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Badenia-Maschinen-Fabrik / Naturin-Wursthüllen-Fabrik in Weinheim

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Badenia-Maschinenfabrik direkt an der Bahnlinie - Quelle: Stadtarchiv Weinheim
Nördliche Einfahrt zum heutigen Naturin-Werk
Historische Fassade, leider mit Farbe gestrichen
Historische Fassade neben der Main-Neckar-Bahn
Nördliche Werkseinfahrt mit Pförtnerhäuschen aus den 50er Jahren (?) und Gebäude
Badenia-Naturin: Lage des Werks direkt östlich der Main-Neckar-Bahn mit versch. alten Fassaden
Adam Platz 1904 - Darstellung der Schützengesellschaft - im Museum der Stadt Weinheim
Bauerngruppe mit Kindern vor einer Badenia-Dreschmaschine um 1900  - Quelle: Stadtarchiv Weinheim
Badenia-Arbeiter um1907 - Quelle: Stadtarchiv Weinheim
Badenia-Dreschmaschine in Zaisenhausen um1910 - Quelle: Stadtarchiv Weinheim
Badenia-Plakat Vorderseite - Quelle: Stadtarchiv Weinheim
Badenia-Plakat Rückseite - Quelle: Stadtarchiv Weinheim
Schraubenschlüssel der Badenia-Maschinenfabrik
Modell einer Dampfmaschine von 1893 im Museum Weinheim / Schenkung von Claudia Falkenstein
Schild am Modell einer Dampfmaschine im Museum Weinheim
Kanaldeckel in der Moselstraße 2 in Weinheim - Foto von Dr. Klaus Zöllig
Holzmodell Flügelrad - Sammlung Ziegler
Schneidblatt eines Strohhäckslers - Sammlung Ziegler
Gravur auf dem Schneidblatt eines Strohhäckslers - Sammlung Ziegler
Postkarte als Badenia-Werbung: Lokomobile mit Generator beleuchtet Vergnügungsplatz. - Quelle: Stadtarchiv Weinheim
Badenia-Modell auf einer Ausstellung (Vordergrund) - Quelle: http://www.albert-gieseler.de/dampf_de/imageHtml/imagedet101979.shtml
Modell im Deutschen Museum München
Text zum Modell im Deutschen Museum München
Kleingeldersatzmarken - Durchmesser des 1-Pfennig-Stücks von Kant zu Kante 16 mm
Kleingeldersatzmarken - Durchmesser des 1-Pfennig-Stücks von Kant zu Kante 16 mm

Sechs rauchende Schornsteine in der historischen Ansicht: eine Eisen-, Metall-Gießerei und Maschinenfabrik in Weinheim. In der touristisch entwickelten Zwei-Burgen-Stadt ist das heute nicht mehr „angesagt”. Doch bis 1954 wurden hier landwirtschaftliche Maschinen gebaut, die den Landarbeitern die immens schwere Arbeit auf den Feldern und in den Höfen erleichterten und die Arbeitsproduktivität vervielfachten.

Von den Backsteingebäuden mit ihren Historismus-Fassaden ist auf den ca. 70.000 Quadratmetern nur wenig original erhalten. Manche sind mit Farbanstrichen abgedeckt. Viele Fassaden sind umgestaltet. Am stadtseitigen Haupteingang machen rote Fensterrahmen und Gebäudekanten im Kontrast zu weißen Fassaden einen „sauberen Eindruck”. Der ist der aktuellen Nutzung angemessen: Die hygienisch einwandfreie Produktion von Wursthüllen, deren Absatzgebiet dem der Landmaschinen früher ebenbürtig ist. Die Hauptabnehmer der Wursthüllen sind in Deutschland sowie in USA, Kanada und Südamerika.

Die Kleingeldersatzmarken stammen vermutlich aus dem ersten Weltkrieg. Der Metallbedarf der Kriegsindustrie führte zu Kleingeldmangel. Bei beginnender Inflation wurde der Materialwert von Silbermünzen höher als ihr Nominalwert. Privates Horten führte so zu weiterem Kleingeldmangel. Nur öffentliche Verwaltungen und hohes Vertrauen genießende Firmen konnten derlei Not„geld” ausgeben.

