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Herschelbad Mannheim

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Mannheim-Innenstadt, Herschelbad, Fassade, Foto: N. Gladrow FB Städtebau
Herschelbad, Außenansicht des ehemaliges Volksbades, Foto N. Gladrow FB Städtebau
Herschelbad, ehemaliges Frauenschwimmbad 2008
Herschelbad, ehemaliges Männerschwimmbad 2008
Herschelbad, Kesselhaus, Foto N. Gladrow FB Städtebau
Herschelbad, Zeichnung Hauptansicht
Herschelbad, Frauenschwimmbad um 1920
Herschelbad, Männerschwimmbad um 1920
Herschelbad, Rückseite mit Halbrund des ehemaligen Römisch-Irischen Dampfbades, Foto: N. Gladrow FB Städtebau
Herschelbad, Volksschwimmbad um 1920
Herschelbad, Römisch-Irisches Dampfbad um 1920
Herschelbad, Eingangshalle, Decke um 1920
Herschelbad, Eingangshalle um 1920
Herschelbad, Lageplan um 1917
Herschelbad, Fassadenzeichnung 1921
Herschelbad, Grundriss Erdgeschoss um 1917
Herschelbad, Grundriss erstes Obergeschoss um 1917
Herschelbad, Längs- und Querschnitt um 1917

Mit 4500 qm überbauter Fläche war das Herschelbad seinerzeit das größte Hallenbad Deutschlands. Die Anlage orientiert sich mit ihrem additiven Raumprogramm an römische Thermen der Kaiserzeit: Sie verfügte über ein Frauenschwimmbad für 112 Personen, ein Männerschwimmbad für 171 Personen sowie ein Volksschwimmbad für 158 Personen. Darüber hinaus befanden sich hier bereits 1920 ein Hundebad, Sonnenbad, Römisch-Irisches Dampfbad, Wannenbäder, medizinische Bäder und bis 1961 die Volksbibliothek. Erstmals wurde auch in einem Hallenbad ein 1951 wieder entferntes Wellenbad eingerichtet. Ein Kesselhaus und ein frei stehendes Dienstwohngebäude vervollständigen die Anlage.

Die Tragkonstruktion des Herschelbades besteht aus Eisenbeton. Die Kuppel und gewölbten Teile sind aus Stampfbeton, die Architekturteile aus gelben Verblendklinkern und hellem Sandstein. Die dreigeschossige neobarocke Fassade mit Mansarddach wird durch ein rustiziertes Sockelgeschoss und verklinkerte Obergeschosse charakterisiert.

Der Platz in U 2 erlaubt einen uneingeschränkten Blick auf den Haupteingang mit Mittelrisalit und dahinter aufsteigendem Turmbau. Das Giebelrelief zeigt den Meeresgott Poseidon mit Krone und Dreizack, begleitet von Meereswesen. Hier lag der Zugang zum Frauen- und Männerschwimmbad. Das Volksbad, für das man einen ermäßigten Eintritt bezahlte, lag an der Seite nach T 3, heute noch erkennbar durch den Schriftzug über dem Eingang. Einen besonderen künstlerischen Anspruch wies ursprünglich der Haupteingangsbereich mit Mittelhalle und kostbaren Stuckierungen, Deckenmalereien und Oberlichtern auf. Für die Innenverkleidung wurden Tonplatten, Majolikafliesen, Marmor und Glasmosaiken gewählt. Die Beleuchtungskörper bestanden aus vergoldetem Eisen. Das Frauenbassin schmückten ursprünglich zwei weibliche Gipsfiguren. Das kostbare Interieur wurde während des Zweiten Weltkriegs leider zum größten Teil zerstört.

Nutzung (ursprünglich): 

Hallenbad, Dusch- und Wannenbäder, Römisch-irisches Dampfbad, Wäscherei, Hundebad, Volksbücherei, Dienstwohnhaus

Nutzung (derzeit): 

Hallenbad, Sauna, Solarium, Dienstwohnhaus

Geschichte: 

