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Kukirol-Werk in Weinheim

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Ansicht von der westlichen Stadteinfahrt am Mult-Zentrum
Ansicht von der westlichen Stadteinfahrt am Mult-Zentrum
Verwaltungsgebäude an der Heinestraße
Verwaltungsgebäude an der Heinestraße
Dr.Unblutig  in einer ganzseitigen Anzeige von 1959 zu 40 Jahre Kukirol-Fabrik
Dr.Unblutig - Anzeige von 1948 in der Festschrift 30 JAHRE KUKIROL-FABRIK
Werbeanzeige aus den 50er Jahren
Werbeanzeigen aus den 50er Jahren
Werbeanzeigen aus den 60er und 70er
Werbeanzeigen aus den 60er und 70er Jahren
Werbeanzeigen aus den 60er und 70er Jahren
Nachfüllbare Streudose für Fußpuder um 1925 mit der Werbefigur des Dr.Unblutig - 9,8 x 4,5cm
Die Streudose von 1925 zeigt das Emblem des Verbands der Fabrikanten von Marken-Artikeln e.V. in Berlin (VFM).

So manche Werbespüche kennt "man" einfach. Dieser gehört sicher dazu. Wegen dieser Tatsache und den Ursachen für die Bekanntheit wurde dieses Werk hier aufgenommen, also nicht wegen der Architektur, des Baustils oder der Pioniertechnik. Die Werbekultur ist Teil der Industriekultur und verursacht die Bekanntheit. Schauen wir besonders nach der Reklame!

Die heute genutzten Gebäude entstanden in den sechziger Jahren und wurden als zweckmäßige Gewerbebauten für Produktion, Lager und Verwaltung errichtet. Sie sind - soweit von außen sichtbar - gut instandgehalten und wirken sehr gepflegt, wie sich das für einen Betrieb gehört, der Reinigungsmittel für Körper, Mund und Zahnersatz herstellt.

Nutzung (ursprünglich): 

Fabrik

Nutzung (derzeit): 

Fabrik

Geschichte: 

Kurt Paul Carl Krisp (19.6.1893 Bromberg/Posen - 28.3.1971 Weinheim/Bergstraße) gründete nach seiner Ausbildung zum Drogisten 1919 in Magdeburg die Kukirol-Fabrik, um Präparate zur Fußpflege herzustellen. Schon 1920 war die Firma Marktführer. Um den Betrieb erweitern zu können, verlegte Krisp 1922 die Produktion nach Groß Salze (Bad Salzelmen). Dort wurden mehrere Gebäude errichtet. Mit neuartigen Werbemethoden machte er seine Produkte im In- und Ausland populär. Er erfand die Figur des “Dr. Unblutig”. Der Darsteller zog jahrelang mit einem zur "Welt-Reise-Villa" umgebauten Lastwagen in Europa von Stadt zu Stadt. Bei seinen persönlichen Besuchen in Drogerien und Apotheken kamen Aufträge über 2,5 Millionen Mark zusammen. In großen Zeitungsannoncen warb Krisp für seine Firma als größte Fußpflege-Spezialartikel-Fabrik der Welt. Die Produkte der Kukirol-Fabrik waren in über 50 Ländern erhältlich. Die Streudose von 1925 belegt die Mitgliedschaft der Kukirol-Fabrik im Verband der Fabrikanten von Marken-Artikeln e.V. in Berlin (VFM). Die deutsche Politik brachte den Export ab 1933 fast vollständig zum Erliegen. Die Inlandsnachfrage konnte den großen Betrieb nicht auslasten.

Im Juli 1933 wurde der Betrieb von Bad Salzelmen nach Berlin-Lichterfelde verlegt und wesentlich verkleinert. Ab 1937 erfolgten Entwicklung und Vertrieb der ersten Mundpflege-Präparate und Kukident-Reinigungspulver. Der Markenname entstand aus der Kombination der Kurzform des Gründers Kurt Krisp, wobei das "r" zur besseren Aussprache weggelassen wurde, und dem lateinischen Begriff "dent" für "Zahn": Kukident. Der 2.Weltkrieg brachte Rohstoffmangel, Plünderungen, Kriegsschäden, Demontagen und russische Betriebsbesetzung. Nach der Übergabe von Berlin-Lichterfelde an die US-Besatzung begrenzten weiterhin Rohstoffmangel, dazu Kohlennot und Stromsperren die Produktion. Die russische Berlin-Blockade ab Juni 1948 schnitt den Betrieb von seinen Absatzgebieten im Westen ab. Folglich wurde der Betrieb in den Westen verlegt.

