Startseite »

Ehemalige Chemische Fabrik Badenia und Holzimport Messerschmitt im Mannheimer Industriehafen

Druckversion
Messerschmitt 1910, Quelle: Eine Fahrt durch die Mannheimer Hafenanlagen, 1910, Herg. Verkehrsverein
Logo und Leucht-Reklame aus den 1950er Jahren
Tanks und LKW der Fa. Badenia  1969, Quelle Mannheim, Mittelpunkt im Rhein-Neckar-Raum, 1969
Das Badenia-Logo im Stil der 1950er Jahre
Großproduktion von Dachpappe1955, Quelle:  Mannheim im Aufbau, 1955
Ansichten des Messerschmitt-Anwesens 1928, Quelle: Mannheim, Kultur- u. Wirtschaftszentrum (1928)
Briefkopf einer Messerschmitt Rechnung 1907
Rechnungskopf 1907 Ausschnitt
auf dem Weg zur Pyramide
Pyramide und Kaiser Wilhelm Becken
Die PYramide ist gut vier Meter hoch
2016: Nur noch ein Parkplatz
Juli 2015: zuerst fiel der Schornstein, die Rest-Halle steht noch
2010 Ursprünglich gab es sogar zwei Fabrikschornsteine auf dem Gelände (Foto Ritter)
Messerschmittschlot: Diese Landmarke im Industriehafen gibt es seit 2015 nicht mehr

flag

 

 

Die Spuren des ursprünglichen Dampfhobel- und Sägewerks von Ad. Messerschmitt sind leider im Sommer 2016 restlos getilgt worden. Vorher stand an dieser Stelle ein markanter Fabrikschlot und eine kleine Halle als weithin sichtbares Zeichen alter Fabriken in der Industriestraße.

Auf diesem Gelände war seit der Gründung des Industriehafens um 1900 eines der größten Mannheimer Unternehmen der Holzbranche untergebracht, die Firma Adam Messerschmitt. Später übernahm die Chemische Fabrik Badenia Philipp Keilmann das Gelände. Doch auch die ehemalige Dachpappen- und Teerdestillations-Fabrik ist bereits seit Jahren stillgelegt. Das Markenzeichen der Badenia, ein runder Destillations-Glaskolben und die schwungvolle Schrift ist noch als (nicht mehr funktionierende) Neonreklame erhalten.

Der hohe Fabrikschlot, eine wahre Landmarke am Industriehafen, wurde 2015 abgerissen. Die Gebäude linkerhand mit dem Logo der chemischen Fabrik Badenia stammen aus den Nachkriegsjahren. Der Eingang und das Treppenhaus in der Nummer 9 strahlt noch immer den Zeitgeschmack der 50er-Jahre aus. In den neuen Gebäuden rechts entlang der Straße sind ein Möbelhaus und eine Autoreparaturwerkstatt und eine Schlosserei untergebracht. Im Bereich zum Hafenbecken hin herrscht Unübersichtlichkeit.

Auf verschlungenen Pfaden – meist zwischen Brennnesseln und Brombeerranken hindurch - gelangt man auf den Weg zwischen den Gebäuden und rechts hinter dem Fabrikschlot zum Kaiser-Wilhelm-Becken. Entlang der verfallenden Fabrikmauern kommt man zum Mannheimer Meridian, der „Pyramide“, einem 200 Jahre alten astronomischen Messpunkt (siehe Pyramide ). Hier hat man einen weiten Blick auf den Industriehafen.

Nutzung (ursprünglich): 

Holzlagerplatz und Hobel- und Sägewerk, Dachpappenfabrik und Teerdestillation, Mineralöllager

Nutzung (derzeit): 

Diverse Kleingewerbebetriebe wie Autoglaserei, Autosattlerei, Reifenhandel, Autohandel, Fußbodenbau, Imbiss, Werbetechnik, Computerdienstleistungen

Geschichte: 

„Ad. Messerschmitt, Dampfhobel- und Sägewerk“

Gegründet wurde das Werk als Holzhandlung und Flößerei bereits Anfang des 19. Jahrhunderts von Johann Tadäus Wagner in Mainz-Kastel. 1860 ging die Firma auf Ad. Messerschmitt über. Mitte der 1890er Jahr übernahmen die Söhne Adam und Carl Messerschmitt die Firma, die in London, Rotterdam und Antwerpen studiert bzw. kaufmännische Erfahrung gesammelt hatten. Sie nahmen auch direkte Handelsbeziehungen zu den großen Holzproduzenten in den USA und süd- und osteuropäischen Ländern auf.

