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Ehemalige Baumwollspinnerei – heute Schulz Speyer und Museumsdepot

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Depot-Treppenhaus
Ansicht von Osten
Ansicht nörlicher Teil
Ansicht südlicher Teil
Detailansicht der Fenster
Die ganze Länge der Spinnerei
Ansicht von der Hofseite
Innen sind noch Stahlträger erkennbar
Kinderspielplatz und Wohnbebauung in unmittelbarer Nähe
Logistik-Rampen
Originalplan der Fassade von 1904, bitte vergrößern
Schulz-Speyer: Haupteingang im Anbau
Luftbild vor Stillegung, links am Bildrand die Villa

Weithin sichtbar und schlossähnlich thront die riesige Textilfabrik mit großen Fenstern und zwei turmartigen Treppenhäusern auf einem Hügel. Es handelt sich um die ehemalige Speyerer Baumwoll-Spinnerei AG, die seit Jahren von einem Bibliotheksregalbauer und dem Historischen Museum der Pfalz als Lager bzw. Depot genutzt wird.

Das langgestreckete Gebäude mit sehr flach geneigtem Dach ist drei Stockwerke hoch und auf die Eisenbahnlinie hin ausgerichtet. Die beiden in der Front gelegenen, unterschiedlich gestalteten Treppenhäuser überragen das Gebäude. Die Fassade ist mit gelben und roten Klinkern in historisierender Weise gestaltet, betont wird vor allem die Vertikale.

Der rechte Turm wirkt mit seinen Eckaufsätzen, der angedeuteten Dachterrasse und dem überkragenden Abschluss toskanisch inspiriert. Der linke Turm, der sich nach oben verjüngt, ist dagegen von Jugendstilarchitektur geprägt. Beide werden heute als Standort für Funkmasten benutzt.

Im Inneren der Gebäude sind durch die damals neu aufgekommene Beton-Bauweise riesige Hallen entstanden, unterteilt nur durch die Beton- bzw. Stahlstützen. Spinnereien hatten Maschinen von 30 Meter Länge im Einsatz. Die Nutzfläche des Gebäudes umfasst 17.000 qm (das ist etwa die Fläche von drei großen Warenhäusern). Durch die großen Fenster waren die Werkshallen gut belichtet.

Die Fassade ist sorgfältig restauriert und die metallenen dunkelgrauen Fenster, die fast quadratisch gesprosst sind, betonen den edlen Charakter der Textilfabrik. Sie gehörte schon zu ihrer Zeit „zum Imposantesten ... , was zu Anfang dieses Jahrhunderts in der Industriearchitektur geschaffen wurde“ und dokumentiert den hohen Anspruch der „Industriebarone". Vor der Fassade breitet sich eine zur Straße hin abschüssige Grünfläche mit alten Bäumen aus.

Der Eingang des Museumslagers, eine graue Metalltür im rechten Turm, wirkt gut verschlossen. Der Haupteingang des jetzigen Nutzers Schulz-Speyer liegt nicht an dieser prächtigen Fassade, hier fahren nur LKW an ihre Laderampen, die mit stilistisch eher traurigen Kunststoffwelldächern bedeckt sind. Ein im Verhältnis zum Spinnereigebäude unscheinbarer Anbau (Putzbau) bildet heute den Haupteingang zur Schulz Speyer Bibliothekstechnik AG.

Das Ambiente auf der Rückseite des stolzen Baus steht im krassen Gegensatz zur Vorderseite. Hier befindet sich ein modernes Einkaufszentrum. Ein Wohnhochhaus und Reihen- bzw. Blockbebauung aus den 1980er Jahren stehen in unmittelbarer Nähe. Die Siedlungen am Woogbach und entlang der Spinnereistraße gehörten ebenfalls zum Einzugsgebiet der alten Spinnerei. Hier ist vor allem durch die steilen Dächer ein Ambiente aus vergangener Zeit bewahrt.

Nutzung (ursprünglich): 

Baumwollspinnerei

Nutzung (derzeit): 

Lager und Logistik von Schulz Speyer Depot des Historischen Museums der Pfalz

Geschichte: 

Bereits 1867 kaufte ein Speyerer Bürgerkonsortium das ausgedehnte Gelände mit dem Ziel, dort eine große Spinnerei als Aktiengesellschaft zu gründen. Die Geschichte hört sich geradezu modern an, deshalb wird sie hier etwas genauer dargestellt.

Zu den Initiatoren gehörten: Der Drucker Ludwig Gilardone, der Tuchhändler Louis Levinger (beide waren ein Jahr zuvor die Initiatoren des "Vorschussvereins", aus dem später die Volksbank entstand), Ludwig Heydenreich, Bürgermeister Georg Peter Süss, die Kaufleute Adolph und Gustav Haffner, J.G. Reither, der Papierfabrikant Eduard Zimmermann und der praktische Arzt Dr. Weltz. Dazu kamen Geschäftsleute aus Landau, Kaiserslautern, Zweibrücken und dem schweizerischen Winterthur.

