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Gurkenfabrik Biblis

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Gurkenfabrik als Adresse
Einfahrt zum Fabrik-Gelände
Baujahr im Sandstein: 1912
Firmenansicht auf einer Rechnung von 1936
Historische Ansicht
Fabrik und Kernort Biblis auf versch. Seiten der Bahnlinie nach 1952
Fabrik mit Gleisanschluß nach 1952
Ansicht 2015 von Norden, links die Bahnlinie
Eingang zum Möbel- und Accessoires-Handel
Schiebetor aus Fabrik-Zeiten im Verkaufsraum
Großzügiger Verkaufsraum unter dem historischen Bogendach
Viel Platz für ein großes Sortiment in historischer Atmosphäre
Eine der restaurierten Lampen aus der Gurken-Zeit in Gurken-Grün
noch da: Waschbecken für die Gurken
Doppelgleis zwischen zwei Hallen mit Zugbrücke zur Querung
Alte Kranbahn in einer Lagerhalle
Kamin und Wasserturm
Einer von zwei Kesseln für Kohlebefeuerung der Dampfkesselfabrik Darmstadt vorm. Arthur Rodberg von 1913
Schild am Dampfkessel
Schornstein von 1939
Schild am Schornstein
Weiteres Schild am Schornstein
Noch ein Schild von 1939
Tür am Schornstein
Mützen der letzten Schicht

Besonders interessant an dieser ehem. aus Backsteinen errichteten Fabrik ist, dass es ein wahrscheinlich vollständig erhaltenes Ensemble darstellt. Die großen, langen, flachen Gebäude sind fast durchweg mit Bogendächern ausgestattet, die auf einem Holztragwerk ruhen. Es ist im Verkaufsraum für Accesoires in  der "Alten Gurkenfabrik"  sehr schön sichtbar. Neben den ehem. Produktions- und Lagerhallen existiert noch ein Brunnen mit 40 m Tiefe, der Wasserturm und das Kesselhaus mit zwei Kohlekesseln von 1913 sowie der Schornstein von 1939. Ein Gleisanschluß führte früher von der Riedbahnstrecke direkt zwischen zwei Hallen. Diese Gleise konnten mittels einer per Seilzug beweglichen Zugbrücke überquert werden. Auch die Waggons konnten mit einem anderen Seilzug verzogen werden.

Die Hallenfläche beträgt ca. 10.000 m² und steht auf einem ca. 50.000 m² großen Grundstück. Wie die Bilder zeigen, hat der Eigentümer einen Sinn und ein "Händchen" für die Relikte aus der Gurkenzeit. Schilder sind als historische Belege dort, wo sie seit ihrem Einbau waren. Etliche gurkenfarbene originale Hängelampen sind immer noch oder wieder in Betrieb.

Nutzung (ursprünglich): 

Gurkenfabrik

Nutzung (derzeit): 

Verkaufsfläche für Handel und Lagerräume

Geschichte: 

Eine "Gurkenfabrik" kann es nicht geben: Die Gurken wurden von Bauern mit den Kräften der Natur auf den Äckern erzeugt bzw. "hergestellt". Die Weiterverarbeitung erfolgte in einer Gurken-Konserven-Fabrik, in der eben Konserven hergestellt wurden.

Bibliser Gurken in alle Welt - von Rudi Dörr, Verein für Heimatgeschichte Nordheim e.V.

Einen entscheidenden Anstoß zur Strukturänderung der heimischen Wirtschaft gab der 1882 einsetzende Gurkenanbau. Es war die Witwe des Philipp Reis, Katharina Reis, die damals erstmals Gurken in einem Ausmaße anbaute, das den normalen Eigenbedarf ihrer Familie überschritt. Sie verkaufte ihren Ernteüberschuss auf dem Wochenmarkt in Worms. Ganz langsam machte der Gurkenanbau Schule. 1889 erreichte er 6,5 ha Gesamtanbaufläche. 1900 wurden bereits 71 ha Gurken angebaut.

Der Absatz fand auf dem Bibliser Gurkenmarkt statt, der sich montags und donnerstags anfänglich zwischen Rathaus und Kirche und später darüber hinaus bis zur Wattenheimer Straße abwickelte. Hierzu fanden sich die Aufkäufer bzw. Händler in stets steigender Anzahl aus der näheren und weiteren Umgebung ein. Nach Stückzahl von den Bauern erstanden, wurden die Gurken auf den so genannten Stammplätzen der einzelnen Händler abgeladen, von Frauen sortiert und in Säcke verpackt und mit besonderen Pritschenwagen zur Eisenbahn transportiert, von wo sie dann waggonweise in alle Himmelsrichtungen verschickt wurden.

Mit ein Grund für den verstärkten Gurkenanbau war, dass durch die frühe Ernte der Gurken und deren sofortige Bezahlung beim Verkauf schon eher Geld in die Hände der Bauern gelangte, als dies beim Absatz ihrer übrigen Ernteerzeugnisse der Fall war. 1913 erließ das Kreisamt in Bensheim eine Marktordnung für den Bibliser Gurkenmarkt.

Immer mehr Gurkeneinlegereien und Konservenfabriken schossen wie Pilze aus dem Boden. Es entstanden Firmen wie „Adam Nock und Sohn", „Ludwig Würz u. Söhne", „Johann u. Friedrich Kehr", „Daniel Wachtel u. Sohn", „Heinrich Piee","Michael Reis u. Söhne", „Fritz Kissel", „Jakob Handwerk" und die „Fa. Nadler". In den zwanziger und dreißiger Jahren wurden die Erzeugnisse der Bibliser Gurkenkonserven-Industrie in alle Welt exportiert. Ende der 50er-Jahren reduzierten sich nach und nach sowohl die 118 landwirtschaftlichen Betriebe als auch die Betriebe der Gurkenindustrie immer mehr und der endgültige Todesstoß für die „Biwwelser Gummern" kam mit der Europäischen Gemeinschaft und den Billigimporten aus den Ostblockländern.

Die Gurkenfabrik von H.Kölsch war die größte in Biblis. Es gab mehrere, wie einem Artikel im Südhessen Morgen vom 24.05.2011 zu entnehmen ist.

Seit 1953 gibt es in Biblis ein Gurkenfest, aber schon seit vielen Jahren ohne Gurken, jedoch immer mit Gurken-Königin. In der Ortsmitte erinnert ein Bronze-Denkmal an die Geschichte der Bibliser "Gummernfraa" (Gurkenfrau).

Bauzeit / Umbauten: 
1912, Schornstein von 1939
Quellen: 
Autor/in: 
Jürgen Herrmann und Rudi Dörr