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Direktorengebäude der Pfälzischen Mühlenwerke in Schifferstadt

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2014: die frisch renovierte ehemalige Direktorenvilla - ein Schmuckstück inmitten des Gewerbegebiets
um 1900: Entwurf des "Landhauses für die Pfälzischen Mühlenwerke" durch Architekt Reinhold Brauer
Stich um 1900: Die Pfalzmühle und die beiden Direktions-Gebäude
Leerstand: Das ehemalige Direktionsgebäude 2014
1915: Lazarett im Direktionsgebäude, dessen Fassade und Fenster erkennbar sind
1920er Jahre: Klein´sche Zigarettenfabrik
Um 1950; die Tabakfabrik Ringwald von Westen aus (Quelle Stadtarchiv)
1950er Jahre: Nutzung des "Weißen Hauses" durch die Gemeinde (Foto: Stadtarchiv)
2014: heutige Ansicht des ehemaligen Mühlengeländes, links das ehemalige Direktionsgebäude
2014: die frisch renovierte ehemalige Direktorenvilla

Wie der Name schon sagt, liegen die Wurzeln der Pfälzischen Mühlenwerke – seit über 100 Jahren in Mannheim angesiedelt – eigentlich in der Pfalz, genauer gesagt in Schifferstadt. Tatsächlich gibt es dort eine Mühlstraße, aber weit und breit kein historisches Mühlengebäude, wie es auf historischen Werbegrafiken zu sehen ist. Ein genauer Blick auf den Stich zeigt zwei kleinere Bauten, die offenbar die ehemalige Direktorenvilla und das Direktionsgebäude der Mühle waren. Diese beiden Gebäude In der Mühlstraße 11 und 16 existieren noch. Sie fallen völlig aus dem Rahmen der dortigen modernen Bebauung.

Die Villa

Die hinter einem hohen Gitterzaun gelegene Villa ist offenbar erst kürzlich grundlegend restauriert worden. Insbesondere in ihrer gewerblichen Umgebung mit Industrie und Funktionsbauten aus den 70er und 80er Jahren wirkt die Villa ganz außergewöhnlich: Farbig, mit Verzierungen herausgeputzt, fast wie neu gebaut. Dabei ist es bereits mehr als 100 Jahre alt und hält sie sich eng an den ursprünglichen Entwurf des Speyerer Architekten Reinhold Brauer um 1900. Es wurde im Heimatstil erbaut, aber auch Jugendstilelemente sind zu erkennen.

Auffallend ist das große dreigeteilte Walmdach, das wie drei Hauben über das Gebäude gezogen wirkt. Die Farbgestaltung mit roten und gelben Dachziegeln war im Entwurf nicht vorgesehen, dafür gab es im Original noch Schleppgauben. Das Haus ist eingeschossig, wobei auch das Dach viel Wohnraum bietet. Es steht auf einem Sandstein-Sockel mit Kellerfenstern, der teilweise grau gestrichen und sehr stark behauen ist. Die Fassade zur Straße wirkt dreigeteilt, auch die seitlichen Fassaden sind schön ausgearbeitet. Schwungvolle Muster, die farblich abgesetzt und aus dem Putz gearbeitet sind ziehen sich über die Rahmungen der Bogenfester und unterhalb der Dachkante. Der Eingang mit großer Treppe und einem Anbau mit Terrasse liegt seitlich nach Süden hin. Das Haus steht unter Denkmalschutz. In der Denkmalstopografie ist zu dem Haus vermerkt: „Mit seinen überreichen, eleganten Jungendstildekorationen nach dem damals neuesten Geschmack ist der … Bau im Kreisgebiet einzigartig.“ Auch im Inneren sind viele Jugendstilverzierungen erhalten, obwohl das Haus lange nicht als nobles Wohnhaus genutzt war.

Das Direktionsgebäude

Wenige Schritte weiter auf der anderen Straßenseite ist ein weiteres Relikt der Pfälzischen Mühlenwerke zu sehen. In der Mühlenstraße 16 steht das zweigeschossige Gebäude,  das im Volksmund die „Villa Jung“ – nach dem Mühlenbesitzer - oder das „Weiße Haus“ – wegen seines ehemals weißen Anstrichs -genannt wird. Es liegt jedoch noch im Dornröschenschlaf.

