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Ehemalige Bettfedernfabrik – heute Hafenpark

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Maschinenhaus und Hallen mit sommerlicher Dekoration der Strandbar
Die Fabrik in einer Werbung aus dem Jahr 1928
Historische Fotos (Quelle:Hafenpark Mappe 201205 klein.pdf)
Historische Aufnahme von der Arbeit mit Federn
Fassade des Bürotrakts
Halle im oberen Stockwerk
Halle im Untergeschoss
Kessel im EG: hier wurde das Wasser enthärtet, bevor damit die Federn gewaschen wurden
Links Kesselhaus, rechts Produktionsgebäude
Feuersichere Treppenhäuser
Brandschutzmauern im Treppenhaus
vom Wasser aus gesehen
Daunendecken und Kopfkissen erinnern an die ursprüngliche Bestimmung des Unternehmens
Ursprünglich waren hier die Sozialräume untergebracht
Zwischen Maschinenhaus und Produktion ist ein Übergang
Bau von der Seite
Alte Industrie-Fenster als Raumteiler (Interior Design von Schaabner)
Haus im Sommerkleid
Eingang zur Kaffeerösterei
Fenster in der Kaffeerösterei, ehemals Kontor
Foto vermutlich aus den 1950ern
Moderne Bettbefüllmaschinen und Näherei im kleinen Produktionsgebäude
Der Herd der ehemalige Kantine ist noch funktionsfähig
Brunnenhaus im Garten: darunter verbirgt sich der fabrikeigene Brunnen

08Am südlichen Ufer des Industriehafens, umgeben von hohen Bäumen und umschlossen von einer klassischen Fabrikmauer aus Backsteinen liegt der gründerzeitliche Gebäudekomplex, der Deutschlands älteste Bettfedernfabrik war. Hier wurden Federn aus aller Welt gewaschen, sortiert, getrocknet, in Kissen gefüllt oder lose verpackt und verschickt. Heute werden die Räume durch ganz unterschiedliche Nutzer unter dem Namen "Hafenpark" belebt.

Bei den 1905 errichteten Gebäuden der ehemaligen "Mannheimer Bettfedernfabrik Kahn und Söhne" handelt es sich um einen Massivbau aus Mauerwerksteinen. Das Innere des lang gestreckten aber schmalen Produktionsgebäudes besteht aus großzügigen Hallen – dank der Skelettbauweise aus Gussstützen, Stahlunterzügen und Holzbalkendecken. In den Räumen mit Deckenhöhen bis zu 4,50 m kann man die tragenden Gussstützen noch heute sehen. Das Haus hat drei Stockwerke von jeweils etwa 2.000 m². Die rustikale Backstein-Fassade mit Sandsteinsockel im Erdgeschoss ist durch vertikale dunkelrote Backsteinbänder streng gegliedert. Große Fenster – im obersten Stockwerk in doppelter Anzahl – lassen die Fläche dennoch leicht erscheinen. 1965 wurde ein vom Hof praktisch nicht sichtbarer schmaler Erweiterungsbau an der südlichen Längswand errichtet.

Das Produktionsgebäude hat ein Flachdach, die Nebengebäude im Hof weisen Sattel- bzw. Zwerchdächer auf. Hier befanden sich einst die Aufenthalts- und Waschräume für Frauen und Männer sowie die Kantine. Der ehemalige Großküchenherd aus den 1950er-Jahren ist erhalten.

Das zum Industriehafen hin gelegene, T-förmig errichtete Gebäude war ursprünglich das Maschinenhaus. Hier wurde eine Dampfmaschine der Gebr. Sulzer betrieben. Der auf alten Werbegrafiken erkennbare Kamin existiert nicht mehr. Die gestalteten Fassaden sind erhalten, wenn auch teilweise durch Anbauten verstellt.

Das quer zum Hof gestellt Haus mit Satteldach war früher Teil der Näherei. Heute werden dort mit modernen Maschinen bereits sauber gelieferte Daunen und Bettfedern in Kissen gefüllt und verpackt.

