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DRK-Rettungswache und Verwaltung am Industriehafen Mannheim

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Die Geschäftsstelle des DRK, ehemaliges Verwaltungsgebäude der Mälzerei
Die ehemalige Mälzerei wird hier schon durch Melliand als Chemiefabrik genutzt
Die Fabrikgebäude von Löbmann, Technische Öle und Fette existieren nicht mehr
Im Keller der ehemaligen Mälzerei sind die gusseisernen Stützen noch vorhanden.
Die Kellerfenster und der Sandsteinsockel und Teile des Ergeschosses stammen aus der ersten Bauzeit (1903)
Der Grundriss der alten Mälzerei ist in diesen Gebäuden noch nachzuvollziehen
Die alten Fabrikmauern aus der Zeit von Melliand sind noch erhalten
Anstellt des halbrunden Gebäudeteils stand früher ein Balkon über dem Eingang
Luftbild von 1927 (Foto Seiberlich)
Luftbild von 1927 (Foto Seiberlich)

Stat. 10Die Verwaltungsgebäude und die Rettungswache des Deutschen Roten Kreuzes belegen zwei Grundstücke, die eine heute kaum mehr erkennbare bewegte Vergangenheit haben.

Das freistehende Geschäftshaus der Erstbesitzer des Geländes, der Malzfabrik Siegel, ist das einzige äußerlich gut erhaltene historische Gebäude. Das beitkrempige Walmdach, die großen Gauben, die etwas unproportionierte Höhe der beiden Geschoße, der kleine Balkonvorbau zur Straße, alles ist auch heute noch da, trotz mehrfacher Umnutzung und zweier Kriege. Damals war es ein sehr repräsentatives Gebäude. Gegenüber dem Stich von 1922 fehlen heute die Fensterläden und der geräumige Balkon über dem seitlichen Eingang.

Erhalten ist auch der gesamte Grundriss der Mälzerei, die sich damals fünf Stockwerke hoch erhoben hatte. Sie ist im zweiten Weltkrieg bis auf den Keller und Teile des Erdgeschosses zerstört worden. Die Kellerfenster und Sockel der Gebäude sind von außen noch erkennbar. Im Keller sind auch die gusseisernen Stützpfeiler noch alle erhalten. Feuerpolizeiliche Schutzvorschriften machen heute den Einbau einer Sprinkleranlage zur Auflage für die Nutzung solcher Räumlichkeiten.

Trotz aller Umbauten und Kriegsverwüstungen ist die alte Fabrikmauer erhalten. Die Backsteinmauer ist bei den Pfeilern jeweils etwas nach oben gezogen, ein Anklang an Jugendstilarchitektur.

Weitere interessante Orte an der Lagerstraße

Die Lagerstraße erschließt die Landzunge, die durch das Kaiser-Wilhelm-Becken gebildet wird. Um 1930 ist die Lagerstraße von den alles überragenden „Germania-Mühlenwerken Werner und Nicola“ geprägt. Sie wurden 1902 errichtet und 1979 geschlossen und weitgehend abgerissen, die letzten Gebäude erst im Frühjahr 2014. In der Lagerstraße 9 ist zeitweise die „Deutsch-koloniale-Bananenmühle“ ansässig. In der Nr. 11 hat eine Gewürzmühle ihren Sitz. Links nach der Nr. 11 gelangt man auf der „Floßmarktstraße“ einem kleinen Schifferweg, zum Kaiser-Wilhelm-Becken. Ganz am Ende der Straße, vom Parkplatz des TSR-Recyclingunternehmens aus (bitte anmelden!), hat man einen fantastischen Blick auf die Mühlen auf der Friesenheimer Insel.

Nutzung (ursprünglich): 

Maschinenfabrik und Malzfabrik sowie weitere wechselvolle Nutzung

Nutzung (derzeit): 

Verwaltung und Rettungswache des Deutschen Roten Kreuzes, Kreisverband Mannheim

Geschichte: 

Lagerstraße 5

Auf dem Gelände der Lagerstraße 5  lässt sich um 1903 die Maschinenfabrik Jäckel nieder. 1920 kauft das Gelände die Fabrik Technischer Öle und Fette F. & J. Löbmann“. Eine Werbeanzeige von F & J. Löbmann aus dem Jahr 1922 zeigt das Anwesen. Sie mischen Schmieröle für Maschinen und Autos und Bohröl aus „original amerikanischen und russischen Raffinaten“. Geliefert wird in Fässern und Kesselwagen. Ihre Marke für das Autoschmieröl „Renolit“ wird bekannt.

