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Erlenhof-Siedlung in Mannheim

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Erlenhof heute: nach der Sanierung in Originalfarben
1970er Jahre Bausünde: Sprossenfenster und Treppenhauserker sind entfernt
alte Fassadengestaltungselemente: Treppenhauserker
Aufgang
Konsequent nur mit Loggien und ohne Balkone
Eingangstür und Fenster nach der denkmalgerechten Modernisierung
Geländerdetail im Treppenhaus
in den 1970er Jahren: erst aus gewisser Entfernung sind die Schornsteine auf dem Dach zu erkennen
Grüner Majolika-Brunnen - leider ohne Wasser
Rückseite heute
Begrünter Innenhof mit Majolika-Brunnen
Innenhof in den 1950er Jahren
Innenhof Richtung Norden
Innenhof-Spielplatz, früher
Lageplan von 1926 (Quelle: 75 Jahre GBG)
Luftbild 1936 (Quelle: 75 Jahre GBG) links oben der Bau der GAGFAH, oberer Rand die Bebauung der Untermühlaustraße, rechts die Nikolauskirche
Muschelkalkbrunnen
Postkarte aus den 1950er Jahren (Quelle: 75 Jahre GBG)
Das bauzeitliche Original mit Treppenhaus-Erker
Türschmuck - darüber war früher der Treppenhaus-Erker

Der oftmals als „Wiege der GBG“ bezeichnete Erlenhof war das erste Projekt der 1926 gegründeten Gemeinnützigen Baugesellschaft. Das größte Neubauprojekt nach dem Ende des Ersten Weltkrieges in Mannheim entstand auf einem rund 25.000 m² großen Areal am nördlichen Rand der Neckarstadt. Nach nur einem Jahr Bauzeit konnten die 50 viergeschossigen Häuser im April 1927 bezogen werden. Neun Läden und andere der Versorgung der Bewohner dienenden Einrichtungen wurden in die Wohnanlage integriert.

Der Erlenhof verkörpert wie kaum eine andere Wohnanlage die architektonischen Tendenzen gegen Ende der 20-er Jahre. Die Wohnungen entsprachen und entsprechen heute noch Forderungen nach Licht, Luft und Sonne, die Wohnungszuschnitte waren für die damalige Zeit sehr fortschrittlich und großzügig gewählt. Die begrünten Innenhöfe wurden mit Kinderspielplätzen und Sitzgruppen für Erwachsene ausgestattet und rundeten das Gesamtbild der Wohnanlage ab.

Die Wohnungen gehörten vom Grundriss und der Ausstattung her zu den begehrtesten Mietwohnungen Mannheims. In gelb und grün abgesetzte, hell leuchtende Fassaden und dreieckige Erker an den Treppenhäusern prägten das äußere Erscheinungsbild.

Der Erlenhof bildet die nördliche Einfahrt in die Neckarstadt. Dabei ist er durch seine Gestaltung eine Visitenkarte des modernen Mannheims der zwanziger Jahre. Im Zweiten Weltkrieg blieb der Erlenhof von den Bombenangriffen nicht verschont. Elf Häuser wurden stark zerstört, weitere 31 Häuser waren in Mitleidenschaft gezogen.

Der Wiederaufbau wurde 1953 abgeschlossen. Dabei wurden auch die Mansarden zu Wohnungen umfunktioniert. Nach einer Modernisierung in den 70er Jahren wurde die letzte Modernisierung der Wohnanlage im Jahr 2007 abgeschlossen.

Um den Gebäudekomplex mit insgesamt 415 Mietwohnungen und 11 Gewerbeeinheiten erneut auf den neuesten Stand zu bringen, investierte die GBG mehr als 26 Millionen Euro: sowohl in Dächer, Fassaden, Fenster und Türen als auch die Versorgung mit Wasser, Strom und Wärme, den Einbau zeitgemäßer Bäder und die Renovierung der Treppenhäuser.

Alle Arbeiten wurden in enger Kooperation mit der Denkmalschutzbehörde ausgeführt. Die gesamte Anlage war im Jahr 2000 in die Liste der Kulturdenkmale aufgenommen worden, da sie bundesweit als eine prägende Siedlung für den sozialen Wohnungsbau der 20er Jahre gilt.

