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Polat-Bau – Ehemalige Gipsfabrik

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Straßenfront
Die Seite zum Salzkontor
Durchblick zur Hildebrandmühle auf der rechten Seite
Wasserseite mit neu eingebautem Fenster
Gusseiseren Stützen im Inneren
Rost am Warnschild
Dekoration auf dem Schornstein
Der Zahn der Zeit und der Abrisshammer
Hofklingel
zerbrochene Fenster
Die damlas als Presshefefabrik genutzten Gebäude (Bildmitte) mit ihren zwei Kaminen überragen alle Nachbarn
Die Gebäude von Polatbau und Salzkontor vom Wasser aus

05Wie aus der Zeit gefallen sieht das unverputzte Backsteingebäude aus, in klassischer Gründerzeit-Architektur, mit einem kleinen Bürovorbau, die Fassade mit Klinkermuster verschönt. Das kann man auch noch unter dem abblätternden Anstrich erkennen. Zwei große Schornsteine ragen auf, die Ornamente aus farbigen Ziegelsteinen tragen. Rechts entlang der Grundstücksgrenze ist im Neubau das Büro von Polat-Bau untergebracht, dahinter ist erkennbar, dass ein Brand einen älteren Anbau teilweise zerstört hat. Vom Wasser aus sieht man, dass an dem Gebäude nicht nur der Zahn der Zeit nagt, sondern dass hier Teile eines niedrigeren Anbaus abgerissen wurden und dass ein Raum mit großen Glasfenstern eingebaut wurde. Das Haus und Teile des Geländes dienen als Lager, bis andere Nutzungen konkret geplant und umgesetzt werden können.

Nutzung (ursprünglich): 

Gipsindustrie und vielfältige gewerbliche Nutzung

Nutzung (derzeit): 

Lager und Büro eines Bauunternehmens

Geschichte: 

Das 1900 für die „Rheinische Gipsindustrie“ gebaute Anwesen erfährt innerhalb kurzer Zeit vielfältige und sehr unterschiedliche Nutzungen: es wird Kunstlederfabrik, Getreidepresshefe- und Spiritusfabrik. Das Gelände gehört der „Rheinische Industriegesellschaft mbH“ mit Sitz in Bonn, die auch das Grundstück Nr. 41 besitzt. Aus den Akten ist nicht zu erkennen, welchem Gewerbe diese Gesellschaft zuzuordnen wäre. Nach heutiger Diktion ist sie vermutlich ein „Investor“. 1913 zieht Karl Renninger zur Miete mit seiner Flaschenkastenfabrik ein, die er bisher in der Lagerstraße betrieben hat. Von der Eisenwarenfabrik schwenkt er 1925 auf Chemie um, er stellt jetzt Metallschutzfarben her.

Der Nazi-OB als Farbenfabrikant

1933 wird Renniger von den Nationalsozialisten zum Oberbürgermeister ernannt, ein Amt das er bis 1945 mit großer Härte gegen politische Gegner und jüdische Bürger führt. Als Oberbürgermeister der Stadt Mannheim habe er die Geschäftsführung an einen Mitarbeiter übergeben (1). Über die Erfolge der Firma Renninger gibt es widersprüchliche Aussagen. Renninger sei 1932 wirtschaftlich mit seiner Fabrik vor einer Pleite gestanden, was sich aus seiner Steuererklärung ergäbe (2). Eine andere Quellen berichtet, dass die Metallwarenfabrik (die es nicht mehr gab, Anmerkung d. Verf.) in späteren Jahren so gut floriert habe, dass Renninger von ihr leben und seine Bezüge als Oberbürgermeister regelmäßig für 300 bedürftige Kinder zur Verfügung stellen konnte (3).

Renninger wird von der NS Wirtschaftsgruppe Chemie zum Leiter der Fachgruppe Mineralfarben ernannt und kann in der Zeit der Kriegswirtschaft bei der Rohstoffzuteilung „die Interessen unseres Kartells mit Erfolg vertreten“ (Renninger 1951).

Nach dem Krieg wird Karl Renninger vor der Spruchkammer als Hauptschuldiger angeklagt, aber zum „Belasteten“ heruntergestuft und zur teilweisen (25%) Einziehung seines Privatvermögens, mindestens 10 000 DM und zu zwei Jahren Arbeitslager verurteilt, die mit der Gefangenschaft als abgegolten galten (4). Er stirbt 1951 im Alter von 70 Jahren.

Auch Nach dem Krieg vielfältige Nutzung

In den 1950er Jahren kauft sein Sohn Roland Renninger das Gelände von der „Grundstücks-Gesellschaft mbH“, ebenfalls ein Unternehmen, das das Gelände in den 1940er Jahren erworben hatte. (Zur Rolle der „Grundstücks-Gesellschaft mbH“ wäre eine weitere gründliche Nachforschung sinnvoll.)

Die Farbenfabrik von Renninger wird nur noch in den 1950er Jahren weitergeführt. Danach betreiben mehrere Mieter teilweise gleichzeitig ihre kleinen Firmen: eine Spedition, eine Glaserei und Fensterbaubetrieb, eine Mineralmühle, ein Palettenhandel und ein Baugeschäft.

Bei so intensiver Umnutzung gibt es Anbauten und Abrisse, Feuer- und Wasserschäden, aber die Bausubstanz der ursprünglichen Gipsfabrik ist noch immer erkennbar. Seit 2010 gehört das Anwesen dem Hoch- und Tiefbau Unternehmer Polat.

Eigentümer: 
Polat-Bau
Erbauer: 
Rheinische Gipsindustrie
Bauzeit / Umbauten: 
1900
Quellen: 
  • 1. Stadtarchiv Mannheim, S 1 / 1753, RNZ 29. 12. 1981, Autor nicht ersichtlich
  • 2. Stadtarchiv S 1 / 1753, Mannheimer Morgen Nr. 41, Leserbrief des Landtagsmitglieds G. Zimmermann vom 8. 4. 1948
  • 3. Stadtarchiv S 1 / 1753, Rhein-Neckar-Zeitung Nr. 196, 28. /29. 8. 1976, Walter E. Senk, Vor 25 Jahren starb Karl Renninger.
  • 4. Stadtarchiv S 1 / 1753,, Amtsblatt 16. 9. 1949
  • Stadtarchiv, Kleine Erwerbungen 468, Renninger Carl, Gedanken über meine Amtszeit als Oberbürgermeister der Stadt Mannheim 1933-45 mit einem Vorwort von Roland Renninger, Privatdruck 1956
  • Adressbücher der Stadt Mannheim, Diverse Jahrgänge
  • Führer durch die Industrie- und Hafenanlagen Mannheims, 1909
Autor/in: 
Barbara Ritter, Recherche teilweise: Gisela Krolage-Lung