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Alte Brauerei Mannheim

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2004/2005 saniertes Mälzereigebäude mit Fluchttreppe hinter blauem Gittervinyl
Blick von der Käfertaler Straße entlang der Röntgenstraße: Direktorenvilla mit prägendem Erker, Altes Sudhaus, Neues Sudhaus, Maschinenhaus, Mälzerei (ehem. Funktionen)
Direktorenvilla mit Hofzugang an der Käfertaler Straße
Sandsteinschmuck an der Direktorenvilla
Das Neue Sudhaus von ca. 1887, umgebaut ca. 1920
Badische Brauerei ca. 1888
Kriegsschäden 1944
Kriegsschäden 1944
Umbau und Sanierung des Mälzereigebäudes 2004
Umbau und Sanierung des Mälzereigebäudes 2004
Foyer über vier Stockwerke im 2004/2005 sanierten Mälzereigebäude
Schlußstein im Gewölbekeller
Schmiedeeisen-Tür am Eingang Käfertaler Straße mit den Initialen von Christoph Hoffmannn um 1883
Vermutlich ein Faßstempelabdruck in der ausgebauten Türschwelle der Direktoren-Villa
Emblem von Gienanth/Eisenberg auf einer Gußstütze im Mälzereigebäude (vgl. http://www.rhein-neckar-industriekultur.de/details.php?id=49)

Bis 1917 produzierte hier die Badische Brauerei AG. Auf ca. 7.700 m² waren alle erforderlichen Funktionsgebäude errichtet einschl. Direktorenvilla, Kraftwerk, Dampfmaschinenhaus und Pferdeställen. Danach erfolgte fast 90 Jahre eine gemischte Nutzung. Die gute Lage und Verkehrsanbindung ließen dann neue Ideen reifen, die im größten Gebäude mit ca. 4.000 m² in Erd- und Obergeschosssen umgesetzt sind. Die ehemalige, 2004/2006 sanierte und umgenutzte Mälzerei ist ein in mehrere Höhen gestaffelter bis zu fünfgeschossiger neoromanischer Backsteinbau. Er wird durch Lisenen, Gesimse und Rundbögen gegliedert.

Manche sprechen von „Brauerei-Schloß”: Hinter diesem Begriff steht nicht nur eine stark gegliederte Fassade. Die Neubauten wurden seinerzeit oft optisch auffällig an damals wichtigen regionalen oder gar überregionalen Verkehrswegen errichtet. Wegen des Platzbedarfs für die Groß-Produktion im Vergleich zur Gasthaus-Brauerei geschah dies meist „vor den Toren der Stadt”. Der Repräsentationswert eines solchen mindestens vierstöckigen Gebäudes stand auch für den herrschaftlichen Anspruch des Inhabers in seinem Unternehmen, die wirtschaftliche Bedeutung der „Bier-Fabrik”, aber auch für den Stellenwert von Bier als wichtigem Produkt für das tägliche Leben zu dieser Zeit. Das gleiche galt für Brauereien in der Rechtsform einer GmbH oder AG: Der Brauerei-Direktor war der Herr im Schloß und und zählte meist zu den Honoratioren der Stadt.

Was aus anderen Brauerei-Schlössern in der Region wurde, sehen Sie hier:

Heidelberg: Ehem. Schloßquell-Brauerei Heidelberg

Ludwigshafen-Oggersheim: Privatbrauerei Gebr. Mayer GmbH & Co. KG. in Ludwigshafen Oggersheim

Mosbach: Alte Mälzerei und Hübner-Villa in Mosbach

Weinheim: Ehemalige Bürgerbrauerei Weinheim

Nutzung (ursprünglich): 

Die Gesamtanlage diente der Badischen Brauerei AG für Produktion, Lager, Verwaltung, Direktorenwohnsitz und Mitarbeiterwohnungen.

