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Die GEG- 'Die genossenschaftliche Burg' in Mannheim

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Logo der Großeinkaufsgesellschaft deutscher Konsumvereine (GEG)
Teigwarenfabrik und Mühle - 2009
Der gleiche Blickwinkel 1954
Treppenhaus des Silobaus-Wasserseite
Zulaufrohre zu den Silozellen
Schiffsentladeanlage
Historischer Lederriemen im Silo
Innenhof
Gesamtkomplex 2008
Silo von Westen aus gesehen
Wohnhaus an der Friesenheimer Straße
Blick vom Bonadieshafen auf Pfalzmühle und GEG - 2008
Müller an Walzenstühlen in der Mühle - 1954
Silo und Schiffsentladeanlage
Im Innenhof der Mühle
Vorspringende Ziegel in den Backsteinwänden      Foto: Barbara Schlote
Die Genossenschaftliche Burg von der Hafenseite aus 2010
Artikel über die Einweihung der Mühle am  08.04.1931 Hier wird der Ausdruck «Genossenschaftliche Burg» erstmals erwähnt.
GEG-Reklamemarke
In der GEG-Zeitschrift von 1932 wird zur Verteidigung der Genossenschaftlichen Einrichtungen gegen die erstarkenden Nazis aufgerufen

21Die monumentalen Gebäude der „Großeinkaufsgesellschaft deutscher Konsumvereine“ GEG sind von allen Seiten beeindruckend. Der Gebäudekomplex der genossenschaftlichen Produktionsstätten (das Malzkaffeewerk, die Getreidemühle und die Teigwarenfabrik) wirkt mächtig und wehrhaft, vom Wasser aus wie eine geschlossene Front. Von der Straße aus sind zwischen den fünf Stockwerke hohen Seitenflügeln der Malzkaffeefabrik und dem treppenförmigen Wohnhaus mehrere Höfe erkennbar, die mit grobem Pflaster belegt sind. Seitlich stehen das Kesselhaus mit dem hohen Schornstein, in der Mitte das zweistöckige Verwaltungsgebäude sowie der Flachbau der Kantine. Es handelt sich durchweg um Stahlbetonbauten mit Klinkerfassaden.

Die weitgehend schmucklosen, durch große Fenster gegliederten Fassaden wirken durch die Farbe der Klinker: die je nach Lichteinstrahlung erstrahlen sie in warmem dunkelrot bis düster blau-schwarz. Ein Charakteristikum expressionistischer Architektur ist neben der Verwendung von dunklen, uneinheitlich gebrannten Klinkern – manche sind regelrecht „verbrannt“ - insbesondere das Spiel mit den Klinkersteinen. In unregelmäßigen Abständen ragen einzelne Bindersteine um einige Zentimeter aus der Fassade hervor, was insbesondere bei Mittagssonne die ansonsten glatten Fronten belebt. Zur Betonung von Eingängen sind um die Tür herum die Klinker über Eck versetzt gemauert. Die hervortretende zackige Form wird durch Schatten noch verstärkt. Unterhalb des Daches findet sich ein umlaufender Fries, der Balkenköpfe in abstrakter Form nachahmt.

Das GEG-Logo an der Fassade des Kaffeewerks ist aus Keramikfliesen gestaltet.

Nicht nur die architektonische Gestaltung und die emotionale Wirkung dieser Bauten macht klar, warum die Anlage seit Anfang der 1930er Jahre den Namen „genossenschaftliche Burg“ trägt, sondern auch die Geschichte der deutschen Konsumgenossenschaften und ihrer Großhandelsorganisation.

Nutzung (ursprünglich): 

Malzkaffeewerk, die Getreidemühle und die Teigwarenfabrik

Nutzung (derzeit): 

Lager (Wetlog),

Werkstätten: Bender (Fotograf), Sascha Hasanovic (Glasbläser), Möbeldoktor (Reparaturen, Montage)

Künstlerateliers: Philipp Morlock, Jiri Platzer, Jutta Steudle, Christine Trautmann

Geschichte: 

Gründung der GEG als Großhandelsorganisation

Knapp 50 Konsumvereine aus ganz Deutschland gründen 1894 zwecks gemeinschaftlichem günstigen Einkaufs die GEG „Großeinkaufs-Gesellschaft Deutscher Consumvereine“ mit Sitz in Hamburg. Die GEG unterhält mehrere Lager und Zweigniederlassungen, erst ab 1905 darf sie in die Eigenproduktion von Waren des täglichen Bedarfs und verschiedener Lebensmittel gehen.