Nutzung (ursprünglich): 

Eisen-, Metall-Gießerei und Maschinenfabrik

Nutzung (derzeit): 

Fabrik künstlicher Wursthüllen

Geschichte: 

Badenia

Der Gelbgießermeister Wilhelm Platz (1804-1878) kam 1834 aus Fürth im Odenwald nach Weinheim, wo er in der Hauptstr. 55 eine kleine Werkstatt u.a. für Feuerspritzen und Messingarmaturen eröffnete. Schon 1840 erteilte ihm das Innenministerium von Baden die beantragte Gewerbekonzession zum Mechanikus und Maschinenbauer, was den Grauguß (Eisenguß) erlaubte. Er lieferte die gußeisernen Räder für die Rollkarren beim Eisenbahnbau, durch den Weinheim 1846 über die Strecke Darmstadt-Mannheim/Heidelberg an das wachsende Netz angeschlossen wurde. Im gleichen Jahr gab es für Werkstatt und Gießerei mehr Platz in der ersteigerten vorm. Öhligmühle in der Müllheimertalstr. 5. Dort wirkten mit dem Unternehmer anfangs acht Handwerksgesellen und Arbeiter. In den Lederwerken arbeiteten da schon über 150 Menschen. 1872 gab es bei Platz Arbeit für 16 Menschen. Erst 1880 erreichte die Firma Wilhelm Platz Söhne die Arbeiterzahl von 150 und fertigte 5.000 Maschinen für die Landwirtschaft.

Philipp Platz (1839-1919), der ältere Sohn des Firmengründers, hatte in USA unternehmerische Erfahrungen gesammelt und übernahm 1865 das Unternehmen zusammen mit seinem Bruder Adam (1843-1909). Von 1884 bis 1887 wurde an der Main-Neckar-Bahn eine neue Fabrik mit eigenem Gleisanschluß errichtet. 1884 fertigten 150 Menschen u.a. die 20.000. Häckselmaschine. Die Umfirmierung 1890 in die Aktiengesellschaft Badenia führte zu einem der wichtigsten Landmaschinenproduzenten in Deutschland. Wichtige technische Entwicklungen erhielten Patente. So auch die Wiesen-Moos-Kettenegge. Auf Ausstellungen bekamen die Badenia-Produkte zahlreiche Goldene, Silberne Medaillen und Ehrenpreise, die in Prospekten stolz in Abbildung präsentiert wurden. Der Verkauf erfolgte weltweit bis nach Mexiko und das damals niederländische Java (1904). Die Arbeiterzahl stieg bis 1907 auf 703. Eine Betriebskrankenkasse minderte 1908 das Risiko einzelner Arbeitnehmer wie auch des Unternehmens. Schon seit 1894 gab es einen Werkschor. Dessen Gründung durch die Unternehmensleitung war sicher auch gedacht als "Gegenmittel" zu den entstandenen, sozialistisch orientierten Arbeitervereinen.

Auf dem 70.000 Quadratmeter großen Werksgelände waren drei Lokomobilen und drei Heißdampfmaschinen mit zusammen über 700 PS installiert. Sie sorgten für den Betrieb von 500 Werkzeugmaschinen, elektrisch betriebenen Laufkranen und des elektrischen Lichts in allen Räumen. Die Gießerei verbrauchte für den Eigenbedarf 4.500 Tonnen Eisen jährlich. „Locauto's” hießen dampfbetriebene Zugmaschinen für die Straße im Jahr 1910. Technisch überholt war dieses Konzept mit der Entwicklung des Bulldogs der Firma Lanz im benachbarten Mannheim, der 1923 in Serie ging. Bis zu 600 PS hatten feststehende Lokomobilen, deren Vorzüge im Vergleich zu festaufgebauten Dampfmaschinen im Verkaufsprospekt von 1911 hervorgehoben wurden. 30.000 Maschinen wurden 1913 gebaut und an Landwirte, Lohndresch-Unternehmer und Dreschgenossenschaften verkauft. Zu den Kunden gehörten städtische Elektrizitätswerke, Bauunternehmungen, Glashütten, Mühlen und Brauereien. Zur Produktionspalette gehörten Dampfkessel und Gußeisen bis 1892, Dreschmaschinen, Futterschneidemaschinen, Göpel, Jauchepumpen, kleine landwirtschaftliche Geräte, Landmaschinen, Lokomobilen, Rübenschneider, Schrotmühlen, Trauben- und Obstpressen sowie ab 1935 Maisdreschmaschinen. Die Produkte wurden in zahlreichen, teils mehrfarbig auf Glanzpapier gedruckten Prospekten angeboten.