Nutzung (derzeit): 

Seit 1917 ca. 30 Gewerbe- und Wohnraummietobjekte

Geschichte: 

Die Gebäude in der Käfertaler Straße 162 entstanden ab ca. 1880 für die Gasthaus-Brauerei „Zur Stadt Lück” in P 2 bzw. die 1886 daraus gegründete Badische Brauerei AG, eine der vier Industriebrauereien außerhalb der Mannheimer „Quadrate” (heutige Innenstadt). Entwürfe und Bauausführung übernahm zumindest zum großen Teil die Mannheimer Baufirma F.&A.Ludwig. In einem der noch erhaltenen Bierkeller ist bis heute ein Gewölbe-Schlußstein von 1883 mit Inschrift. Über 70 gußeiserne Säulen lieferte das Eisenwerk Gienanth in Eisenberg/Pfalz. Zum Gesamtkomplex gehörten u.a. Direktorenvilla, Kontor, altes und neues Sudhaus, Kohlekraftwerk, Maschinenhaus, Brunnen, Mälzerei, Stallungen und Remisen.

Während des 1. Weltkriegs wurde 1917 der Betrieb eingestellt. Im Unterschied zu Brauereikellern in der Nachbarschaft wurden die 2.700 m² der Badischen Brauerei seit ihrer Errichtung in Ihrer Grundstruktur kaum verändert.

Der aus Marburg stammende Tabakfabrikant Wilhelm Niderehe erwarb die Anlage 1920 und nutzte nach Umbauten Teile für seine Zigarren- und Zigarettenfabrikation. Dafür hatte er die Cigarettenfabrik Ophyr GmbH übernommen. Produkte mit dem Rauten-Logo von Ophyr wurden in Deutschland und vermutlich auch in der Schweiz verkauft. Die Markenbildung und -pflege kann durch Logo-Kontinuität, Werbung und Verpackungen belegt werden. Ab 1924 vermietete Wilhelm Niderehe Teile der Gebäude vorwiegend an Betriebe der Kfz-Branche und des Maschinenbaus: Auto-Ernst, Johann Waldherr oHG und Gerberich & Cie. Als Gewerbehof entsprach die gemischte Nutzung in kleinem Maßstab den in den 60er Jahren entwickelten Gewerbegebieten.

Die z.T. „kriegswichtige Produktion” von Waldherr und Gerberich war bei den Kriegsgegnern wahrscheinlich bekannt. Das auch aus der Luft gut erkennbare alte Mälzereigebäude war leichtes Zielobjekt und wurde in der Nacht 5./6.September 1943 getroffen. Bei Luftangriffen wurden fast alle Gebäude entlang der Röntgenstraße schwer beschädigt. „Notdächer” ermöglichten die weitere Nutzung. Teile der Waldherr-Produktion wurden in die Gewölbekeller verlegt. Nach Einstellung der Tabakproduktion im 2.Weltkrieg wurde durch Vermietung der Gewerbehof-Charakter ausgebaut: Metallverarbeitung, Druckerei und Elektrotechnik füllten viele Räume mit Menschen und Gütern.

Ab 1969 wurden Bildung und Freizeit immer wichtiger: Die Schule für Physiotherapie, der 1.Mannheimer Judo-Club und das „Umwelt-Zentrum” boten neue Gelegenheiten. Auch Waren wurden gehandelt: Teppichböden, Autoteile, Spielautomaten, ... . Seit 1998 trieb die Vielfalt des Lebens neue Blüten in den alten Mauern: Informationstechnologie, Multimedia, Event-Support.

