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Fissanwerk – Brain Biotech in Zwingenberg

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milchweiße Kubusformen und Fensterbänder über Eck: Bauhausstil
südlicher Anblick, die Antennen nicht ganz stilecht...
BRAIN- Das neue Logo - der neue Besitzer
Front und Eingang
Drei Kubusfornen von der Darmstadter Straße aus gesehen, auch der Zaun ist original
ein zum Komplex gehörendens Wohnhaus
Vom Hof aus gesehen

Unvermutet trifft man im mittelalterlich geprägten Zwingenberg auf einen Industriebau im Bauhausstil: die ehemaligen Fissanwerke, heute genutzt von einem mehrfach ausgezeichnetem Biotechnologie-Unternehmen. Etwas versteckt hinter hohen Alleebäumen erkennt man, wie der weiße Baukomplex des ehemaligen „Fissan-Werks” aus drei kubischen Baukörpern von drei bzw. vier Geschossen zusammengefügt ist.

Das Flachdach und die bandartige Reihung der stark gegliederten grauen Fenster, die am Mitteltrakt auch um die Gebäudekante laufen, sind charakteristisch für den Bauhausstil. An der Ostseite des Mitteltrakts befindet sich der über eine breite Freitreppe erreichbare Haupteingang, darüber ist zur Belichtung des Treppenhauses die Wand völlig in Glas gehalten.

Das wegen seiner Beziehung zu Milchprodukten von Anfang an weiß gestrichene Gebäude wird noch heute durch den ursprünglichen Gitterzaun zwischen Zementpfosten – ergänzt um immergrünes Gebüsch - zur Darmstädter Straße hin abgegrenzt. Auf dem Dach sind hohe Antennen und Sendeanlagen angebracht, was den Gesamteindruck trübt.

Die hessische Denkmalschutzbehörde beschreibt die besondere Bedeutung des Objekts: „Der Komplex ist aus architekturhistorischer Sicht für die südhessische Region eine Besonderheit, da er hier - soweit bekannt - der einzige Industriebau ist, der die damals moderne Architektur des Bauhauses reflektiert. Er ist außerdem das Werk eines nicht unbedeutenden, früh verstorbenen Architekten, der durch seine Verbindungen zu Paul Bonatz und Georg Metzendorf mit der aktuellen Architektur vertraut war und hier im ländlichen Zwingenberg zu einer zeitgemäßen architektonischen Lösung mit künstlerischem Anspruch fand.“

Zum Fissanwerk gehörte eine heute noch existierende Wohnsiedlung in der Nähe.

Nutzung (ursprünglich): 

Fabrik der "Deutsche Milchwerke A.G.", Fissan-Werke, Forschung und Herstellung von FISSAN-Puder und -Pasten sowie Öle und Seifen auf der Basis von Kasein

Nutzung (derzeit): 

Labors und Büros der BRAIN AG (Biotechnology Research And Information Network AG) "Weiße Biotechnologie", d.h.die Nutzung des Werkzeugkastens der Natur zur Verbesserung von Produkten und industriellen Prozessen

Geschichte: 

Das Gebäude wurde von 1934 bis 1940 als moderner Fabrik-Neubau für das Unternehmen "Deutsche Milchwerke A.G." errichtet. Das ursprünglich 1882 von dem Wormser Apotheker R. Pizzala gegründete Unternehmen für die Herstellung von Stärkungsmitteln für Säugling, war 1898 vom Chemiker Dr. Arthur Sauer übernommen worden. In den Jahren 1924-26 erforschte er das Milcheiweiß und entwickelte daraus das so genannte Fissan-Programm (die lateinischen Worte „fissura“ und „sanare“ heißen; „Wunde - heilen“).

Die FISSAN-Puder, - Pasten, Öle und Seifen waren schnell weltweit erfolgreich. Das Unternehmen expandierte, errichtete den sachlich modernen, von den Ideen des Bauhauses deutlich beeinflussten Neubau und beschäftigte 1934 rund 160 Arbeiter und Angestellte aus Zwingenberg und Umgebung, dazu 50 wissenschaftliche und kaufmännische Mitarbeiter. Der Umsatz überschritt damals zum ersten Mal 50.000 Mark im Monat. Die Arbeiter verdienten etwa 30-35 Mark in der Woche.

Die Fissan-Werke gehörten zu den bedeutenden Unternehmen an der Bergstraße. Es wurde 1937 zum "nationalsozialistischen Musterbetrieb" erklärt. Eine Werkssiedlung (damals "Adolf-Hitler-Siedlung") – heute Arthur-Sauer-Anlage – wurde ebenfalls ab 1934 errichtet. Bis zum Ende des zweiten Weltkrieges standen die FISSAN-Werke in voller Blüte.

Nach dem Tod von Dr. Sauer 1946 erhielten die FISSAN-Werke in den 50er und 60er Jahren vor allem durch den Chemiker Dr. Veith neuen Auftrieb. 1969 übernahm die Firma PREUSSAG als Gesellschafter zwei Drittel des Unternehmens, das verbleibende Drittel war im Besitz der Familie Kinzinger. Ab 01. März 1970 ging auch dieser Anteil an die PREUSSAG über. Werk und Gelände sind an die Firma Merck aus Darmstadt verkauft worden.

1996 erwarb das drei Jahre zuvor gegründete Unternehmen BRAIN AG das Haus als einen Technologie-Campus von 2.500 qm Labor-, Produktions- und Büroflächen, die über mehrere Gebäude verteilt waren. Die ließen sie nacheinander restaurieren. Gegenwärtig beschäftigt die BRAIN AG 45 Mitarbeiter. Die Marke Fissan ging Mitte der 90er an die Sara Lee Household and Body Care GmbH über. Heute werden die Fissan Produkte von der nobopharm GmbH in Unterschleißheim vertrieben.

Eigentümer: 
BRAIN AG
Architekt: 
Dr. Georg Fehleisen (1893-1936), ein Schüler des renommierten Architekten Paul Bonatz, Mitarbeiter von Georg Metzendorf, seit 1928 Inhaber der Fa. Heinrich Metzendorf
Bauzeit / Umbauten: 
1934/35 wurde vom Fabrikgebäude zunächst der erhöhte Mitteltrakt und der Südflügel errichtet, um 1940 (unter Architekt Richard Busching) kam der Nordflügel hinzu
Autor/in: 
Barbara und Heiner Ritter