Der Blick vom Ufer über den gesamten (1907 eingeweihten städtischen) Industriehafen mit den gegenüberliegenden imposanten Mühlenbauten bis zur Diffenébrücke ist zu jeder Tageszeit ein Erlebnis.

Nutzung (ursprünglich): 

Bettfedernfabrik, Reinigung, Kissenproduktion, Versand

Nutzung (derzeit): 

Im rechten Gebäudeteil (Hausnummer 35a), der das ehemalige Maschinenhaus umfasst, werden weiterhin Federbetten und Kopfkissen produziert und ein Federbettenwerksverkauf betrieben. Das Haus rechts im Hof wird bewohnt.

Der größte Teil des Gebäudekomplexes wird als Gründerzentrum „Hafenpark“ vor allem für die Kreativwirtschaft vermarktet. Mehrere Mieter sind seit 2009 eingezogen, darunter die Innenarchitektin Yasmin von Schaabner mit ihrem Atelier Raumkonzepte (Auszug August 2015), die  Softwareentwickler bitExpert AG, die Kaffeerösterei Helder & Leeuwen, die Tanzschule Tango Flores, das Werbe- und Gestaltungsunternehmen Haakon Becker, die Eventmanager Birds Group sowie der als Outdoor-Gastronomie betriebene Beach-Club "Playa del Ma" und die Eventgastronomie Manufaktur.

Neu hinzu gekommen sind im gemeinsam genutzten Büro „Raumteiler“: Planungsbüro Freitag (Freiraum- und Gartendesigen), Werbeagentur Südpol, Fotograf Ben van Skyhawk. Außerdem haben sich mit eigenen Studios und Büros und Showrooms angesiedelt:Highclass-Production (Foto), Machart Studios (Werbeagentur) Memas - Digitale Strategien, fab-Architekten, codepoetry (Webdesigner), Schirmherrschaft (Sonnenschirme usw).

Insgesamt sind Ende 2013 rund 100 Arbeitsplätze im Hafenpark neu geschaffen worden.

Geschichte: 

Firmen- und Familiengeschichte der Bettfedernfabrik sind in den ersten 100 Jahren untrennbar miteinander verbunden. Gegründet wird sie 1826 von dem jüdischen Kaufmann Michael Kahn (1798–1861) im Dorf Stebbach bei Heilbronn im Kraichgau, der zunächst mit dem An- und Verkauf von auf dem Lande gesammelten Federn beginnt und sich später auf ihre Reinigung sowie das Aufbereiten und Sortieren spezialisiert. Das Federnaufkommen aus der Umgebung – geliefert wird in Schubkarren und Postpaketen – reicht bald nicht mehr aus. Es werden Einkaufsbeziehungen ins weite europäische Ausland geknüpft, insbesondere nach Ungarn.

Aus räumlichen und verkehrstechnischen Gründen verlegt Michael Kahn 1854 den Firmensitz nach Mannheim, nachdem die Familie 1851 hier die Bürgerrechte erhielt. Er kauft Federn und Daunen jetzt auch in Böhmen, in Russland bis nach Sibirien und in China oder er lässt sie über Kommissionäre in Hamburg und London beschaffen. 1859 brennt sein Magazin in der Mannheimer Innenstadt, im Quadrat S1, völlig aus.

1861 gründet er die Firma „M. Kahn Söhne GmbH Bettfedernfabrik” in J 6 / 1-2. Um die Federn zu reinigen und zu entstauben konstruiert er modernste Maschinen.

Der später bekannteste Sohn der Familie – Bernhard Kahn (1827–1905) – sowie zwei weitere Söhne werden Teilhaber der väterlichen Firma. Bernhard Kahn hatte sich in der 1848-Revolution engagiert, musste in die USA fliehen und kam 1860 nach Mannheim zurück, wo er als Mannheimer Bürger anerkannt wird. Mit zwei Brüdern begründet er 1867 das Bankgeschäft "M. Kahn Söhne" und ist 26 Jahre lang Stadtrat in Mannheim. Seine fünf Kinder werden ebenfalls bekannte Persönlichkeiten.