Anfänge in Mannheim

Seit 1901 befindet sich in Mannheim die Logistikzentrale der „Großeinkaufsgesellschaft deutscher Consumvereine“ (GEG) für den südwestdeutschen Raum. Zusammen mit dem Konsumverein nutzt die GEG bis 1903 die Geschäfts- und Lagerräume in der Jungbuschstraße 21, dann zieht sie an den Binnenhafen (heute Binnenhafenstraße 7), wo sie ein repräsentatives Lager- und Geschäftshaus baut.

1909 schließt sich die TAG-Tabakfabrik in  Hockenheim der GEG an.

1917 kauft die GEG im pfälzischen Landau ein Weingut.

GEG Eigenproduktion am Industriehafen

1918 kauft die Hamburger Zentrale der GEG das 31.000m² große Grundstück in der  Friesenheimer Straße 14. Erst 1927 beginnen sie mit dem Bau der Produktions- und Betriebsanlagen. Die Planung liegt in der Hand des GEG-eigenen Architekturbüros in Hamburg. Wer die ausführenden Architekten waren, konnte bis heute noch nicht ermittelt werden.

Das Bauvorhaben hat ein Investitionsvolumen von rund 16 Millionen Mark. 1929 werden die Malzkaffee- und Zichorienfabrik eröffnet, 1931 folgen die Mühle und die Teigwarenfabrik. Die Anlage gilt technologisch und sozial als vorbildlich. Sie verfügt über eine Versuchsbäckerei, eine werksärztliche Station, Kantine, Wirtschaftsküche und Arbeiterbäder. Kurz nach der Eröffnung der gesamten Werksanlage 1931 haben die drei Fabriken mehr als 500 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen.

Die Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre und die Verunglimpfung der Konsum-Genossenschaften als „marxistische Feinde der deutschen Einzelhändler“ hinterlassen ihre Spuren. Bis 1933 verlassen 3.300 Mitglieder den Mannheimer Konsum- Verein.

Vereinnahmung unter der NS-Herrschaft

Im „Kampfbund für den gewerblichen Mittelstand“ der NSDAP engagieren sich vor allem Einzelhändler, die die mächtige Konkurrenz ausschalten wollen, durch Boykott und Gewalt – ähnlich wie die Übergriffe gegen große Warenhäuser und deren jüdische Besitzer. Angesichts der realen Bedrohung richtet die Belegschaft der GEG-Malzkaffeefabrik einen bewaffneten Betriebsschutz ein. Es gibt in Mannheim jedoch keine Verletzten. Die Übergriffe enden in Mannheim noch im Frühjahr 1933. Die Nazis zerschlagen nicht - wie angedroht - die Konsumgenossenschaften und ihre Großhandelsorganisation, sondern sie übernehmen sie. Ende April 1934 wird der Konsumverein in „Verbrauchergenossenschaft Mannheim“ umbenannt, die leitenden Gremien sind durch NSDAP-Mitglieder besetzt. 1939 brüsten sich die Nationalsozialisten mit der GEG-Niederlassung Mannheim als „nationalsozialistischer Musterbetrieb“. Die gesamte GEG kommt 1941 unter die direkte Kontrolle der „Deutschen Arbeitsfront (DAF)“ und wird zum „Gemeinschaftswerk GW-Industriebetriebe G.m.b.H Hamburg“ der DAF. Die Lebensmittelindustriebetriebe werden nun in die NS-Kriegs- und Vernichtungspolitik einbezogen - nun wird vor allem die Wehrmacht beliefert. Seit Oktober 1943 werden die rund 140 Arbeitslager der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in Mannheim und beim Chemiekonzern IG Farben mit schier ungenießbarem Brot versorgt. Dafür setzt der „GW-Industrieb“ selbst ZwangsarbeiterInnen ein.

Die Mühle der GEG brennt in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges in nur 90 Minuten  fast vollständig aus.

Neubeginne nach 1945

Die alliierte Militärregierung löst deutschlandweit alle mit der NSDAP in Verbindung stehenden Organisationen auf. Die alten Genossen setzen sich massiv für die Neugründung der Konsumgenossenschaften ein, denn deren Produktionskapazitäten werden dringend benötigt. Im November 1946 wird die „Konsumgenossenschaft Mannheim“ gegründet. Bis Herbst 1948 eröffnen in Mannheim und Heidelberg schon wieder 95 Konsumläden.

1951 geht die Mühle der GEG technisch modernisiert wieder in Betrieb.

1962 kommen eine Papierwarenfabrik, eine  Druckerei und eine Faltschachtelfertigung zur Herstellung eigener Verpackungsmaterialien in der Friesenheimer Straße 16 hinzu.

Die Konsumgenossenschaft, seit 1969 in co op umbenannt, entwickelt sich zum größten Einzelhandelsunternehmen im Raum Mannheim – Ludwigshafen, doch sie gibt ihre politischen Ideen eines alternativen Wirtschaftsmodells (Mitbestimmung beim gemeinsamen Wirtschaften und Mitgliedschaft) auf. In den Vordergrund rückten jetzt zunehmend ökonomische Interessen.

