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Alte Neckarmündung und die Verfüllung des Bonadieshafens

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Panorama
Luftbild 1927 mit Flußbad, Foto: Seiberlich
Biofuel-Anlagen
Bunge und Rhenania-Lagerhaus
Panorama
Pfalzmühle und GEG mit der Einfahrt zum Kaiser-Wilhlem-Becken und TSR-Metall-Recycling
Plan der Mannheimer Bauverwaltung zur Aufschüttung des Bonadieshafens
Heutige Straßenführung und Aufschüttung auf dem Plan von 1913
Besorgtes Schreiben an das Tiefbauamt
Plan vom Zustand um 1890 vor Errichten des Industriehafens

Pan. 3Der Platz ist schwierig zu finden, aber der Blick lohnt die Mühe. Am südlichen Ufer des Bonadieshafens führt entlang der Werkszäune und auf halber Höhe der Uferböschung ein schmaler Trampelpfad, den man durchaus 200 Meter weit gehen kann. Früher hätte man an dieser Stelle nasse Füße bekommen, denn hier war die ursprüngliche Mündung des Neckars in den Rhein.

Von hier aus hat man einen schönen Blick auf folgende Firmen:

  1. VDO - Verein Deutscher Ölfabriken heute Bunge Deutschland GmbH, ansässig seit 1907, eine der größten europäischen Ölmühlen. Seit 2006 wird aus Raps nicht nur Speiseöl sondern bei  M.B.F. Mannheim Biofuel GmbH, einer Tochterfirma von Bunge, auch Treibstoff hergestellt. Zuvor waren hier die landwirtschaftlich chemische Fabrik Zimmer und das Holzbearbeitungswerk Huth ansässig.
  2. Pfalzmühle: Herstellung von Mehl und Gries, 1898 Gründung der AG Pfälzische Mühlenwerke in Schifferstadt, 1909 Verlegung an den Industriehafen, Marke: GOLDPUDER.
  3. GEG - Großeinkaufsgesellschaft Deutscher Konsumvereine, seit 1997 Spedition Wetlog, 1927 errichtet als Mühle, Nudelfabrik- und Malzkaffeewerk zur Belieferung konsumgenossenschaftlicher Filialen. Heute Lager und Ateliers.
  4. Im Vordergrund Einfahrt zum Kaiser-Wilhelm-Hafenen und die Altmetallaufbereitungsanlage von TSR (Thyssen-Sonnenberg Recycling)
  5. ehemals Kältetechnik York: Hier hatte ursprünglich die Schiffswerft und Ankerfabrik Heuß ihren Sitz. Lange Zeit war York-Kältetechnik in den blauen Hallen ansässig, die heute u.a. von einer Spedition genutzt werden.
  6. Die BMW-Niederlassung, die vor allem mit gebrauchten PKW handelt, siedelte sich 1992 an, etwa zeitgleich wie Tassis Trucks OHG, die mit gebrauchten LKW handelt. An der Stelle von Tassis war zuvor die Holzhandlung Huth.
Geschichte: 

Nach der Begradigung des Rheins 1862 wird wenige Jahre später auch der Mündungsabschnitt des Neckars verlegt, der zu dieser Zeit noch an dieser Stelle in den Rhein mündete (Es gab auch Zeiten, in denen der Neckar bei Neckarau in den Rhein floss.).

Nur ein schmaler, verschließbarer Durchlass bleibt für das vom Neckar kommende Floßholz, mit dem hier schwunghafter Handel betrieben wird. Beim Bau des Industriehafens um 1900 bleibt dieser Durchlass erhalten. Das südliche Becken des Bonadieshafen reicht damals viel weiter nach Süden als heute. So konnten Kohleschiffe das Elektrizitätswerk direkt beliefern. Zu dieser Zeit gibt es dort noch einen Nachenhafen und ein Flussschwimmbad. Eine Schiffswerft mit Ankerschmiede hat neben dem E-Werk eine schräge Ebene, auf der Schiffe zur Reparatur hochgezogen werden. Am nördlichen Becken des Bonadieshafens ist die Schleuse für die Schiffe vom und zum Neckar.

Nachdem das E-Werk ab 1927 nur noch als Umspannwerk dient und der Floßholzhandel zum Erliegen gekommen ist, wird es ruhig in diesem Teil des Hafens, sicher zur Freude der Gäste im Flussfreibad, das noch bis in die 1960er Jahre betrieben wird.

Verfüllung eines Teils des Bonadieshafens

Nach dem Zweiten Weltkrieg wird ein großer Teil des südlichen Bonadieshafens mit den Gebäudetrümmern aus der Neckarstadt verfüllt. Auch der Floßdurchlass wird mit einem Damm verbaut. Erst Ende der 1960er Jahre entsteht die gegenwärtige Straßenführung. Die Ankerfabrik schließt in den 1970er Jahren.

Die „Unterbringung von Gebäudetrümmern aus dem Stadteil Neckarstadt“ war schon 1943/44 geplant und am 1.3.44 genehmigt worden. Begonnen wurde aber erst 1947 mit der Verfüllung, da dies auch die Entfernung des  Schlamms und die Sicherung des Ufers bedeutete. Es war Platz für 400 000 Kubikmeter Trümmer. Da aber inzwischen Trümmer auch wieder aufbereitet und zum Bau verwertet wurden, waren nur 80.000 kubM Schutt vorhanden. Es ging am Anfang nicht um Landgewinnung, sondern um die Frage wohin mit dem Schutt. Es wird zunächst vor dem  E-Werk aufgeschüttet. Die Stadt ist davon ausgegangen, dass das aufgefüllte Gelände dann ihr gehört. Das hat das Staatlich Hafenamt aber nach Jahren reger Bautätigkeit anders gesehen.