Nach dem für Deutschland verlorenen ersten Weltkrieg war die Badenia-Fabrik von fast allen ausländischen Absatzgebieten abgeschnitten. Elsaß-Lothringen war wieder französisch, das deutsche Gebiet westlich des Rheins besetzt und unter fremder Wirtschaftsverwaltung. Ende 1918 waren ca. 1.100 Mitarbeiter ohne Arbeit. Der Gewinn ging zurück auf 53.700 Mark 1924 und 8.800 Mark 1926. 800 meist hochqualifizierte Mitarbeiter wie Ingenieure, Techniker und Monteure mit Auslandserfahrung wurden entlassen. Die Stadt Weinheim übernahm nach weiteren 95 Entlassungen eine Ausfallbürgschaft in Höhe von 1.000.000 Mark. Übernahmegespräche mit einem britischen Unternehmen scheiterten in der Weltwirtschaftskrise 1929. Die Nähe der Lanz-Landmaschinenfabrik im nur 16 km entfernten Mannheim hat vielleicht auch eine Rolle gespielt. Der bestellte Liquidator (ohne Namensnennung in der Quelle) soll „privat und geschäftlich mit der Firma Lanz verbunden” gewesen sein. Die Weinheimer Maschinenfabrik Keller & Co übernahm einen großen Teil der Hallen und des Geländes und führte die Produktion von landwirtschaftlichen Geräten weiter.

Ein Badenia-Zweigwerk in Schwerin (?) ging an die Dampfmaschinenfabrik Rudolf Wolf in Buckau bei Magdeburg, die mit Lanz Mannheim eine Absprache hatte. Derzufolge würde Lanz keine Dampfmaschinen mehr bauen. Der Lanz-Bulldog als moderner Traktor mit Verbrennungsmotor war 1929 schon einige Jahre in Serienfertigung.

Schon 1929 wurde ein Teil der Werkhallen an die Naturin Werke GmbH & Co. verkauft (s.u.). Diese Firma übernahm 118 Arbeiter von Badenia. Wahrscheinlich standen viele ehem. Badenia-Hallen leer. Zeitweise wurden sie anderweitig genutzt. Die Sportabteilung der NSDAP Ortsgruppe Weinheim gehörte 1931 dazu. Von 1944 bis 1945 waren kriegsbedingt Teile der Daimler-Benz-Fertigung für den Lizenzbau des Opel-Blitz von Mannheim hierher verlegt. Dabei waren ehem. Badenia-Mitarbeiter eingesetzt. Auch die Mannheimer Blechemballagenfabrik Stephan und Hoffmann kam in die alten Hallen. Weitere Nutzer waren die landwirtschaftliche Produktenhandlung Georg von Büren und die Metallverwertung Alois Zorell sowie die US-Armee mit einer Kfz-Werkstatt.

Nach dem zweiten Weltkrieg war das Absatzgebiet für Badenia-Maschinen noch weiter geschrumpft. 1954 wurde die Herstellung vollständig eingestellt.

Der jüngere Sohn des Firmengründers Adam Platz (1843-1909) wirkte nicht nur als Badenia-Teilhaber und -Vorstandsmitglied. Schon mit 23 Jahren war er Gründungsmitglied des Weinheimer Vorschussvereins (heute Volksbank) und mit 25 Jahren engagierte er sich bei der Gründung des Verschönerungsvereins, aus dem 1890 die Weinheimer Sektion des Odenwaldklubs hervorging. Mit seinen Initiativen in diesen und anderen Vereinen sowie in Kooperation mit anderen Honoratioren der Stadt brachte er Weinheim voran: von einer an vielen Stellen noch ländlichen Stadt mit freilaufenden Hühnern zu einer Vorzeige-Stadt für Einwohner und Gäste.

Philipp Wilhelm Platz (1866-1929), der Sohn von Philipp Platz und Enkel von Firmengründer Wilhelm Platz, wurde bekannt als „Dichter und Ingenieur“. Er veröffentlichte Werke mit Odenwälder und Kurpfälzer Bezug.

Naturin

Bei der Lederproduktion entsteht neben dem Leder für Schuhe, Taschen u.ä. aus der Spaltschicht in erheblichen Mengen das sog. Leimleder. Es war und ist Grundlage zur Gewinnung von Leim und Gelatine. Der Wurstbedarf der Deutschen, genauer gesagt der Wursthüllen-Bedarf ließ und läßt sich mit einheimisch erzeugten Naturdärmen nicht decken. Zwischen 1924 und 1933 wurden jährlich für 40 bis 90 Millionen Reichsmark Naturdärme nach Deutschland eingeführt. Ein alternatives Produkt hatte also Aussicht auf wirtschaftlichen Erfolg. Das nationale Autarkie-Denken war bei vielen Menschen verbreitet. Walter Becker suchte seit den 20er Jahren einen Weg, um „aus den tierischen Hautfasern einen dem Naturdarm ähnlichen Kunstdarm nachzubilden”. Das Problem war, die für die Reißfestigkeit wichtigen, natürlichen Längs- und Quer-Faserrichtungen im Naturdarm technologisch gleichwertig zu erzeugen. Das gelang mit sog. Ringdüsen. Die Produktionsreife des weltweit ersten Kunstdarmes aus Rinderhautcollagen wurde 1931 erreicht. Die kommerzielle Produktion des Naturin-Darms erfolgte ab 1932 durch die Firma Becker, Schulze & Co in Hamburg-Altona. Das innovative Produkt wurde stark nachgefragt. Neben der Verwendung im handwerklichen Metzgerbetrieb wurde der Kunstdarm später zur Grundlage der industriellen Wurstproduktion, einer neuen Industriesparte.