Auch dieses Haus steht auf einem Rustikasockel aus Sandstein, der in gleicher Weise wie der der Villa behauen und gestrichen ist. Die sehr repräsentative Nordfassade ist mit ähnlichen Ornamenten wie die Villa geschmückt, in der Mitte geht ein Erker bis in den zweiten Stock, wo er in einem Balkon endet. Die Fassade zur Straße ist dagegen weniger geschmückt: in Erdgeschoß fünf Fenster in zwei unterschiedlichen Größen. Im Oberschoss dagegen nur drei Fenster und zwei schmale Podeste. Alle Fenster sind mit Sandsteingliederung in Jugendstildekor eingefasst.

Das Satteldach steht nur knapp über. Die Fassade auf der Südseite wirkt ebenfalls eher nüchtern. Hier befindet sich auch der Eingang: eine Treppe mit einem überdachten Eingang, der aus Glas und Schmiedeeisen konstruiert ist.

Auch dieses Gebäude steht unter Denkmalschutz und hat eine bewegte Vergangenheit. Es stand genau gegenüber der U-förmig gebauten Industriemühle, auf deren Gelände heute die Reifenfirma Krupp angesiedelt ist.

Nutzung (ursprünglich): 

Wohnhaus des Direktors der Pfälzsischen Mühlenwerke

Direktionsgebäude mit Büros

Nutzung (derzeit): 

Privates Wohnhaus

Leerstand

Geschichte: 

Seit dem Mittelalter genutzter Mühlen-Standort

Das Gelände in der Mühlenstraße am Rehbach – ein kaum wahrnehmbarer Bach - blickt auf über 600 Jahre gewerblicher Nutzung zurück. Zunächst war es in Besitz der Abtei Limburg (bei Bad Dürkheim gelegen). Bereits im Mittelalter ist die Mühle beim Münchhof am Rehbach nachzuweisen. Sie war gegen einen bestimmten Pachtzins, der in Naturalien gezahlt wurde, verpachtet. Nach 30 Jährigem Krieg ist die Mühle weitgehend ruiniert, und wird günstiger weiterverpachtet. Betrieben wird sie mit der Wasserkraft des Rehbachs.

Im 19. Jahrhundert gehört die Mühle den Familien Jung und Wernz. Sie errichten 1885 auf dem 15.000 Quadratmeter großen Areal eine Industriemühle mit einer Dampfmaschine,  die sie von der Wasserkraft unabhängig macht. Es ist damals der erste Einsatz einer Dampfmaschine in Schifferstadt.

Die Mühle stellt Mehl, Grieß, Kleie her. Getreidelieferungen per Eigenbahnwaggons kommen aus Deutschland, aber auch aus Kaliforniern, Kansas, Argentiniern, Russland und Ungarn.  1847 war die der Eisenbahnstrecke Speyer - Ludwigshafen und Schifferstadt - Neustadt eröffnet worden. Mit 70 Beschäftigten ist die Mühle zeitweise die zweitgrößte in Süddeutschland.

Die Aktiengesellschaft übernimmt

1896 gründet sich die Aktiengesellschaft Pfälzische Mühlenwerke, zwecks Übernahme des Mühlenanwesens von Jung& Wernz. Bedeutende Erweiterungen der Anlagen im Jahr 1897 führen zu verdoppelter Leistungsfähigkeit. Täglich werden jetzt 1.000-1.200 Zentner vermalen.

Doch um 1900 werden mehrere Großmühlen an den Wasserstraßen insbesondere in Mannheim/Ludwigshafen errichtet. Seit dem Ausbau des Mannheimer Industriehafens ist dort ein Mühlenzentrum entstanden. Der Zugang zur freien Rheinschifffahrt hat Vorteile für die Belieferung mit Getreide und Kohle und für den Abtransport der Produkte. In dem kleinen Flecken Schifferstadt ist die Mühle dagegen nur durch die Bahnlinie an einen größeren Markt angeschlossen.

