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Bahninsel Mannheim

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Giebel des Lokschuppens (Foto Ritter, 2010)
Lokschuppen als Insel im Abrissgeschehen, links der Victoria-Turm, das höchste Haus in Baden Württemberg  (Foto Ritter, 2010)
Werkstatt mit Jahreszahl 1872  (Foto Ritter, 2010)
Fenster der Fahrzeughalle (Foto Ritter, 2008)
Jugendstilornament am Fenster der Fahrzeughalle (Foto Ritter, 2008)
die mittelere Grube im Lokschuppen mit der schön gestalteten Ausfahrt (Foto Ritter, 2010)
Rundfenster am Giebel des Lokschuppens (Foto Ritter, 2008)
Tore des Lokschuppens nach Osten (Foto Ritter, 2010)
Lichtband und Gebälk im Lokschuppen (Foto Ritter, 2010)
Norbert Knopp und Harald Baumann säubern Backsteine der abgetragenen Fahrzeughalle (Foto: Baumann)
Das kleine Haus ist in Container verstaut, nach fast tausend Stunden Handarbeit - Harald Baumann und Norbert Knopp haben Grund zum Feiern (Foto: Baumann)
Die weitgehend überwucherte kleine Fahrzeughalle
Die Längsseite der Fahrzeughalle zeigt die aufwändigen Backsteinverzierungen
Detail am Fenster (Fahrzeughalle) Foto: Baumann
Rundfenster an der Fahrzeughalle (Foto: Baumann)
Situation während der Abtragearbeiten, Steine sind schon numeriert (Foto: Baumann)
Hinter den zugemauerten Fenstern sind die Sprossenfenster aus Stahl erhalten  (Foto Ritter, 2014)
Die Gruben sind bereits zugebaut, die Schienen jedoch erhalten  (Foto Ritter, 2014)
auch das filigrane Tragwerk aus Holz bleibt erhalten (Foto Ritter, 2014)
Die grünen Tore werden weiter genutzt (Foto Ritter, 2014)

Der Begriff „Bahninsel“ umschreibt treffend die Situation von drei historischen Bahn-Gebäuden südwestlich des Mannheimer Hauptbahnhofs: Sie liegen derzeit inmitten einem Meer von Schutt, und Baustellen für das "Glückstein-Quartier“ sein, ein neues Stadtquartier im Stadtteil Lindenhof. Eines der Bahn-Häuser ist schon gar nicht mehr zu sehen, denn es wurde von einer Bürgerinitiative sorgfältig abgetragen und in Containern verstaut. Es handelt sich bei den Gebäuden um den alten Lokschuppen, das Werkstattgebäude und um eine kleine Fahrzeughalle.

Auf der Bauplane ist die Innenansicht des Lokschuppens 1:1 abgebildet (Foto Ritter 2016)Seit Anfang 2016 werden die beiden großen Gebäude aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt. Die Investoren Matthias Jarcke (Architekt), Dirk Kuchenbuch und Martin Köster (Chefs der Mannheimer Firma Krücken Organic GmbH) werden die Büros für ihre beiden Unternehmen im Lokschuppen einrichten. In das Werkstattgebäude soll Gastronomie einziehen.

Lokschuppen und Betriebswerkstätte: Die beiden gründerzeitlichen Gebäude gehören zu den ältesten Teilen des 1872-1876 errichteten (zweiten) Mannheimer Hauptbahnhofes, der auf der anderen Seite der breiten Gleisanlagen zu sehen ist. Durch den Lokschuppen führen früher drei Gleise von Ost nach West. Im Inneren weist der Lokschuppen drei Stände mit je 50 m Länge auf, die ursprünglich alle als Längsgruben gemauert waren, von denen Wartungsarbeiten von unten durchgeführt werden konnten. 

Beide Gebäude sind 1872 in regelmäßigem Schichtenmauerwerk aus Buntsandstein errichtet worden. Von außen ist der Lokschuppen giebelseitig mit jeweils drei Einfahrten und großen Metalltüren ausgestattet, in der Mitte mit einem runden Fenster. Der Giebel ist am Ortgang mit Stufenornament verziert. Die langen Seiten sind in 11 Felder gegliedert, getrennt durch Lisenen. Zum Bahnhof hin befinden sich große Fenster, während nach Süden offenbar später ein Anbau errichtet wurde. Das Dach ist mit einem gläsernen Lichtband im Firstbereich versehen, das viel Licht in die Halle lässt. Darauf befinden sich noch Entlüftungsaufsätze, die nicht ursprünglich sind. Heute sind im Inneren des Gebäudes keine Loks oder andere Wägen zu sehen, es stehen mehr oder weniger moderne Gerätschaften des Bahnwesens herum. Außerordentlich beeindruckend ist aber die Konstruktion des Daches mit seinen vielen Holzbalken und Verstrebungen. Auch die Gruben sind noch erkennbar. In den modernen Vorbauten sind Büros untergebracht.

