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Ehem. Stuhl-Fabrik Leinenkugel (vollständig abgerissen)

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Reklamemarken mit dem Stabilo-Elefanten
Briefkopf 1925 - Quelle: Stadtarchiv Weinheim
Briefkopf 1925 - Quelle: Stadtarchiv Weinheim
Briefkopf 1929 - Quelle: Stadtarchiv Weinheim
2 von über 200 Stuhl-Varianten - Sammlung des Museums der Stadt Weinheim
unterseitiger Aufkleber im Armlehn-Stuhl - Sammlung des Museums der Stadt Weinheim
Auswahl von über 200 Stuhl-Varianten - Quelle: Stadtarchiv Weinheim
Auswahl von Sitzflächen für über 200 Stuhl-Varianten - Quelle: Stadtarchiv Weinheim
Ansicht aus dem Silberkatalog - Quelle: Stadtarchiv Weinheim
Ein Bahn-Waggon voller Stühle ! Silberkatalog - Quelle: Stadtarchiv Weinheim
Werbeanzeige aus unbekannter Zeitschrift mit Sprachgebrauch der Nazi-Zeit
Ansicht über den Abzweig der Weschnitzztalbahn - Quelle: Stadtarchiv Weinheim 13083
Ansicht über den Abzweig der Weschnitzztalbahn - Quelle: Stadtarchiv Weinheim 13084
Belegschaft - Quelle: Stadtarchiv Weinheim 20041
Stuhlmacher Peter Leidig mit Ehefrau Margarete und Sohn Hermann um 1926 - Quelle: Stadtarchiv Weinheim 18227 / aus Privatbesitz von N. Leidig
Stuhlmacher Peter Leidig um 1955 - Quelle: Stadtarchiv Weinheim 18251 / aus Privatbesitz von N. Leidig

Kaum vorstellbare 1500 Stühle pro Tag wurden von hier ausgeliefert. Nichts mehr zu sehen ist von der Fabrik. Erhalten ist die Villa von Philipp Leinenkugel, ein paar Stühle und Reklamemarken mit dem seinerzeit überall beakannten STABIL-Elefanten.

Die Fabrik mit eigenem Bahnanschluß bestand überwiegend oder ausschließlich aus Backsteinbauten. Sie wurde 1992 vollständig abgerissen.

Nutzung (ursprünglich): 

Stuhl-Fabrik

Nutzung (derzeit): 

abgerissen 1992

Geschichte: 

Mit dem Anschluß an die Main-Neckar-Bahn 1846 und dem Bahnhof stand Weinheim verkehrstechnisch die Welt offen. Rotbuchen und Eichen aus dem Odenwald sowie Walnußbäume von der Bergstraße waren die Rohstoff-Grundlage der Weinheimer Holzindustrie. Neben der Gewehrschäftefabrik Friedrich entstanden mehrere Stuhl- und Möbelfabriken, so auch 1899 die Stuhl-Fabrik von Philipp Leinenkugel (1870-1925). Kurz zuvor war er als Teilhaber der Stuhlfabrik Vogler & Cie. ausgeschieden.

Seine technische Neuerung betraf die Fertigung. Statt geschweifte Teile auszuschneiden wurden diese massiv gebogen. Gößere Stabilität und Haltbarkeit sowie ein günstiger Preis überzeugten offensichtlich die Kundschaft. Der Preis für einen Stuhl betrug 2,50 Mark ab einer Menge von 12 Stück. Für diese Menge brauchte ein Stuhlmacher anfangs 3 bis 4 Tage. Durch Serienfertigung stieg die Leistung auf 3 bis 4 Dutzend pro Mann und Tag. 1901 waren 25 Stuhlmacher beschäftigt. Während des 1.Weltkriegs war Philipp Leinenkugel als Hauptmann im Dienst und wurde im Unternehmen von seinem Prokuristen Karl Seelos vertreten. Nach dem überraschenden frühen Tod des 55jährigen Firmengründers führte Karl Seelos die Söhne Bruno und Fritz Leinenkugel in das Geschäft ein. Nach der Umwandlung in eine KG 1938 produzierten 200 Mitarbeiter täglich 1.000 Stühle.

Unter den eingetragenen Schutzmarken "ELEFANTEN-STABIL" und "PEHAELL" - abgeleitet von den Anfangsbuchstaben des Namens - wurden über 200 Varianten angeboten. Unterschieden wurden die Gruppen der Sprossen-, der Nutecken- und der Nutbogenstühle. Schmale und breite Sitzrahmen, versch. Materialien und Oberflächen für die Sitzflächen sowie Ausführungen mit bzw. ohne Armlehnen ließen keine Wünsche offen. Der "Silberkatalog K 1266" zeigt alles ausführlich und übersichtlich.

Kaum vorstellbare 1.500 Stühle konnten täglich ausgeliefert werden. Heute ist von der Fabrik nichts mehr zu sehen. Erhalten ist die Villa von Philipp Leinenkugel, ein paar Stühle und Reklamemarken mit dem seinerzeit überall bekannten STABIL-Elefanten. Die Reklamemarken - nicht zu verwechseln mit Rabattmarken - wurden vermutlich als Verschlußmarken auf den Brief-Couvert-Rückseiten oder als "Mini-Plakate" auf den Vorderseiten verwendet. Andere Aufkleber finden sich noch heute auf der Unterseite von Stühlen. Darüberhinaus wurde der STABIL-Elefant auf Briefbögen und an der Firmenfassade zur Markenbildung verwendet.

Während des 2.Weltkriegs wurden statt Stühle u.a. Munitionskisten und Schlitten für deren Transport in Rußland gebaut. Nach dem Krieg wurde die Produktion wieder aufgebaut und erreichte 1954 mit einer Tagesproduktion von 1.500 Stühlen einen Höhepunkt. Zwischen der Gummiwarenfabrik Weisbrod & Seifert und dem Lokschuppen gab es keine Ausdehnungsmöglichkeit. So wurde an der "Holzquelle" in Walldürn ein Zweigwerk für Lagerung und Arbeitsvorbereitung eingerichtet. In Weinheim wurden neue Maschinen angeschafft und der Fuhrpark erweitert. Im April 1961 wurde wegen "Kapitalmangel" trotz umfangreicher Aufträge aus England Vergleich angemeldet. Die benachbarte Gummiwarenfabrik übernahm 1962 Gebäude und zahlreiche Mitarbeiter.

Quellen: 
  • Ph.Leinenkugel, Stuhlfabrik: Silberkatalog K 1266 mit Preisliten - Stadtarchiv Weinheim
  • Weinheimer Nachrichten: Sonderausgabe 1200 Jahre Weinheim 30.Juli-8.August 1955
  • Weinheimer Nachrichten: "Elefanten-Stabil" - das war ein Qualitätsbegriff, Weinheim 4.10.1990
  • Grau, Ute und Guttmann, Barbara: Weinheim - Geschichte einer Stadt, Edition Diesbach Weinheim 2008
Autor/in: 
Jürgen Herrmann