Die Lederfabrikanten Hans und Richard Freudenberg in Weinheim waren an einer Zusammenarbeit interessiert. Die Rohstoff-Erfahrungen der Firma Carl Freudenberg waren nützlich. Die Ausgangsware Leimleder kam von Freudenberg und die süddeutschen Wursthersteller waren auch nicht weit. Ein Teil des Badenia-Geländes stand zum Verkauf und wurde zum neuen Sitz der von Hamburg hierher verlegten Firma Naturin-Werk Becker & Co. Die Rohstoffaufbereitung erfolgte ab 1933 im sog. Massebau bei Freudenberg.

Zur Einweihung sprach der nationalsozialistische Ministerpräsident von Baden Köhler, der aus Weinheim stammte. „Ein Vertreter des Hauses Freudenberg war der letzte Redner des Nachmittags.” (Hakenkreuzbanner) Ein Freudenberg-Inhaber hatte demnach wahrscheinlich nicht teilgenommen.

Die Produktionsmenge an „Mitteldärmen” betrug 1937 56.000 Kilometer. Der gut verdauliche Naturin-Darm wurde zum „Universaldarm” für alle Wurstarten. 1955 waren 800 Arbeitsplätze ausgelastet. 1962 kam die erste eßbare Collagen-Wursthülle als Naturin-Eiweiß-Saitling ins Sortiment. Der Aufbau einer Wursthüllenproduktion auf Polyamidbasis (Kunststoff) eröffnete ab 1970 neue Anwendungsmöglichkeiten. 1990 wurde das bisherige Familienunternehmen Naturin GmbH & Co. KG in den spanischen Konzern Viscofan S.A. integriert. Die Wursthüllen auf Cellulosebasis (Schäldärme) von Viscofan runden seither das Naturin-Angebot an künstlich hergestellten Wursthüllen ab.

Die Produkte verlangen hohe Qualitätsnormen, die bei der Konstruktion der Maschinen, den Verfahrenstechniken und der Produktionsplanung maßgeblich sind. In einer eigenen anwendungstechnischen Abteilung (AWETA) wird der Produktionsalltag der Kunden simuliert, um produktionstechnische Probleme zu lösen. Zur Unternehmenskultur ca. 1990: „Naturin fühlt sich als ehemaliger Familienbetrieb einer Tradition verpflichtet, die den engagierten Mitarbeiter als Garant für den Unternehmenserfolg sieht.”

Erbauer: 
Wilhelm Platz Söhne
Baubestand: 

Bauphasen und Umbauten sind noch nicht recherchiert.

Quellen: 
  • Grau, Ute und Guttmann, Barbara: Weinheim – Geschichte einer Stadt, Edition Diesbach Weinheim 2008
  • Weinheimer Nachrichten: Sonderausgabe 1200 Jahre Weinheim 30. Juli – 8. August 1955
  • Gerhard A. Schmitt: Die Maschinenfabrik Badenia, Typoskript (Schreibmaschine) undatiert, 3 Seiten – im Stadtarchiv Weinheim
  • Wilhelm Platz: Dichter und Ingenieur – Mein Werdegang, Biographie, Typoskript (Schreibmaschine) vor 1929, 309 Seiten – im Stadtarchiv Weinheim
  • Weinheimer Nachrichten 8. September 2009: Ein Blick auf einst blühende Gärten
  • Weinheimer Nachrichten 31. Oktober 2009: Er war voller Liebe für seine Heimatstadt
  • Hakenkreuzbanner 24. Januar 1934: Bergsträßer Beobachter – Abschrift im Stadtarchiv Weinheim
  • Casdorff, Heinz: Die bunte Zunfttruhe – Eine Wanderung durch die Jahrhunderte – Naturin, Hamburg ohne Jahr
  • Innenansichten – Naturin stellt sich vor, Weinheim ohne Jahr – nach 1990
Autor/in: 
Jürgen Herrmann