1897 errichteten sie ein Lager in Ludwigshafen, 1902 kauften sie im Mannheimer Industriehafen ein ausgedehntes Gelände und errichteten dort ein großes Holzlager mit Hobel- und Sägewerk. Ein weiteres Werk bestand in Pratteln in der Schweiz. Bereits 1912 hatte die Firma laut Rotterdamer Handelskammerbericht den größten Import über Rotterdam nach dem Oberrhein. Das zu ca. 1/3 überdachte Lager hatte am Kaiser-Wilhelm-Becken eine 272 m lange Wasserfront, verfügte über Eisenbahnanschluss, eine eigene Waggonwaage, eine elektrische Krananlage, eine 250 HP Tandem-Compo und Ventil-Dampfmaschine, 4 schwedische Hobelmaschinen, verschiedene Säge- und Spalter-Maschinen, vier große Trockenkammern, sowie über eigene elektrische Kraft- und Lichtanlagen mit Akkumulatoren.

Das Angebot an unterschiedlichsten überseeischen Hölzern war riesengroß. Zusammenfassend stellte man 1928 fest: „Alle in die Möbel- und sonstigen holzverarbeitenden Branchen einschlagenden Phantasie- und Luxushölzer“. Als Beispiele wurden aufgeführt: „Große Lager in Pitch-Pine, Yellow Pine, schwedische Hobelriemen, Amerikanische Eichen, Eschen, Ahorn, Hickory, Kirschbaum, Black-Walnut, Satinnußbaum, Whitewood, Cottonwood, Basswood, Ulmen, Linden, Cypressen, Redwood, North Carolina Pine, rote Cedern, Peneil - Cedern, Sycomore etc. Tabasko, Cuba- und afrikanisches Mahagoni, Teak, Kauri, Palisander, Sabicou, Padouc, Ebenholz, Rosenholz, Olivenholz, Pockholz, Grenadilla, Citron und Lager sämtlicher inländischer Hölzer, sowie Galizischer und Bukowina-Tannen und Fichten. Großes Lager slavonischer Eichen und Rüstern aller Dimensionen.“

1928 war Carl Messerschmitt alleiniger Inhaber und hatte 35 Angestellte sowie 100–150 Arbeiter. Er war als außerordentlich kenntnisreicher Fachmann in der Branche sehr geschätzt. In vielen Broschüren und damaligen Bildbänden der Stadt machte er Werbung. Um 1936 hat Messerschmitt seinen Mannheimer Betrieb aufgegeben. Die Gründe sind nicht zu eruieren, doch kann davon ausgegangen werden, dass er nicht rassistisch verfolgt war. Die Betriebe in Mainz-Kastell und in Pratteln haben Jahrzehnte lang weiter existiert, sind aber inzwischen auch liquidiert.

Geschichte der Chemische Fabrik Badenia Philipp Keilmann

Gegründet wurde die Firma 1880 als Handwerksbetrieb zur Herstellung von Dachpappe. Philipp Keilmann trat kurz vor dem ersten Weltkrieg in die Firma ein. Die Firma in der Neckarauer Waldhornstraße 29-33 entwickelte sich gut. 1936 kaufte er offenbar den Betrieb von Messerschmitt. „Ein entsprechendes Gelände, das hinreichend Ausdehnungsmöglichkeiten bot, musste erworben werden“ (Quelle, Mannheim. Mittelpunkt im Rhein-Neckar-Raum 1969).

1945 trat der Sohn, Dr. Ernst Keilmann in die Firma ein. Die Fabrik, die im Krieg erheblichen Schaden erlitten hatte, nahm erneut eine steile Entwicklung zur vollautomatischen Großfabrikation von Dachpappe mit einer Tageskapazität von ca. 20.000 m². Ferner wurden Klebemassen und Isolierstoffe hergestellt. Eine Tochterfirma in Nürnberg stellte Gussasphalt sowie weitere Spezialprodukte der Teerdestillation wie Elektrodenpeche und Elektrodenbinder her. Eine Bitumen-Großtankanlage wurde erstellt.

In den 1960er-Jahren verlagerte sich die Tätigkeit der Firma immer mehr in den Bereich der Mineralölwirtschaft. Ein Heizölvertrieb (Calofrig) wurde aufgenommen und dafür neue Tanklager gebaut. Die Badenia machte Werbung in vielen Nachkriegspublikationen Mannheims und wurde dort als weltbekanntes Unternehmen hervorgehoben. 1994 hat die Esso AG die Chemische Fabrik Badenia gekauft. In dieser Zeit hatte die Badenia ca. 100 Beschäftigte. Im Jahr 2007 wurde die Firma komplett abgewickelt. Ob es giftige Rückstände im Boden gibt, wird 2012 mit fünf Grundwassermessstellen von der Stadt Mannheim untersucht.

Quellen: 
  1. Führer durch die Industrie- und Hafenanlagen von Mannheim, 1909
  2. Eine Fahrt durch die Mannheimer Hafenanlagen, 1910, Herausgeber: Verkehrsverein Mannheim,
  3. Kultur- und Wirtschaftszentrum (1928) S. IX Firmenkatalog Industrie, 1950, IHK Mannheim
  4. Mannheim im Aufbau, 1955 350 Jahre Mannheim, 1957
  5. Mannheim, Mittelpunkt im Rhein-Neckar-Raum, 1969
Autor/in: 
Barbara Ritter