Nach dem Tode Bernhard Kahns gründet seine Witwe Emma (1840–1906) mit einer Zuwendung von 60.000 Mark zu seinem Andenken eine Volkslesehalle in der Mittelstrasse des Stadtteils Neckarstadt. Sie wird zunächst vom Volksbildungsverein und später von der Stadt Mannheim betrieben. Noch heute existiert die Bernhard-Kahn-Bibliothek an gleicher Stelle.

Unter der Leitung von Bernhard Kahn kommt die Verbindung mit der Ulmer „Federn-Dynastie“ Strauß zustande. Sie tritt als weitere Teilhaberin ein. Bis 1906 wird die Fabrik am neu entstandenen städtischen Industriehafen gebaut.

1926 kann das 100-jährige Jubiläum als eine der größten Bettfedernfabriken gefeiert werden. Ludwig Strauß, ebenfalls jüdisch, bleibt bis 1938 Werksleiter des Unternehmens, das seit 1933 mit der „Entjudung“ durch die Nationalsozialisten zu kämpfen hat. Im Zuge der Zwangsarisierung gelangt die Familie Kauffmann 1938 in den Besitz von Betrieb und Grundstücken. Damit einher geht die Umbenennung in „Mannheimer Bettfedernfabrik Kauffmann & Co.”

1965 wird das Gebäude durch einen Erweiterungsbau vergrößert. 1972 tritt die „Nordisk Fjerfabrik A/S”, Kopenhagen, größter europäischer Produzent von Bettfedern, als Teilhaberin ins Unternehmen ein. Sie übernimmt 1988 die restlichen Anteile von 46% und wird Alleininhaberin. Der Mannheimer Betrieb wird der 100%igen Stuttgarter Tochter " Nord-Feder" angegliedert und 1990 in „Mannheimer Bettfedernfabrik Nord-Feder GmbH & Co.” umfirmiert. In Stuttgart und Mannheim werden Artikel „rund ums Bett” produziert, die wie alle anderen Unternehmenserzeugnisse unter dem Markennamen „Centa-Star” vertrieben werden. Beliefert wird vor allem der Fachhandel und die Fachabteilungen der Warenhäuser im In- und Ausland. In den 1990er Jahren arbeiten in Mannheim ca. 60 Personen. Bis 2001 wurden in der Mannheimer Fabrik über 250.000 t Federn und Daunen in Inletts gefüllt.

Der Absatz verschlechtert sich jedoch, es folgen drei Jahre Kurzarbeit, ohne dass ein Aufschwung eintritt. Grund sind die Einzelhandelskrise und das Schlingern des Karstadt-Quelle-Konzerns. Am 31. Dezember 2004 schließt die Fabrik mit zuletzt 30 Mitarbeitern. Karlheinz Rohde übernimmt als langjähriger Mitarbeiter das Maschinenhaus und das Sozialgebäude und betreibt dort weiterhin die Produktion von Federbetten.

Das große Produktionsgebäude und das Gelände kauft die H:M-Projektmanagement GmbH & Co. KG. Ursprünglich ist eine schnelle Sanierung und komplette Neugestaltung durch das Architekturbüro Schmucker geplant. Das Konzept wird jedoch in der Zwischenzeit geändert: Die Mietflächen bleiben im originalen Rohzustand. Der Ausbau kann entweder vom Mieter selbst oder vom Vermieter nach den Bedürfnissen des Mieters vorgenommen werden. Seither wird der Gebäudekomplex "Hafenpark" genannt.

Eigentümer: 
Nr. 35: Hafenpark Mannheim Projektmanagement GmbH & Co. KG | Nr. 35a: Karlheinz Rohde
Erbauer: 
Bettfedern- und Daunenfabrik M. Kahn Söhne
Architekt: 
Firma F. & A. Ludwig
Bauzeit / Umbauten: 
1904-1906
Quellen: 
  • Jakob Toury, Jüdische Textilunternehmer in Baden-Württemberg 1683-1938, Tübingen, 1984
  • Mannheimer Hefte 1957 Nr. 3, S. 26-31 (Friedrich Walter)
  • Albert Gieseler: www.albert-gieseler.de
Autor/in: 
Barbara Ritter