Thermenanlagen mit warmen und kalten Badebecken gab es bereits in römischer Zeit. Auch im Mittelalter sind Badestuben als öffentliche Einrichtungen mit Schwitzbad und Wannenbad bekannt. Darüber hinaus waren die Badestuben damals Orte, in denen sogenannte Bader das Kopf- und Barthaar scherten sowie chirurgische Eingriffe, Wundbehandlungen oder Aderlasse vornahmen. Ab dem 14. Jahrhundert mehrten sich aber die Verordnungen gegen die um sich greifende Unsittlichkeit. So verbot eine Polizeiordnung von 1580 die Sitte des gemeinsamen Badebesuchs von Gästen anlässlich von Hochzeitsfeierlichkeiten. Ab dem 16. Jahrhundert kam es schließlich durch Verbreitung von Pest und Syphilis zum Niedergang der öffentlichen Badekultur. Erst wieder Ende des 19. Jahrhunderts - durch verheerende hygienische Zustände infolge der Industrialisierung der Städte - erkannte man die Bedeutung der öffentlichen Badeanstalt für die Volksgesundheit.

Als der jüdische Kaufmann Bernhard Herschel am 20. Oktober 1905 in Mannheim starb hatte er testamentarisch die Gründung einer Stiftung für den Bau "einer im Mittelpunkt der Altstadt zu errichtenden Zentral-Bade- und Schwimmanstalt" verfügt, die seinen Namen tragen sollte. Als Grundstock überließ er der Stadt Mannheim einen Betrag in Höhe von 500000 Goldmark. Bernhard Herschel (geb. am 23. Dezember 1837 in Emmerich/ Niederrhein) hatte durch internationalen Tabakhandel ein großes Vermögen erworben und war Mitglied im Mannheimer Bürgerausschuss sowie Stadtrat. Kurz vor seinem Tod erhielt er den Titel eines Kommerzienrates.

Zwischen 1906 und 1911 wurden 13 Bauplätze ins Visier genommen. Als Folge der Entscheidung für das Quadrat U 3 musste die dort befindliche alte Hauptfeuerwache verlegt werden. Die Bauarbeiten begannen am 3. Juli 1912. Durch den Ersten Weltkrieg verzögerte sich die Einweihung bis zum 15. November 1920. Die Pläne für das Herschelbad erstellte das städtische Hochbauamt unter Leitung von Richard Perrey. Es war das erste winterfeste Bad in Mannheim und seinerzeit das größte Hallenbad Deutschlands. Der Eintritt sollte ursprünglich 50 Pfennige kosten. Er erhöhte sich in der Inflationszeit zwischen 1920 und 1923 von 4 Mark auf 300 Milliarden Mark und betrug mit Einführung der Rentenmark im Jahre 1924 schließlich 80 Pfennige. Um jegliche Herleitung eines jüdischen Mäzenatentums während des Dritten Reichs zu verschleiern, erfolgte die Umbenennung des Herschelbades in Städtisches Hallenbad. 1947 wurde der Badebetrieb nach Kriegszerstörungen wieder aufgenommen. 1997 wurden die Wannenbäder geschlossen. Im Jahre 2008 stellte der Gemeinderat 5 Mio. Euro für den ersten Bauabschnitt zur Sanierung des Bades zur Verfügung. Ein Jahr später begannen die Arbeiten an Fassade und Dach.

Eigentümer: 
Stadt Mannheim
Erbauer: 
Stadt Mannheim
Architekt: 
Städtisches Hochbauamt unter Leitung von Richard Perrey
Bauzeit / Umbauten: 
1912-1920
Quellen: 
  • Eugen Schmidt: Das Mannheimer Badewesen. ein Beitrag zur kommunalen Gesundheitspflege mit besonderer Berücksichtigung des Herschelbades (maschinenschriftl. Diplomarbeit) Mannheim 1928
  • Richard Perrey: Der Neubau des Hallenschwimmbades in Mannheim, in: Zeitschrift für Bauwesen, 1917, H. 1-3
  • Aina Hedström: Das Herschelbad und das städtische Krankenhaus von Stadtbaudirektor Richard Perry, in: Monika Ryll (Bearb.): Architektur in Mannheim 1918-1939, Mannheim 1994, S. 12-26
  • Andreas Schenk: Bauten für den Sport, in: Mannheim und seine Bauten 1907 - 2007, Bd. 4, hrsg. vom Stadtarchiv Mannheim und Mannheimer Architektur- und Bauarchiv e.V. Mannheim 2004, S. 162-165
  • Der Mensch und seine Badelust. Eine kleine Kulturgeschichte, in: Monumente 3/4, 2007, S. 70-75
  • Aina Hedström und Friedrich Teutsch: Herschelbad Mannheim. Kleiner Kunstführer Nr. 2701, Regensburg 2008;
Autor/in: 
Monika Ryll