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Ehemaliger Weingroßhandel - RomnoKher, Kulturhaus der Sinti und Roma in Mannheim

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Der überdachte Hof mit den ehemaligen Laderampen und dem Angang in den Keller
Türe zur Geschäftsstelle der Sinti und Roma mit alten Beschlägen und Metallgitter
Die enge Wendeltreppe ist der einzige Zugang zu den Büros im Obergeschoss
Lichtdurchflutet aber eng und verwinkelt: die BÜros im Obergeschoss
Der Saal im Kellergewölbe mit Metall-Streben
Teile des Seitenflügels während des Umbaus
"Treppenhaus" von oben gesehen.
Ausstellung im Kellergewölbe
Kellergewölbe mit doppelten Stahlstützen und -trägern; die Notleiter führt zum Fenster in den Hof
Seminarraum im Erdgeschoss
Traubendekor an der Fassanlage
Der Metallstutzen in der Sandsteinwand ist das Ende der Pipeline zum Hafen
Eröffnung einer Ausstellung im Lichthof
Der Gebäudekomplex war früher vermutlich in Bebauung eingebunden, von außen steht er wie abgeschnitten im Gelände
Werbung in deutsche Städte: Mannheim, 1922, Kunst- und Industrieverlag

Hinter einem modernen Wohnhaus führt ein großes Tor in den schmalen Lichthof der ehemaligen Weingroßhandlung. Im einst auch zu Fabrikationszwecken genutzten Gebäude ist die Beratungsstelle des Landesverbandes der Sinti und Roma (Ba-Wü) untergebracht. Der Hof ist an drei Seiten von ein- und zweistöckigen Gebäuden umschlossen, deren Dächer sich zum Hof neigen. Von außen sehen die Häuser wie abgeschnitten aus, weil sie mit dem First enden und nicht (mehr) an andere Gebäude angebaut sind.

Mehr als ein Fuhrwerk oder LKW konnte in den ca 5x25 Meter großen Hinterhof nicht einfahren. Er ist mit einer nach alten Plänen gebauten, im First belüftbaren Satteldachkonstruktion aus Glas und Stahl überdacht, die auf Sandsteinkonsolen ruht. Der rot gestrichene Sandstein wiederholt sich in den Fensterbrüstungen, an Türen und Gesimsen.

An den Längsseiten sind die Tore der Laderampen zu erkennen. Teilweise sind die alten Beschläge der Sprossen-Fenster und Türen erhalten. Die ehemaligen Büros und Werkstätten sind zu Seminarräumen und modernen Büros umgebaut.

Der Zugang zu den Räumen im Obergeschoss links ist wie früher nur durch eine schmale gusseiserne Wendeltreppe möglich. Die Stufen sind reich verziert, die Stäbe ebenfalls gusseisern, der Handlauf aus rot gestrichenem Holz. Die Büros oben sind durchzogen von Balken, der Boden besteht aus Holzdielen, einige Wände sind holzverkleidet. Das ehemalige Kontor hat Stuckdecken, Eichenparkett und eine hölzerne Wandverkleidung.

Der Keller – die wichtige unterirdische Firmenanlage des Weinhandels - wird durch eine schräge Klapptüre an der Stirnseite des Hofes über eine breite sehr steile Treppe erreicht. Das ehemalige ca 500 qm große Weinlager ist zu einem Saal ausgebaut. Die Sandsteinwände sind größtenteils freigelegt oder neu verputzt. Eine große gemauerte Fassanlage ist zu einer Teeküche und den Sanitäranlagen umgebaut. Über deren Türen ist eine Weintraube als Verzierung im Putz angebracht.

Aus der Stirnwand ragt in Kniehöhe ein metallner Stutzen: es ist das Ende der Pipeline zum Zoll-Hafen, über die eine direkte Verbindung zu den Schiffen bestand. Das Tonnengewölbe wird von zahlreichen Stahlstützen getragen. Zum Teil stehen sie dicht neben einander. Mit Kellerfenstern ist der Raum zum Hof hin belüftet. Der Fußboden besteht aus rotem Sandstein.

Nutzung (ursprünglich): 

Gewerbe und Großhandel für Wein

Nutzung (derzeit): 

Kulturhaus und Geschäftsstelle des Landesverbandes Deutscher Sinti und Roma B.-W. RomnoKher heißt: "unser Haus" Eine Dauerausstellung zu den Bereichen Wohnen, Gesundheit, Arbeit, Bildung, Medien und starke Frauen bietet vertiefte Einblicke in die aktuelle Lebenssituation von Sinti und Roma in Deutschland.

Geschichte: 

Erbaut ca. 1875 als Gewerbehof zunächst für eine Spedition und Handelsgesellschaft (Öle und Fette), gestaltete sich nach 1910 hier die Weingroßhandlung und Branntweinbrennerei Salli Kahn & Sally Wolf den hinteren Teil des Gebäudes entsprechend ihrer Bedürfnisse. Sie kauften das Grundstück 1920, mussten es jedoch als jüdische Mannheimer Bürger 1938 zwangsverkaufen. (Sie konnten mit ihren Familien noch in die USA emigrieren, Salomon Kahn, Frankenthal 1879 - New York 1959).

Die neuen Besitzer, Fa. H.F. Müller Rode, eine Südweinimportfirma waren bereits im Rückgebäude ansässig. Das Vorderhaus wurde im Krieg vollständig zerstört. Das Hinterhaus wurde noch bis 1988 als Großhandel und Lager für ausländische Weine genutzt.

Der Anschluss an den Hafen war für das Unternehmen wichtig, da der Wein vor allem per Schiff aus Frankreich, Italien, Spanien, Portugal und Griechenland kam. Eine 80 Meter lange Pipeline führt von einem Lager im Hafen unter der vierspurigen Ringstraße direkt in den Kellerraum.

1988 wurde das Unternehmen stillgelegt. Seit 2006 ist das Haus im Besitz des LV Deutscher Sinti & Roma B.-W., der es bis 2008 sanierte. Der Landesverband Deutscher Sinti und Roma e. V. Baden-Württemberg und der Gesellschaft für Antiziganismusforschung e. V. sind gemeinsam mit der Freudenberg Stiftung Gründungsgesellschafter der RomnoKher gGmbH.

Zweck des in der Mannheimer Innenstadt gelegenen Kultur-Hauses ist es, Beratung, Bildungsarbeit mit Jugendlichen und Familien, Kulturveranstaltungen, Öffentlichkeitsarbeit und Forschungsvorhaben unter einem Dach zu beherbergen. 2008 wurde das Haus neu eröffnet. Die Beratungsstelle des Landesverbandes Deutscher Sinti und Roma ist dort bereits mit Büros und Versammlungsräumen eingezogen. Im Bildungshaus finden auch Fortbildungen für Schulen zum Thema „Argumentationshilfen gegen Antiziganismus und Antisemitismus“ im Rahmen des von der Ford Foundation unterstützten Programms der Amadeu Antonio Stiftung „Living Equality“ statt.

Eigentümer: 
Landesverband der Sinti und Roma Baden-Württemberg
Architekt: 
unbekannt
Bauzeit / Umbauten: 
um 1875
Quellen: 

Monika Ryll: Info-Blatt mit Objektbeschreibung anlässlich des Tags des offenen Denkmals 2008 Interviews mit den Besitzern

Autor/in: 
Barbara Ritter