Brunnen und Grünfläche: Beachtenswert sind die beiden lang gestreckten begrünten Innenhöfe der Häuser westlich der Waldhofstraße. Ihr Zugang ist durch versetzte Mauern und hohe Zäune von der Allee „Mühlaugrün“ abgegrenzt. Auf historischen Fotos erkennt man, dass diese Einfriedung dem Original nachempfunden ist. Kunstvolle Brunnen stehen an den Eingängen: einer mit grünen Kacheln (Majolika) des Karlsruher Bildhauers Otto Schneider, sowie einer des Mannheimer Künstlers Franz Gelb aus Muschelkalk. (Siehe Fotos)

Jugendhaus und Abenteuerspielplatz Erlenhof In den frühen 1950er Jahren schrieb der Erlenhof mit der Einrichtung seines Jugendhauses und bundesweit ersten und größten Abenteuerspielplatzes Geschichte. Das Gelände liegt westlich des Erlenhofes. 1952 konnte das Gebäude in der Erlenstraße 63 mit Hilfe der amerikanischen Streitkräfte auf den Fundamten des im Krieg zerstörten "HJ"-Heims aufgebaut werden. Es wurde und wird in Trägerschaft des Stadtjugendamtes geführt.

1954 ergriff der Werklehrer des Jugendhauses Fritz Häfelinger die Initiative zur Umgestaltung des 6000 Quadratmeter großen Areals zu einem ersten Abenteuerspielplatz der Bundesrepublik, damals nannte man ihn übrigens „Indianerspielplatz“. Der Spielplatz wurde innerhalb von zwei Jahren auf Spendenbasis und mit der Hilfe von Freiwilligen aus vielen Ländern gebaut. „Unter ihnen waren Berufstätige und Studenten, Theologen und Philosophen, Menschen, die bereit waren, mit einem freiwilligen sozialen Dienst zur Völkerverständigung und Frieden beizutragen.“(Quelle 1). Nach einer Renovierung von 1995-1998 sind die Jugendfreizeitstätte und der Abenteuerspielplatz wieder aktiv und ausgesprochen attraktiv für die Kinder und Jugendlichen der Neckarstadt.

In der Nähe:

  • Die St.-Nikolaus-Kirche nördlich des Erlenhofs ist ebenfalls im Stil der Neuen Sachlichkeit zwischen 1930 und 1932 nach den Plänen von Hermann Otto Künkel errichtet worden.
  • Westlich des Erlenhofs an der Untermühlau-Straße wurden 1935 mehrere Wohnblocks errichtet, die in all ihrer Trostlosigkeit noch heute stehen.
  • Südwestlich des Erlenhofs baute 1929 die Wohnungsbaugesellschaft GAGFAH („Gemeinnützige Aktien-Gesellschaft für Angestellten-Heimstätten“) einen geschlossenen Wohnblock im Stil der neuen Sachlichkeit nach Max Schmelchels Plänen. Heute ist der Bau modernisiert.
Nutzung (ursprünglich): 

Wohnungen und Läden

Nutzung (derzeit): 

Wohnungen und Läden

Geschichte: 

Gründung der GBG – Erlenhof als Startprojekt: Der Erlenhof ist nicht die erste städtische Großsiedlung; schon zuvor sind nach dem ersten Weltkrieg die kommunalen Siedlungen wie „An den Kasernen“, „Schafweide“ und „Reiherplatz“  entstanden, die alle heute noch erhalten sind.

Die Gemeinnützige Baugesellschaft GBG wurde 1926 von der Stadt Mannheim gemeinsam mit der städtischen Sparkasse gegründet. Frühere Versuche der Gründung einer städtischen gemeinnützigen Baugesellschaft waren am Widerstand des Grund- und Haubesitzervereins gescheitert. (Quelle 2) Gründungsmitglieder waren Bürgermeister Walli, Oberbaudirektor Zizler, Beigeordneter Cahn-Garnier, der erste Direktor Platz. (Quelle 3).

4,4 Millionen Reichsmark hat der Bau des Erlenhofs gekostet: 392 Wohnungen für 1442 Bewohner, 1 Wirtschaft, 1 Metzgerei, 1 Bäckerei, 2 Kolonialwarenläden, 1 Schuhmacher, 1 Friseur, 1 Obst und Gemüseladen, 1 Zigarrengeschäft. Das alles war innerhalb eines einzigen Jahres aufgebaut.