Der Entschluss für einen schnellen Wechsel nach Mannheim reift:  „Gründe: die frachtlich ungünstige Lage in Schifferstadt und die Sonderbesteuerung der bayerischen Regierung in den Jahren 1904 und 1905.“ (Selbstdarstellung in: Mannheim, das Kultur- und Wirtschaftszentrum Südwestdeutschlands, 1927)  Ab 1906 entsteht ein Neubau in Mannheim am Industriehafen. „Unter Aufrechterhaltung des Betriebes in Schifferstadt wird 1906 mit dem Bau einer Großmühle nach den neuesten und vollkommensten Verfahren im Industriehafen in Mannheim auf einem neu erworbenen Gelände von ca. 21.000 qm begonnen“ (Mannheim)

Standortverlegung und Ende der Mühle in Schifferstadt

1907 wird der Sitz der Aktiengesellschaft nach Mannheim verlegt (zuvor war sie in Ludwigshafen angemeldet) und die Mühle geht in Betrieb. Wer den gigantischen Bau der Pfälzischen Mühlenwerke mit seinen prächtigen Backsteinfassaden, den Hunderten Fenstern und blanken Parkettböden kennt, weiß zu schätzen, was da so solide in so kurzer Zeit gebaut wurde. Die Mannheimer Mühle wird bis 1912 zur doppelten Leistungsfähigkeit ausgebaut.

In Schifferstadt wird dagegen um 1912 der Mühlenbetrieb stillgelegt. Die leeren Gebäude werden an die Futtermittelfirma Martin und Mann vermietet.

Mühlenlazarett im Ersten Weltkrieg

Sechs Tag nach Kriegsbeginn, im September 1914 bietet der Aufsichtsratsvorsitzende der Pfälzischen Mühlenwerke Dr. jur. Dr. h.c. Richard Brosien (Geh. Kommerzienrat und Konsul) dem Präsidenten der Pfalz an, die stillgelegte Mühle als Lazarett zu nutzen, ebenso die danebenliegende Dienstvilla von Direktor Franz Büschler (Mannheim). Doch die Gebäude der Mühle sind ungeeignet für ein Lazarett, wegen fehlender Wasserversorgung und Aborte. Die zwei Villen dagegen seien aber besonders für kriegsversehrte Offiziere geeignet, meint die Behörde. Dort wird das Lazarett eingerichtet.

„Nachdem im Lauf des 2. Kriegsjahres die Kriegsbegeisterung im zweiten Jahr abgekühlte, bittet Mühlendirektor Franz Büschler im August 1915 den Lazarettverein, die Betten seiner Villa nicht mehr zu belegen, da er dort Urlaub machen will. Vorher sollten die Zimmer desinfiziert werden. Das Ansinnen von Direktor Büschler ruft allgemein Bestürzung hervor.“  Man findet eine Ausweichmöglichkeit: im neuen Mädchenschulhaus! Die Ortschulkommission murrt zwar, „dass hierdurch der Schulbetrieb außerordentlich gestört wird, weil 7 Klassen im Abteilungsunterricht geführt werden müssten“. Bereits am 1. Oktober 1915 stehen die Villen dem Mühlendirektor wieder zur Verfügung, für ihren Urlaub…. (Aus Schifferstadt im ersten Weltkrieg“ FOTO

Klein´sche Tabak- und Zigarettenfabrik

Im Jahr 1918 verkauften die Pfälzer Mühlenwerke ihre Schifferstadter Mühle mit dem Vorbehalt, dass dort kein Mühlenbetrieb mehr stattfindet. Der Käufer ist die Klein´sch Tabak- und Zigarettenfabrik OHG. Sie produziert die Marke Goldsiegel und hat eine Zweigniederlassung in Halle. Über diese Firma und ihren Inhaber gibt es kaum Informationen. Sie ist wohl bereits 1929 in Konkurs gegangen. Danach kommt das Gelände vermutlich in den Besitz der Gemeinde Schifferstadt.

