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Dorf der Tabakschuppen und Fermentierbetrieb Metz in Hayna

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Tabakschuppen in der Hauptstraße
Tabakschuppen von innen
In der Friedhofstraße: Fensterlose Tabakschuppen in einer Reihe
Fermentierwerk
Giebel mit beweglichen Lamellen
bewegliche Bretter
klappbare Seiten
Eine abgelegte lange Holzleiter im Schuppen
Hofeinfahrt zu Metz-Rohtabake
Fabrikeingang aus Standstein mit vergittertem Fenster
Zollverschluss: Warn-Glocke und Fenstergitter
Fachwerkhäuser
Der Eiserne Raucher rostet nicht
Elektriziätsversorgung ab 1920

Wie auf einer Kette reihen sich liebevoll geschmückte Fachwerkhäuser entlang der Hauptstraße im südpfälzischen Hayna. Zwischen den zur Straße ein wenig schräg gestellten, giebelständigen Wohnhäusern blickt man in schmale lange Höfe. Und praktisch in jedem Hof steht ein hölzerner Tabakschuppen, fast schwarz und oft sogar höher als das Wohnhaus. Weiter im Ortskern sind gewaltige Exemplare direkt an die Straße gebaut.

Eine regelrechte "Schuppenstraße" ist hinter dem Raiffeisengebäude in der Friedhofstraße. Sie besteht nur aus diesen fensterlosen Trockengebäuden. An keinem anderen Ort sind so viele Tabaktrockenschuppen erhalten. Allein im Ortkern sind es 104.

Tabak, sein Anbau, die Trocknung und Fermentierung, hat in Hayna in der Vergangenheit lange Zeit die wirtschaftliche Hauptrolle gespielt. Doch seit 2010 ist der Tabak-Anbau in der Gegend fast verschwunden, denn die EU-Subventionen sind seit dieser Zeit entfallen. Seither stehen die meisten der Trockenschuppen leer.

Man kann die ausgetüftelten mechanischen Vorrichtungen für die Belüftung der früher hier aufgefädelten Tabakblätter gut erkennen. Lamellenartig lassen sich ganze Wandelemente öffnen. Bei den meisten Schuppen kann man nur durch Lücken zwischen den Brettern ins Innere schauen.

Natürlich ist vom Niedergang des Tabakanbaus auch das Tabakfermentierunternehmen Metz-Rohtabake betroffen, das jetzt nur noch mit 10% seiner früheren Auslastung betrieben wird. Der Betrieb ist einer der wenigen verbliebenen Tabak-Fermentierbetriebe in Deutschland. Vor 50 Jahren gab es allein in der Region noch mindestens fünf.

Die drei Stockwerke hohen Gebäude sind von der Hauptstraße her hinter dem stattlichen Wohn- und Geschäftshaus leicht zu übersehen. Doch in der Friedhofstraße fallen die lang gestreckten weitgehend schmucklosen weißen Bauten im dörflich geprägten Ortsbild durchaus auf. Die großen Fenster mit seitlichen Glasbausteinen unterstreichen den Fabrikcharakter. Ein Gebäudeteil ragt weit in die Feldflur hinein, die Straße führt zwischen den Bauten unter einer Gebäudebrücke hindurch.

Das Unternehmen ist - wie die verbliebenen Tabakbauern auch - rechtzeitig umgestiegen auf den Anbau und die Trocknung von Küchenkräutern, insbesondere Petersilie. Am südlichen Ortrand hat die Firma eine Kräutertrocknungsanlage errichtet. In der „Erzeugergemeinschaft Pfalzkräuter“ haben sich überwiegen ehemalige Tabakpflanzer zusammengeschlossen.

Viele der Fachwerkhäuser mit ihren Tabakschuppen stehen unter Denkmalschutz oder gehören zur Denkmalzone des Ortskerns. Einige der Tabakschuppen und ehemaligen Scheunen sind zu Wohnhäusern umfunktioniert oder werden gastronomisch genutzt.

Ein kleines technisches Baudenkmal ist darüber hinaus sehenswert: in der Waldstraße steht eine Transformatorenstation. Sie stammt aus dem Jahr 1920, als das Dorf Hayna an die Elektrizitätsversorgung angeschlossen wurde. Die turmartige Form ist eher üblich. Besonders ist jedoch der Bauschmuck an den Fassaden: Spiralen und andere geometrische Formen sind wie mit dem Finger in feuchten Beton gezeichnet.

