruse aus Schriesheim. Echt ausgefallen ist auch die Koppel mit vier Eselinnen auf dem Gelände.

Bemerkenswert ist ferner, dass der 1989 verstorbene Seniorchef Dieter Berkel auch als Schriftsteller bekannt wurde. In seinem Roman „Die Alkoholraffinerie“, geht es um Alkoholdiebstahl und Hehlerei, ein augenzwinkernder Krimi und eine Milieustudie von Ludwigshafen aus den 1950er und 60er Jahren.

Nutzung (ursprünglich): 

Alkoholraffinerie

Nutzung (derzeit): 

Alkoholraffinerie und Vertrieb

Geschichte: 

Brennerei in Germersheim

1847 gründet Andreas Berkel, ein Mehlhändler, in Germersheim eine Essigfabrik und Brennerei. Die zweite Generation vergrößert das Verkaufsgebiet in die Südpfalz bis Elsass/Lothringen. Besonders bekannt wird eine Wodkasorte mit dem Namen PAN. Der historische industrielle Backsteinbau mit der Brennerei wird bis heute PAN genannt, dort befindet sich inzwischen u.a. eine bekannte Vinothek, ein Restaurant und einige Wohnungen.

Westend-Industriegebiet um 1920: links Benkiser, rechts Malzfabrik, ganz rechts Sprit- und Presshefefabrik (Quelle Stadtarchiv LU)Arbeit im Ludwigshafener Westend

Der Erste Weltkrieg und insbesondere die Wirtschaftskrise Ende der 1920er lassen das Geschäft einbrechen. 1927 übernimmt die Aktiengesellschaft „Pfälzische Sprit- und Presshefefabrik“ aus Ludwigshafen die „Gebr. Berkel GmbH“.

Dieses Werk lag am Rand der damaligen Stadt in der Jaegerstraße 21-22 – etwa an der Stelle der heutigen 24-Stunden-Tankstelle in der Heinigstraße. Die Westendsiedlung gab es erst ab 1930. Ganz in der Nähe war die Firma Benkiser mit ihren ausgedehnten Werksanlagen ansässig (heute erinnert die Benkiserstraße und die Benkiser Villa noch daran). Außerdem gab es die Pfälzische Malzfabrik in der Nachbarschaft (Jägerstraße 23-24) Die Pfälzische Sprit- und Presshefefabrik war 1888 als Aktiengesellschaft gegründet worden. Sie kauft im großen Stil andere Firmen im Bereich Müllerei, Mälzerei und Spritherstellung und -Reinigung auf. Der Alkohol wird von der „Reichsmonopolverwaltung für Branntwein“ abgenommen.

„Pfälzische Sprit- und chemischen Fabrik Heinz Berkel KG“

Dr. Heinz Berkel arbeitet nun in Ludwigshafen. Seit 1931 ist er mit Laborversuchen zur Herstellung von „Holzzucker“ befasst. Er wird neben dem Dipl. Ingenieur  Karl Schöllhorn der langjährige Direktor der Aktiengesellschaft. Im Zuge der Übernahme der Hefe-Abteilung durch die „Nordhefe“ im Jahr 1955 kommt es zu einer Aufspaltung des Betriebs. Berkel  übernimmt den „alkoholischen Teil“. Er firmiert nun unter „Pfälzische Sprit- und chemischen Fabrik Heinz Berkel KG“. Er stirbt sehr jung im Jahr 1959. Sein Sohn Dieter Berkel, erst 28 Jahre alt, übernimmt die Firmenleitung.

Umzug nach Rheingönheim

Im Zuge der Hochstraßenplanung (Nord) und der Verlegung des Ludwigshafener Bahnhofs (1969) stehen die Fabriken von Benkiser und Berkel im Weg. Es wird ihnen Enteignung angedroht. Nach zähen Verhandlungen bekommt Dieter Berkel ein neues Gelände in Rheingönheim angeboten, 1972 zieht er mit seinem Betrieb dort hin.  (Benkiser zieht nach Ladenburg, nur die Verwaltung bleibt in Lu).

Die Herstellung von Spirituosen in Germersheim gibt Dieter Berkel 1974 auf. In Rheingönheim stellt er zunächst bis 1988 den Alkohol auch noch selbst aus Weizen oder Zuckerrüben her. 1989 stirbt Dieter Berkel, sein Sohn Mathias (ebenfalls gerade 28, übernimmt die Firma in 5. Generation)

Bundesweite Ausdehnung

2001 übernimmt die „Pfälzische Sprit- und chemischen Fabrik Heinz Berkel“ das OST-Berliner Alkohol-Handels-Kontor, AHK. Dort war man bereits seit 1905 im Alkoholgeschäft. Diese Berliner Gesellschaft gehörte seit der Wiedervereinigung zur Firma Kisker in Lippstadt, die ebenfalls auf eine lange Tradition in der Brennereibranche zurückblickt: 1845 gegründet, war sie auf Herstellung und Vertrieb der Spirituosenmarke „Auf´s Blatt" und den Verkauf von ebenfalls Ethanol spezialisiert.

Die neue Berkel-AHK-Firmengruppe besteht nun seit der Übernahme des AHK aus zwei Firmen an drei Standorten: In Ludwigshafen befindet sich die BERKEL Pfälzische Spritfabrik GmbH & Co. KG; sie ist die produzierende Einheit. Außerdem befindet sich in Ludwigshafen eine der drei Handelsniederlassungen der BERKEL AHK Alkoholhandel GmbH & Co. KG. Die beiden anderen Handelsniederlassungen sind – historisch gewachsen - in Berlin und Lippstadt.

Eigentümer: 
Familie Berkel
Erbauer: 
Dieter Berkel
Bauzeit / Umbauten: 
1972
Quellen: 
  • Adressbücher und Stadtpäne im Stadtarchiv Ludwigshafen
  • Diverse Zeitungsartikel
  • Webseite des Unternehmens
  • Handbuch der deutschen Aktiengesellschafen 1943
  • Geschäftsberichte der Pfälzischen Sprit- und Presshefefabrik von 1935-1942
Autor/in: 
Barbara Ritter (Juli 2018)
Letzte Änderung: 
Donnerstag, 26. Juli 2018