Angeregt durch neue Mietinteressenten, die Wirtschaftförderung und den Denkmalschutz der Stadt Mannheim reiften ab 2002 Ideen zu einer grundlegenden Sanierung vorrangig des Mälzereigebäudes. Jürgen Herrmann, der Enkel von Wilhelm Niderehe, verantwortete als Eigentümer ab 2004 die denkmalgerechte Sanierung und Umnutzung zu Büro- und Unterrichtsräumen. Beschädigte Stallungen und dazu umgenutzte Autowerkstätten wurden zugunsten von neuen Parkplätzen abgerissen. Statt große Mengen Gerstenmalz und schwere Sudkessel schultern die gußeisernen Säulen heute etliche Gigabytes - sicher eine ihrer leichtesten Übungen in den letzten 125 Jahren. Ausführliche, bebilderte Chronik: http://www.brauerei162.de/geschichte/index.html

Dr. Monika Ryll / Untere Denkmalschutzbehörde Mannheim: Die ehem. Mälzerei ist ein in mehrere Höhen gestaffeltes bis zu fünfgeschossiger neoromanischer Backsteinbau. Er wird durch Lisenen, Gesimse und Rundbögen gegliedert. Die starke Durchfensterung aller Geschosse lässt die Öffnungen zu einem wesentlichen Gestaltungsmerkmal werden, so dass die neuen Metallsprossenfenster mit größter Sorgfalt ausgewählt wurden. Der gelbe und rote Backstein sowie der Buntsandsteinsockel erhielten mit der aufwändigen Fassadenreinigung ihre materialansichtige Farbigkeit zurück. Im Innern sind besonders die schönen Gewölbekeller und Hallen mit gusseisernen Säulen, die den großzügigen Räumen einen sakralen Charakter verleihen, erwähnenswert. Das Mälzereigebäude und die ehemalige Direktorenvilla haben als Sachgesamtheit Dokumentationswert aus heimatgeschichtlichen und künstlerischen Gründen und stellen somit Kulturdenkmale im Sinne des § 2 Denkmalschutzgesetz Baden-Württemberg dar. Aufgabe und Ziel der Denkmalpflege ist es, die historische Substanz als materielles unwiederbringliches Dokument der Vergangenheit zu wahren, zu pflegen und zu schützen. Dies erscheint als kulturelle Verpflichtung gerade nach den verheerenden Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg und in der Wiederaufbauphase zwingend notwendig. In Mannheim stehen derzeit (2005) 1700 Gebäude unter Schutz; das sind 2 % der gesamten Bausubstanz. Wahrscheinlich fuhr Bertha Benz am 5.August 1888 auf der legendären Fernfahrt nach Pforzheim an der damaligen Badischen Brauerei entlang Richtung Feudenheim. Den gleichen Weg nimmt auch die Bertha Benz Memorial Route. Vgl. http://www.bertha-benz.de

Eigentümer: 
Jürgen Herrmann
Erbauer: 
Baufirma F.&A.Ludwig
Architekt: 
vermutlich Baufirma F.&A.Ludwig, Umbau 2004-2006: Andreas Schmucker
Bauzeit / Umbauten: 
um 1845: erste Bierkeller, 1883-1888 Bau der Brauerei und Mälzerei, 1920 Umbauten, 1945-1955 nach Kriegsschäden Reparaturen und Wiederaufbau, 2002 Abriß ehem. Ställe, 2004-2006 Umbau/Sanierung des Mälzereigebäudes und Abriß ehem.Remisen
Baubestand: 

Vom ursprünglichen Bestand wurden Kontor, Kesselhaus, Stallungen und Remisen abgerissen oder umgebaut. Der große Brunnen mit ca. 4 m Durchmesser und 12 m Tiefe bis zum Wasserspiegel wurde mit Kies und Sand verfüllt und verschlossen.

Quellen: 
  • Broschüre Geschichte, Nutzungen und Sanierung 2004/2005 - Zur Einweihung des sanierten Mälzereigebäudes am 24. September 2005
  • Ergänzungen und Berichtigungen 2007 zur o. g. Broschüre 2005 jeweils mit Chronik, zahlreichen Abbildungen und Quellenliste über Kontakt erhältlich
  • Eine aktuelle Quellenliste steht hier am Ende der Geschichte.
Autor/in: 
Jürgen Herrmann