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Jutesiedlung in Mannheim

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Jutesiedlung, links unten das ehemalige Mädchenwohnheim, am rechten Bildrand die sog. Gruppenhäuser, Luftbild um 2010
Jutesiedlung, Lageplan um 1920 (westlich begrenzt durch das Mädchenwohnheim, östlich begrenzt durch zwei Gruppenhäuser)
ehem. Jutesiedlung, Giebelseiten zur Hanfstraße (Foto 2011)
ehem. Jutesiedlung, Hausfassaden an der Garnstraße (Foto 2011)
ehem. Jutesiedlung, Haus mit historischer Backsteinvermauerung (Foto 2011)
ehem. Jutesiedlung, Wohnstraße mit Blick auf den Sisalweg (Foto 2011)
ehem. Jutesiedlung, sog. Gruppenhäuser

Auf einer Fläche von ca. 17000 qm entstanden ab 1898 insgesamt 120 Wohnungen. Jedes Haus verfügt über ein ca. 340 qm großes Grundstück. Wie bei der älteren Zellstoffsiedlung entstand der überwiegende Teil der Jutesiedlung nach dem Mülhausener Schema mit Kreuzhäusern, d.h. die Brandwände im Innern eines Gebäudes bildeten ein Kreuz. Jedes Kreuzhaus hatte demzufolge vier Wohneinheiten. Bei den Doppelhäusern verlief die Brandwand mittig. Aber auch dieser Bautyp wies vier Wohneinheiten auf. Die Kreuzhäuser zeigten zweierlei Grundrisse, die sich durch die Größe des für die Treppenanlage ausgenutzten Mittelsteils unterschieden. Unter- und Obergeschoss bildeten eine Wohnung und enthielten Küche, ein Wohnzimmer und drei Schlafzimmer. Im Obergeschoss war auch der Abort angelegt. Jede Wohnung hatte ihren eigenen Hauseingang. Die Doppelhäuser enthielten in jedem Geschoss zwei Wohnungen mit Küche und drei Zimmern. Die Toilette lag hier allerdings unten vor der Innentreppe. Bei diesem Bautyp war jedoch eine Querlüftung möglich. Die Geschosshöhe beträgt in den ersten Häusern 2,50 m, in den späteren 2,80 m. Wie in den heute üblichen Zweifamilienhäusern hatten die Wohnungen der Doppelhäuser einen gemeinsamen Hauseingang. Alle Gebäude sind unterkellert, waren aber ehemals nicht an Kanalisation und Wasserleitung angeschlossen. Zur Wasserversorgung dienten ursprünglich Brunnen.

Die gelben Backsteinfassaden wurden mit Ausnahme eines einzigen Gebäudes in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts alle verputzt, so dass das historische Erscheinungsbild der Siedlung heute kaum noch nachzuvollziehen ist. Durch An- und Aufbauten der kleinen Häuser ist das ursprüngliche Ensemble heute ebenfalls nicht mehr wahrnehmbar.

Die östlich der Siedlung als Putzbauten errichteten beiden sogenannten zweigeschossigen Gruppenhäuser haben ein ausgebautes Mansarddach mit Zwerchhaus und Gauben. Jedes der beiden Häuser verfügt über drei Hauseingänge und 18 Zweizimmerwohnungen mit großer Wohnküche, Speisezimmer sowie Innentoilette. Die ehemals mit Sprossenfenster und Klappläden ausgestatteten Fassaden wurden im Laufe der Jahre gestalterisch auf das Nötigeste reduziert.

Nutzung (ursprünglich): 

Werksiedlung

Nutzung (derzeit): 

Wohnnutzung

Geschichte: 

Die Süddeutsche Juteindustrie ließ sich 1897-98 am Altrhein in Sandhofen nieder. Der Spinnerei und Weberei gehörten um 1900 ca. 1000 Mitarbeiter an. Entlang den neu angelegten Straßen, die in Anlehnung an das Unternehmen die Namen Hanf-, Weber-, Jute-, Sisal- und Garnstraße erhielten, kamen nach Entwurf eines nicht bekannten Sandhofer Maurermeister zwischen 1898 und 1907 als Werkssiedlung 24 Kreuzhäuser und 12 Doppelhäuser zur Ausführung. Als städtebauliche Riegel entstanden im Jahre 1906 nach Plänen von Rudolf Tillessen und Heinrich Gramlich an der Sandhofer Straße das sogenannte Mädchenwohnheim für Wanderarbeiterinnen und im Jahre 1913 am Sisalweg zwei sogenannte Gruppenhäuser. Letzere boten im Geschosswohnungsbau den Beschäftigen des Unternehmens Unterkunft. Nach Stillegung des Unternehmens an der Sandhofer Straße 200 im Jahre 1958 übernahm die Zellstofffabrik das Firmengelände mit den gelben Backsteinbauten. Die zweigeschossigen Kreuz- und Doppelhäuser wurden in Einzeleigentum umgewandelt. Dabei ging der einheitliche Charakter völlig verloren.

Eigentümer: 
Privateigentum
Erbauer: 
Süddeutsche Juteindustrie
Architekt: 
unbekannt
Bauzeit / Umbauten: 
1898 ff.
Quellen: 
  • Roland Eisenlohr: Das Arbeiter-Siedelungswesen der Stadt Mannheim, Karlsruhe 1921
  • Alfred Heierling: 100 Jahre Jutekolonie Sandhofen, Mannheim 2000
  • Monika Ryll: Das Arbeitersiedlungswesen in Mannheim, in: Mannheim und seine Bauten, Bd. 5, 2005, S. 106-115
Autor/in: 
Monika Ryll