In Weinheim arbeiteten anfangs im September 1948 sieben Personen in der Alten Post "mit Berliner Tempo, sodass es flott vorwärts ging". Probleme bei der Beschaffung von Rohstoffen, Maschinen und Verpackungsmaterial ließen sich lösen. 1955 belegte Kukirol mit siebzig Mitarbeitern die Hälfte der Alten Post und weitere Räume in anderen Gebäuden. Es wurden 20.000 Packungen hergestellt. Kukirol war 1955 mit 10.000 Postpaketen (neben der Briefpost und Drucksachen) größte Postauflieferin in Weinheim. Nach dem Erwerb des Firmengeländes in der Heinestraße 1962 begann die kontinuierliche Errichtung und Erweiterung von Produktions-, Lager- und Verwaltungsgebäuden. Der neue Werbespruch: "Wer es kennt, nimmt Kukident" wurde entwickelt. Ab 1965 gab es Kukident-Reinigungsmittel in Tabletten. Jahrzehntelang stand Kurt Krisp persönlich der Firma vor. Nach seinem Tod führte sein Sohn Werner das Unternehmen weiter. 1977 wurde das Familienunternehmen verkauft. Eigentümer sind in den Folgejahren Richardson-Merrell (Groß-Gerau), Procter & Gamble und Reckitt-Benckiser.

1986 produzierten 120 Mitarbeiter in Weinheim 1 Milliarde Tabletten. 1993 waren es 140 Mitarbeiter (incl. Forschung und Entwicklung, F&E) und 1,6 Milliarden Tabletten. 2004 stellten 95 Mitarbeiter 2 Milliarden Tabletten her.

Zur Werbung: Die Anzeigenwerbung war zu Lebzeiten von Kurt Krisp äußerst vielfältig. Eine kleine Auswahl von ca.1950 bis ca.1970 ist hier abgebildet. Mit thematisch sehr unterschiedlichen Ansätzen sollten wahrscheinlich auch sehr versch. Zielgruppen angesprochen werden. Die Anzeigen-Werbung war zentraler Bestandteil des Geschäftskonzepts. Kukirol nach 30 Jahren: "Dauernde Massen-Umsätze sind nur durch geschickte Zeitungs-Inserate zu erzielen." Weiter: "... ohne die Werbung der Markenartikel-Hersteller könnten die Wiederverkäufer nennenswerte Umsätze nicht erreichen, weil die Werbung erst Bedürfnisse weckt und die Nachfrage schafft." Die Ideen zur Werbung stammten "in der Hauptsache" von Kurt Krisp, der u.a. Paul Simmel "mehrere Serien von Zeichnungen für Kukirol" schaffen ließ. Die humoristischen oder witzigen Texte und Zeichnungen wurden nicht nur stark beachtet sondern auch kritisiert. Aber Aufmerksamkeit war gewiß, gleich ob Dr.Unblutigs Weisheiten für klug oder "blödsinnig" befunden wurden.

Kukirol lüftete nach 40 Jahren seine "3 Erfolgs-Geheimnisse". Neben gleichbleibender Güte und völliger Unschädlichkeit gilt: "Wir verkaufen nicht nur Ware, sondern sichtbare Wirkung und gewähren somit Sicherheit und Selbstvertrauen." An erster Stelle steht: "In den bewußt eigenartigen Inseraten mit langen Texten, die überall gelesen werden, wurde viel mit Humor geworben, aber stets die Wahrheit gesagt, also nur das versprochen, was wirklich gehalten werden konnte."

Gab es ein Konzept mit einer Struktur der Themen und des zeitlichen Einsatzes? War es die tägliche Intuition, das richtige Gespür von Kurt Krisp?

Das neue Medium Fernsehen wurde beachtet: Aus dem Jahr 1961 sind Regensburger Archiv für Werbeforschung zwei Audio-Dateien zur TV-Werbung.

Einen guten Zugang zur Werbung erhält man im Verpackungsmuseum in Heidelberg .

Architekt: 
1963 Verwaltungsgebäude: Fischer
Bauzeit / Umbauten: 
-
Quellen: 
  • Kukirol: 30 JAHRE KUKIROL-FABRIK, Weinheim Mai 1949
  • Weinheimer Nachrichten: Sonderausgabe 1200 Jahre Weinheim 30.Juli-8.August 1955
  • Weinheimer Nachrichten (?): ganzseitige Anzeige 40 Jahre Kukirol-Fabrik, Weinheim 23.Mai 1959
  • vgl. Web-Links
Autor/in: 
Jürgen Herrmann