1947 wird auch das Flussfreibad wieder hergerichtet, dem „dringenden Bedürfnis der Bewohner der Neckarstadt“ entsprechend. Auch die Brücke über die Floßschleuse.

1953 und 1954 wird ein Schuttabladeplatz eingerichtet, in dem auch Gussabfälle von Bopp und Reuther und Benz abgelagert wurden. Die „Gemeinnützige Gesellschaft zur Trümmerbeseitigung und Verwertung“ beklagt bei der Polizei und Stadtverwaltung, dass dort in „halsbrecherischer Art“ die Gussteile herausgezogen und illegal verwertet werden.

1957 wird die Uferbefestigung gebaut und es gibt bereits Interessenten für das neue Gelände (Eisen Knauer und Anker Heuss) Die  Floßschleuse ist noch offen. Es geht jetzt nicht mehr um Schuttunterbringung, sondern um Landgewinnung, um darauf Industrie anzusiedeln oder es zu verkaufen. Die Stadt ist davon ausgegangen, dass das durch Aufschüttung gewonnene Gelände wir beim Bau des Industriehafens in ihr Eigentum übergeht.

Streit zwischen Stadt und Hafenamt

1957 meldet sich das Hafenamt, dass das Gelände dem Lande bzw. dem Hafen gehörte. Es gibt erbitterte Briefwechsel, die sich lange hinziehen. Man einigt sich fast auf eine Aufteilung des Geländes. Die Stadt hat eingesehen, dass sie sich nicht auf die Rechtslage von 1885 beziehen kann.

1961 gibt es eine Rechtsänderung, die positiv wäre für die Stadt, die sie aber nicht rückwirkend anwenden kann. Sie bittet trotzdem um kostenlose Überlassung, da sie bereits viel investiert habe. Der Ausbau und die Verkehrsplanung stocken.

1963 machen die Stadtwerke Druck, dass endlich eine Entscheidung gefällt werden soll, weil beim E-Werk ein Fernheizungswerk geplant werden soll. 1964 macht der Ausbau des Kopfes der Jungbuschbrücke noch mehr Druck, endlich zu einer Verkehrsplanung am Bonadieshafen zu kommen.

1964 wird ein Plan aufgelegt, die Industriestraße bis zur Inselstraße zu verlängern.

1965 Einigt man sich zwischen Hafen und Stadt auf eine Aufteilung des Neulandes, aber die Aufsichtsbehörde stimmt dem nicht zu.

1966 Schreibt das Hafenamt einen Brief an die Stadt („Wir sind dazu da, einen Hafen zu betreiben und nicht zuzuschütten…“)* und stellt Forderungen an die Stadt, was sie kostenlos an Infrastruktur für die Uferbefestigung, Kanalisation usw. zur Verfügung zu stellen habe.

Es geht jetzt auch um die Zuschüttung der Floßschleuse. Der Bonadieshafen soll laut Planfeststellungverfahren etwa auf Höhe der Einfahrt in das Kaiser-Wilhelmbecken zugeschüttet werden. Gegen diese Planung legt die VDO Widerspruch ein, weil sie ihre Anlegestellen südliche ihres Geländes behalten will und überhaupt weil sie in das Verfahren bisher nicht einbezogen worden sein. Eisen-Knauer, der am meisten Gelände gemietet (oder gekauft) hat, legt keinen Widerspruch ein. Die Ankerschmiede Heuss hat ein kleineres Grundstück zur Fahrrinne in den KW-Hafen. Im Ergebnis wird die Auffüllung nicht so weit nach oben gelegt. Man hat sich offenbar mit VDO geeinigt.

1967 wird die neue Verkehrsführung geplant, die in etwa der jetzigen entspricht.

* ... und 1971 später lässt das Hafenamt auch den Binnenhafen verfüllen...

Der Straßenstrich

1968/69 wird im Gemeinderat und in der Stadtverwaltung aufgrund einer Änderung im Steuergesetz das „Dirnenunwesen“ behandelt. Es ist in der Innenstadt, Neckarstadt  und Jungbusch ein Sperrbezirk eingerichtet worden, mit einigen Ausnahmen. Der Eingang der Lupinenstraße (Neckarstadt West, auch heute noch eine abgeschottete Bordellgasse) wird mit Sichtschutz versehen. Es wird darüber hinaus dringend ein Straßenstrich mit Gaststätte gebraucht, um die Dirnen aus dem Jungbusch wegzubekommen. Der wird genau da eingerichtet, wo er auch heute ist. Ein privater Bordellbesitzer baut die Gaststätte "Bratröhre". Die Stadt erfasst genau, wann wie viele Arbeiter (männlich, weiblich, Erwachsen) aus den Betrieben und Wohnhäusern dort vorbei kommen. Eisen-Knauer ist gegen die Einrichtung eines Straßenstrichs, er fürchtet um seinen Ruf (bald hieße es wohl „Knauer Eisen und Puff“) und um die Arbeitsmoral seiner „Gastarbeiter“.

Die inzwischen legendäre Kneipe „Bratröhre“ hat es noch bis ca. 2000 dort gegeben. Seit 2013 ist an ihrer Stelle eine Autowaschanlage.

Quellen: 
  • Dezernats und Hauptamtsakten aus dem Stadtarachiv Mannheim: Trümmeranschüttung im Bonadieshafen 1967 – 1977: Bestellnummer 3/1993 (Lfd.-Nr. 1804), 1947-1966: Bestellnummer 42/1975 (Lfd.-Nr. 1491
  • Stadtarchiv Mannheim Bestand Ordnungsamt:  Dirnenstrich Bonadieshafen, Bestellnummer: 1/1981 (Lfd.-Nr. 31)
Autor/in: 
Barbara Ritter