Da der Wertpapierverkauf jedoch ins Stocken geriet, wurde das Projekt wieder aufgegeben und erst 1889 in einem erweiterten Kreis von Investoren wieder aufgenommen. Den Vorsitz des Aufsichtsrats der jetzt gegründeten „Speyrer Baumwoll-Spinnerei AG“ hatte der Storchenbrauereibesitzer Christian Sick, sein Stellvertreter war Louis Levinger, Direktor wurde der Schweizer Jakob Knaus.

Im August 1889 begannen die Bauarbeiten. Das Gebäude entstand in zwei Bauabschnitten, zunächst wurde nur der nördliche Flügel gebaut. Die Baumwollspinnerei bestand um 1900 aus sieben Gebäuden und (zumindest in späteren Jahren) zwei Schonsteinen, die heute nicht mehr existieren, und hatte 245 Beschäftigte. Der erste Flügel des Gebäudes wurde bereits 1904 in den oberen Stockwerken durch ein Feuer stark beschädigt. Die Wiederherstellung, bei der Stahlstützen durch Betonträger ersetzt wurden, nutzte man auch zur Erweiterung des Baus um ein noch größeres Treppenhaus und einen weiteren Flügel.

Bei Ausbruch des ersten Weltkrieges beschäftigte die Firma 203 Frauen und 38 Männer. Es war ein Betriebskindergarten und ein Consumverein eingerichtet worden sowie einige Arbeiterwohnungen im nahen Florhof. Die Erzeugnisse sind Baumwoll- und Zellwollgarne sowie Zwirne und Papiergarne. Die Weltwirtschaftkrise der 1920er Jahre traf die AG schwer, es kam auch zu Streiks.

1930 war die AG zusammengebrochen und wurde 1931 an die Vereinigten Textilwerke Wagner & Moras AG, Zittau (Sachsen) verpachtet. Doch auch für diesen Betrieb wurde die Lage immer schwieriger, weshalb er 1932 die Stilllegung der Speyer Anlagen mit ihren inzwischen 413 ArbeiterInnen veranlasste. Nach einjährigem Stillstand wurde Ende Mai 1934 der Betrieb wieder aufgenommen und entwickelte sich mit Hilfe der interventionistischen NS-Spinnstoff- und Textilpolitik zu neuer Größe. Neue Investoren beteiligten sich ab 1943 mit der Forcierung von Kunstwolle mit der Süddeutschen Zellwoll-AG, Kelheim und die Bayerische Staatsbank kam als Großaktionär (ca. 25 %) hinzu.

Diese blieb bis 1967 Hauptaktionär mit Robert Schwab als Direktor. Ohne Vorwarnung wurde Anfang Oktober 1967 die Liquidation des Unternehmens beschlossen. Über 300 Beschäftigte, überwiegend Frauen, wurden arbeitslos. Begründung war der „unerwartet starke Preisverfall für die Produkte des Unternehmens besonders in der zweiten Hälfte des Geschäftsjahres 1966“. Bis 1970 zog sich die Liquidation und Abwicklung der Baumwollspinnerei hin.

Um den Erhalt der Gebäude wurde lange gerungen. 1985 erwarb es die Stadt Speyer, das Hauptgebäude wurde unter Denkmalschutz gestellt, Schuppen und Nebengebäude abgerissen, darunter auch die nahegelegene Direktorenvilla (1988). Seit 1987 werden 8500 qm als Depoträume durch das Historische Museum der Pfalz Speyer genutzt. Die Firma Schulz-Speyer Bibliothekstechnik AG nutzte seit 1970 zunächst nur den angebauten Lagerteil von 800 m² , bevor es später zur Ausdehnung kam. Das 1955 im Bayerischen Nördlingen gegründete Unternehmen hat in die Restaurierung des Gebäudes nach dessen Erwerb im Jahr 1998 erhebliche Mittel investiert, wodurch das äußere prachtvolle Erscheinungsbild wieder hergestellt und die Möglichkeiten im Innern den Erfordernissen der neuen Nutzung als Lager angepasst wurden, das jetzt über 9.000 m² beträgt.

Eigentümer: 
Grundstücks-Verwaltungs-Gesellschaft bR mbH Hampel - Haub (55%), Historisches Museum (45%)
Architekt: 
Architekt Kurt von der Betonfirma Wayss und Freytag eine sehr renommierte Firma aus Neustadt und Frankfurt
Bauzeit / Umbauten: 
1887 und 1904
Quellen: 
  • Die Rheinpfalz vom 27.01.2004 (dort wird als Quelle das Archiv der Rheinpfalz und die "Geschichte der Stadt Speyer Band 2" benannt)
  • Denkmaltopografie, Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz, Band 1, Stadt Speyer Mainz 1985, Autor: Herbert Dellwing
Autor/in: 
Barbara Ritter