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Mädchenwohnheim Mannheim-Sandhofen

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ehem. Mädchenwohnheim, Fassade an der Sandhofer Straße (Foto 2011)
ehem. Mädchenwohnheim, Mittelbetonung der Fassade an der Sandhofer Straße (Foto 2011)
ehem. Mädchenwohnheim, Vorbau des Speisesaals (Foto 2011)
ehem. Mädchenwohnheim, Fenster (Foto 2011)
ehem. Mädchenwohnheim, Fenster im Juteweg (Foto 2011)
ehem. Mädchenwohnheim, Fassade Juteweg (Foto 2011)
ehem. Mädchenwohnheim, Fenster und Türen des Speisesaals (Foto 2011)
ehem. Mädchenwohnheim, Hauptzugang im Juteweg (Foto 2011)
Mädchenwohnheim westlich der Jutesiedlung in der Sandhofer (früher: Hessische) Straße, Lageplan um 1920

Das fast 100 m lange Gebäude bildet den städtebaulichen Abschluss der kleinteiligen Jutesiedlung. Ursprünglich zog sich das Grundstück mit einem großen Garten bis zu den Schienen der Sandhofer Vorortbahn, die dieselbe Streckenführung hatte wie die heutige Straßenbahn. Aus diesem Grunde liegt der Hauptzugang an der Rückseite des Gebäudes im Juteweg. Der Straßendurchbruch der Sandhofer (früher Hessische) Straße erfolgte erst nach der Eingemeindung Sandhofens zu Mannheim im Jahre 1913.

Das breit gelagerte zweigeschossige Mädchenwohnheim wird durch Eck- und Mittelrisalite gegliedert. Die beiden Ecken an der Sandhofer Straße waren durch welsche Hauben betont und sind heute etwas schlichter. Beide Ebenen des Mansarddachs werden über Einzelgauben belichtet. Sandsteinsockel, rote Verblendklinker, Putzflächen und Zierfachwerk wechseln sich an der Hauptfassade und den beiden Schmalseiten ab. Ganz offensichtlich ist das Spiel mit der Materialität ein wichtiger Gestaltungsaspekt. Die Fassade wird durch eine starke Durchfensterung charakterisiert, wobei die Fenster der Risalite optisch durch Kuppelungen, Giebel, Rahmung und Form hervorgehoben sind. Im nördlichen Teil springt der eingeschossige ehemalige Speisesaal als Anbau vor. Hier sind noch die großen Sprossenfenster im Original erhalten geblieben. In einem Teil des Anbaus, der durch Glasbausteine belichtet wird, ist jedoch eine Trafostation untergebracht. Die rückwärtige Außenwand ist teilweise mit gelben Backsteinen verkleidet, teilweise verputzt.

Das Haus ist über eine hölzerne Veranda zugänglich. Dahinter liegt eines von mehreren historischen Treppenhäusern. Stufen und Geländer stammen noch aus der Bauzeit. Weitere Haustüren ermöglichten eine rasche Verteilung der Bewohnerinnen bei gleichzeitigem Zutritt. Der ehemalige Speisesaal ist an dieser Fassade ebenfalls durch eine große historische Rundbogentür und Rundbogenfenster ablesbar. Bei der letzten Sanierung wurde das Oxydgrün für Türen und Fenster durch Befund nachgewiesen und die neuen Holzteile - so auch die Klappläden - in dieser Farbe gestrichen.

Nutzung (ursprünglich): 

Wohnheim für Saisonarbeiterinnen der Juteindustrie

Nutzung (derzeit): 

aufgeteilt in 99 Eigentumswohnungen

Geschichte: 

Das ehemalige Mädchenwohnheim ist eng verbunden mit der Süddeutschen Juteindustrie, die auf einem wenige 100 Meter entfernten Firmengelände um 1900 ca. 1000 Mitarbeiter beschäftigte und 1958 stillgelegt wurde. Zur Unterbringung von 330 Saisonarbeiterinnen - vornehmlich aus Polen und Italien - projektierte der Mannheimer Villenarchitekt Rudolf Tillessen im Jahre 1906 das langgestreckte Gebäude an der Sandhofer Straße / Ecke Niederbronner Straße. Die Einrichtung wurde vom katholischen Orden der Niederbronner Schwestern geführt, eine im Jahre 1849 im elsässischen Niederbronn-les-Bains gegründeten Kongregation, die seit 1859 in Mannheim ansässig ist. Ursprünglich war in dem Gebäude neben den großen Schlafsälen ein gemeinsamer Speisesaal, ein Gottesraum, eine Kleinkinder-Bewahranstalt und eine kleine Krankenanstalt mit Kreiss-Saal untergebracht.

Nach langem Leerstand wurde das damals sehr herunter gekommene Mädchenwohnheim in den Jahren 1994-95 im Innern völlig entkernt und mit 99 Einzimmerwohnungen, die zwischen 16 qm und 20 qm Fläche aufweisen, überplant. Einzig der ehemalige große Speisesaal - zuletzt als Gastwirtschaft genutzt - suchte lange eine neue Nutzung. Hier wurde 2009 eine größere Loftwohnung eingerichtet.

Eigentümer: 
Privateigentum
Erbauer: 
Süddeutsche Juteindustrie
Architekt: 
Rudolf Tillessen
Bauzeit / Umbauten: 
1906
Quellen: 
  • Roland Eisenlohr: Das Arbeiter-Siedelungswesen der Stadt Mannheim, Karlsruhe 1921
  • Alfred Heierling: 100 Jahre Jutekolonie Sandhofen, Mannheim 2000
  • Monika Ryll: Das Arbeitersiedlungswesen in Mannheim, in: Mannheim und seine Bauten, Bd.5, 2005, S. 106-115
Autor/in: 
Monika Ryll