Der Erlenhof war mit seiner Ausstattung seiner Zeit weit voraus, etwa mit den Toiletten innerhalb der Wohnungen und den Gasleitungen. Wegen der gehobenen Ausstattung war es eine Wohnsiedlung für "Besserverdienende" wie etwa Beamte.

Zur regionalen und internationalen Bedeutung des Erlenhof schreibt Volker Keller vom der Verein Stadtbild (Quelle 4): „Der Erlenhof ist die erste und charakteristischste gemeinnützige Großsiedlung in Mannheim. Sie ist im deutschsprachigen Raum eines der frühesten Beispiele für sozialen Wohnungsbau im großen Stil. Die hauptsächlich von der Stadt Mannheim erbaute Siedlung war einer der Vorreiter in der Entwicklung des Bautyps moderner Großsiedlungen. So entstand der bekannte Karl-Marx-Hof in Wien erst nach dem Erlenhof in den Jahren 1927-30.

Die Einschätzung der Sozialsiedlung als beispielhafte Wohnanlage kommt auch in der Publikation „Der Erlenhof“ zum Ausdruck, die 1927 herausgegeben wurde.“ Auch die Ebertsiedlung in Ludwigshafen wurde erst 1927-29 gebaut.

Bausünden der 1970er Jahre: Bis 1953 wurden die Bombenschäden weitgehend beseitigt, man orientierte sich beim Wiederaufbau am Originalzustand. Es gab in den 1950er Jahren sogar eine Postkarte vom Erlenhof. Doch Anfang der 1970er Jahre wurden im Zuge einer Modernisierung wichtige Gestaltungselemente entfernt: die Sprossenfenster wurden durch gesichtslose Plastikfenster ersetzt und die spitzig herausgezogenen Treppenhauserker abgerissen.

Später zierten zahlreiche Satellitenschüsseln die grau verputzte Siedlung. Es ist der Initiative des Vereins Stadtbild Mannheim zu verdanken, dass sie trotz des bedauerlichen Zustands im Jahr 2000 unter Denkmalschutz gestellt wurde.

Sanierung 2005 bis 2007 – logistische Meisterleistung: Die Sanierung wurde von einer Arbeitsgemeinschaft der Unternehmen Bilfinger Berger AG und Ed. Züblin AG in Rekordzeit durchgeführt. Da die Baumaßnahme in den Wohnungen nur in unbewohnten Zustand stattfinden konnten, mussten die Bewohner jeweils für ca. 8 Wochen in möblierte „Umsetzwohnungen“ ausquartiert werden. Nach dem Umbau konnten die Mieter zum alten Mietpreis in ihre Wohnungen zurückkehren, nur bei Neuvermietungen wurden die Preise erhöht.

Die „GBG – Mannheimer Wohnungsbaugesellschaft mbH“ ist heute nicht mehr gemeinnützig. Mit rund 20.000 vermieteten und verwalteten Wohnungen ist sie das größte kommunale Wohnungsbauunternehmen in Baden-Württemberg.

Eigentümer: 
GBG Mannheimer Wohnungsbaugesellschaft mbH
Erbauer: 
GBG Gemeinnützige Baugesellschaft
Architekt: 
Ferdinand Mündel, Mannheimer Architekt
Bauzeit / Umbauten: 
1926-27
Quellen: 
  1. 125 Jahre Neckarstadt, Ein Stadtteil feiert Geburtstag, 1997, S. 94
  2. Monika Ryll, Das Arbeitersiedlungswesen in Mannheim, , S. 108
  3. Wolfgang Bielmeier und Christoph Popp, Wohnungsbaugesellschaften in Mannheim, Mannheim und seine Bauten 1907-2007 Band 5, S. 47
  4. Verein Stadtbild im Internet
  5. Christoph Popp und andere: 75 Jahre GBG – Mannheimer Wohnungsbaugesellschaft 1926-2001, Edition Quadrat
  6. Artikel im Mannheimer Morgen vom 12.10.2005, 20.09.2006, 20.11.2006
Autor/in: 
Stephanie Gläßer (GBG), Theo Schneider (GBG) und Barbara Ritter