Ausverkauf der GEG-Eigenproduktion

1974 verkauft die GEG das Malz-Kaffeewerk an einen Hamburger Kaffeeimporteur. Die Mühle und die Teigwarenfabrik werden ebenfalls aus dem co op-Konzern in die TAG-Nahrungsmittel GmbH ausgegliedert. Diese errichtete auf dem Nachbargrundstück eine neue Teigwaren- und Paniermehlfabrik, die 1980 an Birkel verkauft wird. Die Produktionsräume des ehemaligen Teigwarenwerks dienen als Lager für Verpackungen.

Die Mühle wird seit 1980 als selbständige co op - Tochter unter dem Namen „Park-Mühlen GmbH“ geführt. Zu ihrem Kundenstamm gehören allerdings kaum noch co op Läden, denn diese führen jetzt andere Marken-Mehle. Die Park Mühle beliefert nun u.a. Aldi und Bäckereien und stellt Spezialmehle her, z.B. für die Hamburgerbrötchen von McDonald.

Co op wird 1982 von einer Genossenschaft in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Die Kundschaft geht immer häufiger zur Konkurrenz der Discounter. Co op gerät tief in rote Zahlen. Managementfehler und Misswirtschaft kommen hinzu. 1990 werden die Filialen verkauft.

Nach vollständiger Auflösung der co op-Gruppe wird die Park Mühle 1991 in die neu gegründete BM Bäckermühlen AG mit Sitz in Hamburg eingebracht. Deutschlandweit kommt es im Mühlenbereich durch Modernisierung und Produktivitätssteigerung zu Überkapazitäten, ein "Mühlensterben" ist die Folge. 1996 schließt mit der Parkmühle der letzte Produktionsbetrieb in der „Burg“.

Das Getreidesilo der Mühle samt Schiffsentladeanlage ist noch bis 2010 für die benachbarte Hildebrand Mühle in Betrieb.

Der Komplex ist seit 1997 überwiegend im Besitz der Mannheimer Spedition „WETLOG“ und dient als Spezial-Lager. Darüber hinaus haben hier KünstlerInnen und Handwerksbetriebe Ateliers und Werkstätten gemietet.

Eigentümer: 
WETLOG
Erbauer: 
Großeinkaufsgesellschaft Deutscher Konsumvereine, GEG, Hamburg
Architekt: 
Zentales Architekturbüro der GEG, Hamburg, namtlich nicht bekannt.
Bauzeit / Umbauten: 
Gesamtkomplex 1927-31, Mühlenbauten und Silo 1929-31
Quellen: 
  • Hinein in den Konsumverein! Konsumgenossenschaft und GEG in Mannheim, Herausgegegeben von Rhein-Neckar-Industriekultur e.V. Mannheim, 2013
  • H. Sierakowsky, Werk im Werden, Großeinkaufs=GesellschaftDeutscher Consumvereine m.b.H., Hamburg, 2. Auflage 1931
  • Stadtarchiv Mannheim und Mannheimer Architektur- und Bauarchiv e.V., Mannheim und seine Bauten 1907-2007, Bd. 4, Andreas Schenk, Bauten für Verkehr, Industrie, Gesundheit und Sport, 2004
  • 60 Jahre Grosseinkaufs-Gesellschaft Deutscher Konsumgenossenschaften mit beschränkter Haftung, 1894 - 1954, Hamburg
  • Zeitungsausschnittsammlung aus Mannheimer Zeitungen 1908 - 1996 im Stadtarchiv Mannheim.
  • Goeppel, Franz: Die Großeinkaufsgesellschaft Deutscher Consumvereine Hamburg und ihr Lager in Mannheim, Betriebswissenschaftliche Studien, Teil 2, Leipzig 1914.
  • Zeitschriften: GEG-Post der Jahrgänge 1950-1957, Konsumgenossenschaftliche Volksstimme aus den Jahren 1920-1935
  • Bösche, Burchard: Kurze Geschichte der Konsumgenossenschaften, 2003
  • Bösche Burchard, Korf, Jan Frederik: Chronik der deutschen Konsumgenossenschaften, 150  Jahre Konsumgenossenschaften in Deutschland, 100 Jahre ZDK, 2003
  • Korf, Jan-Frederik: Von der Konsumgenossenschaftsbewegung zum Gemeinschaftswerk der Deutschen Arbeitsfront, Heinrich-Kaufmann-Stiftung des Zentralverbandes Deutscher Konsumgenossenschaften e.V. Hamburg, 2008
  • Zeitzeugeninterviews
Autor/in: 
Hilde Seibert, Barbara Ritter