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Bürohäuser der Nahrungsmittelindustrie-Berufsgenossenschaft in Mannheim

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Fassaden der beiden Häuser
Säulen in der Nr.24
Boden und Wandverkleidung in Nr. 24
Gusseiserner Heizkörper in Nr. 22
Heizkörper in Nr. 24
Eingang zur Nr. 24
zwei Meter hohe durchbrochene Keramik (Obst und Vögel)
Stuckdecke in der Renovierungsphase in Nr.24
Wandschmuck im Eingang von Nr. 22
Messingtür in Nr. 24
Keramik-Rosette und gestaltet Betondecke in Nr. 24
Der Eingang zur Nr. 22 hat Anklänge an die neue Sachlichkeit

Nicht nur die imposanten fünf Stockwerke hohen Fassaden beider Häuser sind sehenswert, sondern vor allem die beiden Eingangsfoyers. Beide Häuser dienten bis Ende der 1960er Jahre der Nahrungsmittel-Berufsgenossenschaft als repräsentative Bürogebäude.

Im Haus Nr. 22 ist das Entrée mit poliertem Naturstein verkleidet, der mit seinen Farbabstufungen und mit den Messing-Griffen der inneren Glastüre viele Art-Deco Elemente enthält. Auch der ursprüngliche Heizkörper mit gusseisernem Dekor ist erhalten.

Das Vestibül von Haus Nr. 24 ist durch eine messingfarbene Bronzetür der Berliner Fa. S.A. Loevy zugänglich. Überbordender Bauschmuck, vor allem in grüner Keramik, Bandelwerk, Fries, Masken und Vasen aus Majolika, Mosaik-Steinfußboden, dorischen Säulen, Stuck und aufwändigen Sprossentürelementen beschreiben den hohen repräsentativen Anspruch, mit dem die Genossenschaft ihre Besucher empfangen wollte. Tatsächlich war die Nahrungsmittelindustrie in Mannheim mit seinen vielen Mühlen ein wichtiger Industriezweig. Der Keramische Schmuck, der sehr naturalistisch Nahrungsmittel darstellt, wurde in der Karlsruher Majolika Manufaktur hergestellt

Auch die großzügigen, teilweise mit Stuck und Wandvorlagen ornamentierten Vorräume der oberen Etagen sowie die beiden unlängst wieder von Zwischenwänden bereinigten Sitzungssäle mit Parkett und Stuckdecke im 2.OG weisen hohe künstlerische Qualität auf.

Beide Fassaden fallen durch ihre niedrigen Sockelgeschosse und Eingangsbereiche auf. Während in der Nr. 22 nur das Erdgeschoss rustiziert ist, werden in der Nr. 24 zwei Geschosse mit Bossenquadern zusammengezogen. Die imposante Schauseite der Nr. 24 ist im Stil des italienischen Frühbarocks (Portalumrahmung mit gesprengtem Giebel, Rustika-Halbsäulen, Schlussstein, Triglyphen, Pilaster großer Ordnung über 3 Etagen) behandelt. Das Nachbarhaus lässt mit seiner strengen Fassade bereits Anklänge an die Neue Sachlichkeit erahnen.

Nutzung (ursprünglich): 

Nr. 22 Mietshaus, später Geschäftshaus Nr. 24 Geschäftshaus

Nutzung (derzeit): 

Geschäftshäuser; gedacht ist an eine gewerbliche Nutzung im Erdgeschoss und Büropraxen im 1. - 5. OG.

Geschichte: 

Die Augustaanlage war zu Beginn des 20. Jahrhunderts weitgehend unbebaut. 1907 fand entlang der Allee – auch auf den Grundstücken Augustaanlage 22-24 - anlässlich des 300jährigen Stadtjubiläums die Große Kunst- und Gartenbauausstellung statt. 1911 errichtete der Architekt Rudolf Robert Armbruster BDA, zugleich Inhaber eines Mannheimer Baugeschäftes, auf seinem eigenen Anwesen Nr. 22 das fünfgeschossige Mietswohnhaus aus rotem Sandstein. 1913-14 erbaute die 1885 gegründete Nahrungsmittel-Industrie-Berufsgenossenschaft das angrenzende ebenfalls fünfgeschossige Gebäude aus hellem Sandstein nach Entwürfen der Mannheimer Architekten Hugo Detert und Adam Ballenstedt. Beide gingen als Sieger eines 1912 in der Hamburger Verbandszentrale ausgelobten Wettbewerbs hervor.

Während die Berufsgenossenschaft ihr Anwesen bis 1968 nutzte, wechselten im Nachbarhaus häufig die Eigentümer und Bewohner. Zu Beginn der 1920er Jahre erwarb das schweizer Ehepaar Berta und Eugen Rosengart die Augustaanlage 22. Das jüdische Ehepaar Rosengart musste 1937 das Haus in der Augustaanlage 22 weit unter Wert verkaufen. Die Nahrungsmittel-Industrie-Berufsgenossenschaft wurde nun Eigentümer auch dieses Anwesens und erweiterte dadurch ihre Bürofläche.

Während des Krieges wurde die Messing-Eingangstür mit schwarzer Farbe angestrichen, was bis in den 1980er Jahre in Vergessenheit geriet. Erst seither strahlt sie wieder in voller Pracht. Beide Gebäude erlitten während des Zweiten Weltkriegs im Dachbereich schwere Zerstörungen Beide Häuser gingen zu Beginn der 1970er Jahre an das Land Baden-Württemberg über, das hier das Staatliche Schulamt, das Gewerbeaufsichtsamt, die Landesanstalt für Umweltschutz B.-W. sowie die Pädagogische Zentralbibliothek unterbrachte.

Im Jahre 2007 erwarb die Plan Plus Faktor Entwicklungsgesellschaft Frankfurt beide Grundstücke. Die Kulturdenkmäler wurden saniert, teilweise rückgebaut und für eine gewerbliche Nutzung umgebaut.

Eigentümer: 
Investor Henry H. Faktor, Frankfurt am Main
Erbauer: 
Rudolf Robert Armbruster, Nahrungsmittel-Industrie-Berufsgenossenschaft
Architekt: 
Rudolf Robert Armbruster, Hugo Detert und Adam Ballenstedt
Bauzeit / Umbauten: 
1911, 1913-14, Renovierung seit 2007
Quellen: 

Informationsblatt zum Tag es offenen Denkmals 2008, Monika Ryll/Untere Denkmalschutzbehörde Mannheim

Autor/in: 
Monika Ryll, Fotos Barbara Ritter