Nutzung (ursprünglich): 

Tabakerstbearbeitung

Nutzung (derzeit): 

Tabakerstbearbeitung und Kräuterbearbeitung

Geschichte: 

Rolle des Tabakanbaus in der Region

Hayna liegt zwischen Herxheim und Hatzenbühl, beides Orte, die „Tabakgeschichte“ geschrieben haben. Hatzenbühl, weil dort der früheste Tabakanbau in Deutschland nachgewiesen werden konnte, während Herxheim bis 1954 die größte Tabak anbauende Gemeinde Deutschlands in Bezug auf Anbaufläche und Ertrag war. Doch seit den 1950er Jahren geht der Anbau zurück und wird heute praktisch nur noch als Nebenerwerb ausgeübt. 1973 war dann das kleine Dorf Hatzenbühl die größte deutsche Tabakgemeinde. In den letzten 10 - 25 Jahren ist der Anbau auch dort geschrumpft. 1973 waren es noch 322 Betriebe, davon 241 Nebenerwerbs- und 81 Haupterwerbsbetriebe. Heute gibt es nur noch wenig Tabakanbaubetriebe. Der Grund ist hauptsächlich der enorme Preisverfall, der lange Jahre nur durch EU-Prämien kompensiert werden konnte. Seit 2010, als die EU die Tabakanbausubvention eingestellte, wird nur noch wenig Tabak angebaut.

Geschichte des Fermentier-Unternehmens Jakob Metz KG in Hayna

Landwirtschaftliche Konsum- und Genossenschaftsvereine wie auch die Raiffeisenbank gründeten sich um 1900 in der Region. Etwa zur gleichen Zeit startete Jakob Metz aus Hayna mit seinem Unternehmen als Einzelfirma. 1917 erfolgte der erste Eintrag im Handelsregister als oHG mit den damaligen Sparten Landwirtschaft, Tabakhandel, Fermentation und Zigarrenherstellung. Die Firma Metz Rohtabake besteht als Familienunternehmen nun in der dritten Generation.

Sie kauft getrockneten Tabak von den Pflanzern auf, fermentiert ihn und verkauft ihn an die Tabakindustrie weiter. Von 3 Mio. KG (3.000 Tonnen) jährlich ist der Produktionsumfang auf nur noch 300 000 kg zurückgegangen.

Die Produktionsgebäude, in denen die Fermentierung stattfindet sind in mehreren Etappen gebaut. Direkt am Geschäftshaus schließen sich Gebäude mit bemerkenswert gestalteten Sandsteinportalen an, während die Gebäude jenseits der Friedhofstraße eher dem Chic der 50er Jahre entsprechen.

Einige der Fenster sind noch mit einem engmaschigen Eisengitter verschlossen. Früher waren alle Fenster bis in den dritten Stock so ausgestattet. Der Hintergrund: Weil Tabak im Prozess der Fermentierung vom Rohstoff zum Genussmittel wird, kommen hier der Staat und die Tabak-Steuer ins Spiel. Tatsächlich hat früher ein leibhaftiger Zollbeamter an jeden Arbeitstag die Fabrik auf- und wieder abgeschlossen, nicht ohne vorher die große Glocke bedient zu haben, damit alle Arbeiterinnen und Arbeiter die Fabrik rechtzeitig verlassen und nicht auch „unter Zollverschluss“ gerieten. Die Glocke hängt noch an ihrem Platz.

Die Arbeit bei der Naturfermentierung wurde hauptsächlich von Frauen gemacht. Sie besteht vor allem im Umsetzen der etwa 50-60 Grad warmen Stapel von Tabakblättern und dem Belüften und Schütteln der Blätterbüschel. (Mehr zum Prozess der Fermentierung.) Früher wurden hier ganzjährig ca. 40-50 MitarbeiterInnen beschäftigt. Heute wird ein Großteil der Fläche nur noch zur Lagerung von Tabak genutzt. Noch spürt man in den Räumen den würzigen Geruch.

Die Räume sind jedoch vor allem wegen des darin enthaltenen Nikotins nicht für die Kräuterbearbeitung geeignet, weshalb für die Kräutertrocknung ganz neu gebaut werden musste. Auch heute ist das Unternehmen dennoch ein weltweit agierender unabhängiger Erstbearbeiter (Fermentation und Losblattbearbeitung) und Händler von Rohtabaken, der in allen fünf deutschen Erzeugergemeinschaften und Frankreich Tabake einkauft, nach den Wünschen der Kunden bearbeitet, verpackt und liefert. Es handelt sich dabei vor allem um Tabak für Wasserpfeifen und um Spezial- und Nischenprodukte einiger großen Zigaretten-, Zigarren- und Pfeifentabakfirmen.

Autor/in: 
Barbara Ritter