Die Betriebswerkstätte, ca. 10 Meter südlich und parallel zum Lokschuppen erbaut, ist dagegen ein lang gestreckter zierloser Funktionsbau. Auffallend sind die paarweise gruppierten großen Fenster. Die Erhaltung und Nutzung beider Gebäude ist eine langjährige Forderung der Bürger-Interessen-Gemeinschaft Lindenhof (BIG) und anderer Vereine.

Die historische Schienenfahrzeughalle (sehr ausführlich beschrieben siehe Download): Die ehemalige, sehr kleine (100qm) Schienenfahrzeughalle war in den letzten Jahrzehnten von wildem Wein fast gänzlich überwuchert. Sie weist von allen drei Gebäuden die architektonisch detailreichste Fassade aus Vormauerziegeln und Sandsteinen auf. Die Fenster sind aus Guss- und Schmiedeeisen mit floralen Verzierungen, die auf Jugendstil hinweisen.

Weder die Zeit der Erbauung, noch ihr ursprünglicher Zweck sind eindeutig geklärt. Es deutet viel darauf hin, dass sie erst um 1900 als Schienenfahrzeughalle gebaut wurde, denn das Gebäude hatte sogar Gleisanschluss. Andererseits war das Gebäude so niedrig, dass es mit üblichen Dampflokomotiven nicht durchfahren werden konnte. Bis zu seiner Auflassung nach dem 2. Weltkrieg, in dem es stark beschädigt wurde, diente das Gebäude nach Aussage eines früheren Bahnmitarbeiters als Schmierstofflager.

Nachdem die Stadt Mannheim die Bahninsel von der Bahn AG abgekauft hatte, haben sich einige Lindenhofer Bürger, insbesondere Herr Harald Baumann für den Erhalt des historischen Gebäudes durch Abtragung und Wiedererrichtung in anderer Örtlichkeit ausgesprochen. Die Stadtverwaltung begrüßte die Bürgeraktion und ließ LKW – Aufleger zur Einlagerung der wichtigen gesäuberten Bauteile und Baustoffe bereitstellen. Die Arbeiten wurden von 8. Juni bis 9. Dezember 2009 in ehrenamtlichem Engagement durchgeführt. (Vergleiche hierzu die als download beigefügten Dokumente)

Nutzung (ursprünglich): 

Lokschuppen, Werkstatt, Fahrzeughalle, Büros und Geräte des Fahrleitungsbetriebes

Nutzung (derzeit): 

Planung: Büros und Gastronomie

Geschichte: 

In den Gebäuden wurden ab 1872 die Reparaturen an den 18 Lokomotiven, 98 Personenwagen, 200 Güterwagen und 4 Dampfkranen des damaligen Mannheimer Bahnhofes durchgeführt. Dazu kamen Reparaturen an ca. 40-50 „fremden Lokomotiven“, die jedoch weitgehend von deren eigenem Personal bewältigt wurden.

Die Arbeiten in der Betriebswerkstätte geschahen unter Aufsicht eines Werkmeisters und zweier Werkführer. In der Werkstatt und im Lokschuppen waren zahlreiche damals neuartige große Werkzeuge und Kraftübertragungsanlagen installiert, darunter auch ein stehendes Lokomobil und eine Saug- und Druckpumpe mit 6.5 m Brunnentiefe.

Die beiden Gebäude waren 1872 die ersten Gebäude im bis dahin weitgehend unbebauten Lindenhof (es gab einige Höfe und Betriebe, eine Gasanstalt und Lanz baute die Gießerei auf). 1888 hatte der Lindenhof bereits 1870 Einwohner, aber noch keine Wasserversorgung aus der Stadt. Deshalb mussten die Lindenhofer Bürger am Brunnen der Bahn einmal in der Woche unter polizeilicher Aufsicht ihre Wochenration an Trinkwasser abholen. Nur der Lokschuppen ist denkmalgeschützt.

Bing-Bild aus dem Jahr 2009140 Jahre in Betrieb

Die gesamte Anlage wurde in den 140 Jahren ihres Betriebes mehrfach erweitert. Auf dem Luftbild von Bing von 2009 ist rechts unten eine große Wartungshalle erkennbar, die inzwischen abgerissen ist. Die kleine Schienenfahrzeughalle ist grün überwuchert, sie war lange nicht genutzt. Die Lokschuppen (oben) hatte einen Anbau an seiner Westseite, in dem Büros des Fahrleitungsbetriebes untergebracht waren. Die anderen Gebäude wurden für das Unterstellen von Geräten genutzt. Wo 2009 noch Schienen am Lokschuppen vorbei liefen, braust heute der Verkehr der  B36 (rechts oben).

Eigentümer: 
Matthias Jarcke, Dirk Kuchenbuch und Martin Köster
Erbauer: 
Gemeinschaftsprojekt der Badischen Staatseisenbahn und der Preußisch-Hessischen Bahn
Architekt: 
für den Umbau: Matthias Jarcke
Bauzeit / Umbauten: 
1872 und ca 1900
Quellen: 

Informationstafel der BIG-Lindenhof am Lokschuppen Informationen von Herrn Harald Baumann (Siehe Schreiben als Downloads)

Autor/in: 
Barbara Ritter