Im Gemeindebesitz

Im Juli 1933 bis Ende September 1935 wird auf dem Mühlen/Tabakfabrik-Gelände ein Arbeitsdienstlager eingerichtet. Es entsteht in dieser Zeit auf dem Mühlengelände ein Schwimmbad mit Becken für Schwimmer und Nichtschimmer für die Bevölkerung, das seit Mai 1935 in Betrieb ist.

1934 erwirbt das Emmendinger Unternehmen C.A. Ringwald die stillegelegte Fabrik mit ihrem 15.000 qm großen Firmengelände.

1936 zieht die Gemeindeverwaltung in das Direktionsgebäude gegenüber der Mühle. Insgesamt 58 MitarbeiterInnen ziehen dort ein. Bis 1961 bleibt das „Weiße Haus“ der Sitz der Gemeinde und Stadtverwaltung. Danach den folgenden vielen Jahre als Obdachlosenasyl geht es in Besitz der Stadtwerke Schifferstadt über. Es folgen lange Jahre des Leerstands bis es wieder in private Hände kommt, die eine Sanierung planen.

Tabak-Fermentierung Ringwald

Unter der Leitung von Carl-Johann Ringwald eröffnet 1936 die Zweigniederlassung seines Emmendinger Tabak-Unternehmen. Er betreibt Handel und Fermentation von deutschem Rohtabak. Seit dem Kauf 1934 hat er etliche Erweiterungsbauten errichtet. 1940 ist er der einzige größere Betrieb in Schifferstadt mit seinen 67 Beschäftigten, davon 50 Frauen. Er setzt eine moderne Redrying-Maschine und eine mechanischen Förderanlage ein. 1941 erweitert er sein Werk erneut, 1952 baut er eine große Sortieranlage und führt 1953 die Kammerfermentierung ein. 1955 verlagert er seinen Hauptsitz von Emmendingen nach Schifferstadt. 1956 baut er eine Fass- und Ballenlager.

Ringwald hat seit den 1940er Jahren Filialen in Mannheim, Colmar, Bensheim und Mühlhausen (Württemberg), die in den 50er Jahren jedoch aufgibt, ebenso den Sitz in Emmendingen. 1960 vernichtet die Blauschimmelkrankheit die deutsche Tabakernte zu 80%, was zu einem Rückgang des Anbaus führt und zu einer schweren Krise der Tabakindustrie.

Am 20.10.1971 zerstört ein Großbrand praktische die ganze ehemalige Mühle und die gesamte Fermentier-Anlage. Ca. 40 000 Zentner Tabak werden vernichtet. Trotz des enormen Schadens errichtet Ringwald 1972 eine neue moderne Fermentationsanlage und moderne Fabrikgebäude auf dem Areal der ehemaligen Mühle. 1983/84 beschäftigt Ringwald 200 ArbeiterInnen und beliefert Rauchtabak- und Zigarettenfabriken in Deutschland, Niederlanden, Belgien und USA.

Doch der Tabakanbau geht in Deutschland immer stärker zurück. Im Dezember 1995 kommt es zu Schließung von Ringwald mit 23 Mitarbeitern (20 Arbeiter, darunter 18 türkische).

Seit 1999 gehört das Gelände der Firma Reifen-Krupp. Auf dem Gelände ist im Hintergrund noch eine alte hölzerne Trockenhalle aus der Zeit der Tabakindustrie erkennbar.

Architekt: 
Reinhold Brauer
Bauzeit / Umbauten: 
Um 1900
Quellen: 
  • Mannheim, das Kultur- und Wirtschaftszentrum Südwestdeutschlands, 1928, herausgegeben von der Mannheimer Stadtreklame GmbH
  • Bilder und Manuskripte von Gerhard Sellinger aus dem Stadtarchiv Schifferstadt
  • Denkmaltopografie Rheinland-Pfalz
  • Chronik von Schifferstadt
  • Schifferstadt im ersten Weltkrieg 1914-1918
  • Schifferstadt: ein historischer Bilderbummel von Bernhard Kukatzki, Beate Steigner
Autor/in: 
Barbara Ritter