Die jüdischen Unternehmer Ferdinand Löbmann (1885 in Wollenberg-1942 in Auschwitz) und Julius Löbmann (1892 in Wollenberg – 1961 in Chicago) haben ab 1933 große Probleme mit dem Rohstoffbezug und müssen ihre Firma 1934 bereits drastisch verkleinern. Sie ziehen in die benachbarte Fabrik (in Nr. 7) zur Miete ein. Die Reste ihres Unternehmens müssen sie 1938 verkaufen. Die von ihnen gegründete Marke „Renolit“ wird von dem jungen Familienunternehmen des Rudolf Fuchs (heute Fuchs Petrolub AG) zu einem reellen Preis gekauft und weitergeführt. (Quelle: Christiane Fritsche, Arisierung und Wiedergutmachung in Mannheim 2013) )

Das Schicksal der Familie Löbmann

Julius Löbmann war bis 09.08.1938 auch der Geschäftsteilhaber der Firma Siegmund Loebmann & Co. Mineralölgesellschaft in Mannheim, Helmholtzstr. 70.

Von der Familie Löbmann überlebt nur Julius die NS-Zeit. Während Ferdinand Löbmann am  22. Oktober 1940, ins Internierungslager Gurs (Südfrankreich) verschleppt wird und von dort über Drancy 1942 nach Auschwitz verbracht wird, gelingt Julius am 15.11.1942 die Flucht aus dem Lager. Bis August 1944 bleibt er untergetaucht, wandert dann in die USA  aus, wo er sich als Fabrikarbeiter durchschlägt. (Informationen aus: Fritsche, Arisierung und Wiedergutmachung in Mannheim, 2013)

Sein Sohn Fritz Löbmann, geboren am 12. März 1929 in Mannheim, hat die NS-Zeit ebenfalls nicht überlebt. Er ist eines der bekannten „Kinder von Izieu“, die den Häschern in dem Kinderheim oberhalb von Grenoble schon fast entkommen schienen.

Auf dem Fabrikgelände in der Lagerstraße 5 ist ab den 1930er Jahren die Farbenfirma „Werner Ino & Co GmbH  Lacke, Glasuren und Farbenfabrik“ ansässig, die in den 1980er Jahren dem Neubau des Deutschen Roten Kreuzes weicht. Der Rettungsdienst hat hier seine Verwaltung und Buchhaltung, außerdem befindet sich hier die Rettungswache..

Lagerstraße 7

Das Gelände der Lagerstraße 7 wird erstmals 1903 von der Malzfabrik Siegel bebaut. 1917, während des ersten Weltkrieges, nimmt die Malzfabrik eine Maismühle dazu, 1919 noch eine Trocknerei, sie kann sich jedoch nicht weiter halten.

Die Malzfabrik wird 1920 an Marcel Melliand verkauft, der sie in ein chemisches Werk umgewandelt, das unter seiner Leitung Chemikalien für Textilien herstellt. Melliand ist eigentlich Forscher und Publizist. Er ist der Herausgeber der „Textilberichte über Wissenschaft, Industrie und Handel“ – von 1919 bis heute ein international anerkanntes Fachorgan für die Textilindustrie.

Marcel Melliand

Eine Werbeanzeige mit der Ansicht aus dem Jahr 1922 zeigt, dass er die Fabrikgebäude mit dem für Mälzereien typischen Entlüftungskamin unverändert gelassen hat. Um sich ausschließlich der Forschung und Entwicklung zu widmen, schließt er 1924 die Fabrik schon wieder. 1930 wanderte er nach New-York aus, kam aber offensichtlich wieder nach Heidelberg, seiner Heimatstadt, zurück. 1942 wurde er dort im Zusammenhang mit der „Roten Kapelle“ verhaftet. Sein Name war im Notizbuch von Schulze-Boysen, eines Protagonisten einer Widerstandsgruppe gefunden worden. Er wurde nach vier Monaten wieder freigelassen. Noch im gleichen Jahr 1943 starb er an Krebs

Gemischte Nutzung

Nach der kurzen Zeit als Chemische Fabrik zieht 1924 zunächst die Likörfabrik Herwert in die Lagerstraße 7, deren Besitzer jedoch bald stirbt. In der NS-Zeit sind unter dieser Adresse auffallend viele Bewohner gemeldet. 1934/35 kommt der Schmieröl- und Fett Vertrieb der Geschwister Löbmann hinzu, die bisher auf dem Nachbargrundstück ihre Mischungen herstellten. Im 2. Weltkrieg werden die Fabrikanlagen auf beiden Grundstücken weitgehend zerstört. Ab den 1940er Jahren ist dann allein die Spedition Brunner verzeichnet  bis in den 1970er Jahren der DRK-Kreisverband das Gelände übernimmt.

Eigentümer: 
Deutsches Rotes Kreuz, Kreisverband Mannheim
Erbauer: 
Malzfabrik Siegel und Maschinenfabrik Jäckel
Bauzeit / Umbauten: 
1903
Quellen: 
  • Adressbücher Mannheim
  • Deutsche Städte, Mannheim, Kunst- und Industrie-Verlag Stuttgart. 1922
  • Christiane Fritsche: Arisierung und Wiedergutmachung in Mannheim, 2013
  • Wikipedia
Autor/in: 
Barbara Ritter