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Die „Kolonie”: BASF-Arbeitersiedlung in Ludwigshafen-Hemshof

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Zwei Eingänge an einer Giebelseite
Die einfachen Arbeiterhäuser für 4 Familien wurden vor 100 Jahren von ca. 23 Menschen bewohnt. Grüne Holzklappfensterläden, Sandsteinumrahmungen und –Sockel, die Dachgauben sehr niedrig.
Ein saniertes und modernisiertes Arbeiterhaus: die Gauben sind vergrößert die seitlichen Fenster durch eine große Balkontür ersetzt. Das ganze Haus ist wärmetechnisch gut gedämmt. Im Hintergrund der Rollesbunker.
Straßen und nummerierte „Gartenwege“ wechseln sich ab. Im Sommer ist die BASF von Bäumen verdeckt.
Ein saniertes und energetisch modernisiertes „Aufseher-Haus“ in der Leuschner-Straße

„Die Kolonie” ist die älteste Werkssiedlung in Ludwigshafen. Streng in Reihen angeordnet sind die absolut gleichförmigen, auffallend niedrigen und meist dunklen Backsteinhäuser mit grünen Klappfensterläden direkt zu Füßen der BASF-Hochhauses. Trotzden gilt sie als „idyllische Oase” oder „kleines Paradies”. Und jedes Haus ist doch anders: umzäunte Gärten, Blumenschmuck, Grills, Fahnen, Müllereimer und Gartenzwerge, überdacht von hohen Platanen.

Das Quartier umfasst heute mehrere Straßen mit 66 Einzelgebäuden und unterschiedliche Typen von Häusern westlich und östlich der Leuschnerstraße. Östlich der Leuchnerstraße: Die einfach ausgestatten sog. Kreuzhäuser mit je vier Wohnungen im Erdgeschoß und ausgebautem Satteldach waren die ersten Arbeiterhäuser der Kolonie. An den beiden Giebelseiten befinden sich jeweils zwei Eingänge. Die Backsteinhäuser mit ihrer schlichten Sandsteingliederung sind relativ schmucklos.

Die Wohneinheiten umfassen auf ca 70 qm zwei Zimmer, eine Kammer, Küche zwei Kellerräume und Garten. Einige Häuser sind bereits unter Beachtung des Denkmalschutzes modernisiert und vor allem energietechnisch auf Stand gebracht.

Die um 1900 gebauten Häuser westlich der Leuschnerstraße haben den gleichen Grundriss, sind aber etwas geräumiger, weil auch das Dach kreuzförmig ausgebaut ist (gut in der Luftaufnahme erkennbar). Die größeren, zweigeschossigen Häuser, oft mit überdachter Veranda im Eingangsbereich, waren für die „Aufseher“ gebaut, und nicht ohne Hintersinn an den Rändern der Siedlung platziert. In einem weiteren Quartier (zwischen Liebig und Bürgerstraße) findet man die komfortableren Einzelgebäude, die seit 1911 für Meister gebaut wurden. Sie sind verputzt und im Heimatstil mit aufwändig verschachtelten Walmdachformen gebaut. Insgesamt umfasste die Kolonie 384 Arbeiter- und 36 Aufseher-Wohnungen.

Ein großer Teil der einfachen Arbeiterhäuser ist in den 1960er Jahren zugunsten von einem großen Parkplatz (Richtung Werksgelände) abgerissen worden. Auffallend ist, dass in dem gesamten Areal keine Eck-Kneipe oder Einkaufsmöglichkeit zu finden ist. Weitere Wohnanlagen der BASF befinden sich in unmittelbarer Nähe: der Wislicenusblock und der Lenau-Block.

Nutzung (ursprünglich): 

Wohnsiedlung

Nutzung (derzeit): 

Wohnsiedlung

Geschichte: 

Aufgrund der Wohnungsmisere in Ludwigshafen der 1860-70er Jahre und der rapiden Expansion der Anilinfabrik ließen Engelhorn & Co schon ab 1872 Werkswohnungen errichten, um Facharbeiter möglichst eng an das Unternehmen zu binden. Die Qualität der Wohnungen in der Kolonie direkt vor den Werkstoren lag weit über allem, was in Ludwigshafen, insbesondere im Hemshof sonst für Arbeiter zu finden war.

Das Wohnrecht in der BASF-Kolonie war jedoch an absolutes Wohlverhalten und Betriebtreue gebunden. Nicht umsonst waren die Aufseherhäuser (- das ist eine Eigenbezeichnung! -) an den Rändern der Siedlung platziert, und außer dem Gesellschaftshaus der BASF, fertig gestellt 1900, sind keine Gastwirtschaften zu finden. Es gab weitere einschneidende Vertragsbedingungen, wie z.B. „Eltern, deren Söhne 14 Jahre alt sind, aber nicht auf der Fabrik beschäftigt sind, dürfen dieselben in der Wohnung nicht dulden“ Diese kritisierte August Brey, der Vorsitzende des Fabrikarbeiterverbandes, 1901: „Hinter den Wohltaten verbirgt sich nur mühsam versteckt die Förderung des Eigennutzens.“(Zitat aus Günter Braun: Schichtwechsel, Mannheim 1994, S. 34).

Es galt durchaus als ein Privileg, in einer der Werkswohnungen zu relativ günstigen Preis wohnen zu dürfen. Dies sollte die Kritik an den damals harten und gefährlichen Arbeitsbedingungen im Chemiewerk befrieden. Diese „Stammarbeiter-Politik“ zeitigte in den Anfängen der Arbeiterbewegung durchaus antigewerkschaftliche Effekte.

Da es damals weder genossenschaftlichen noch kommunalen Wohnungsbau gab, trat die BASF als großer Bauherr rund um das Werk (auch in Friesenheim) und auf dem flachen Land (z.B. Limburger Hof) auf. 1904 waren es bereits 663 Arbeiterwohnungen, in denen 3694 Personen untergebracht waren.

Im zweiten Weltkrieg wurden einige Häuser der Kolonie im Hemshof von Bomben getroffen und später im gleichen Stil wieder aufgebaut. Manchmal klafft jedoch noch eine Lücke in der Gleichförmigkeit der Anlage.

Wirkliche Zerstörung brachte die Abrissbirne in den 1960er Jahren, als etwa die Hälfte der alten Arbeithäuser abgerissen wurde. Die meisten noch stehenden Häuser sind jedoch weitgehend in alten Zustand erhalten (Sprossenfenster, Holzklappläden und kleine Gauben). Sie sind inzwischen mit modernen Ziegeln eingedeckt und auch die Haustüren wurden nicht ganz authentisch erneuert.

Doch um die denkmalgeschützte Wohnanlage zu erhalten, muss sie auch modernen Ansprüchen an Wohnungen genügen, eine Sanierung ist deshalb in Abstimmung mit dem Denkmalschutz zu neuen Lösungen gekommen

Eigentümer: 
LUWOGE, BASF
Erbauer: 
BASF
Architekt: 
Oberingenieur Eugen Hauseisen
Bauzeit / Umbauten: 
1872 bis 1911
Quellen: 

Günter Braun: Schichtwechsel – Arbeit und Gewerkschaft in der Chemie-Stadt Ludwigshafen, Mannheim 1994

Mara Oexner: Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz, Stadt Ludwigshafen am Rhein, Band 8, Düsseldorf 1990

Autor/in: 
Barbara Ritter