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Papier- und Möbelfabrik - heute Gedenkstätte KZ in Osthofen

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Eingangstor
Historisches Foto des Konzentrationslagers
Offenes Tor und alter Schriftzug der ehemaligen Möbelfabrik
Eine der Hallen für Wechselausstellungen
Schattenspiel auf der Mauerseite
Phillip Benz, ehemaliger Heäftling  (Mai 2008) bei einer Führung durch die Halle ihrer Unterkunft
Der Schronstein im Innenhof der ehemaligen Fabrik wurde 1984 beseitigt
verfallen - vergessen - verdrängt: Ausstellungsplakat über den langen Weg zur Gedenkstätte

Das auffallende, lange Ensemble von zweifarbigen Backsteingebäuden mit einer großen Frakturschrift über der Fassade könnte ein industriekulturelles Highlight sein, wenn die Geschichte dieses Hauses nicht so niederdrückend wäre. Auf der Front stand von 75 Jahren in meterhoher Schrift: „Konzentrationslager-Osthofen“ eingerahmt von zwei Hakenkreuzen.

Die Gebäude sind links einstöckig, mit 16 großen Fenstern, die von 6 Giebeln überragt werden, die wiederum selbst mit Treppengiebeln versehen sind. Das große historische Tor (gelb gestrichenes Metall mit schlichtem Jugendstil-Dekor) ist ebenfalls mit einem solchen Giebel überbaut. Rechts des Tores schließt sich ein fast eben so langes zweistöckiges Gebäude an, auf dem am oberen Rand in meterhoher leicht verblasster Frakturschrift „Hildebrand & Bühner Möbelfabrik Osthofen“, der Name eines Vorbesitzers, steht.

Das Dach und die Mauern sind aufwendig restauriert, die großen gegliederten Industriefenster sind alle intakt. Der Vorplatz vorbildlich angelegt. Der Gebäudekomplex dient heute als Gedenkstätte für das KZ-Osthofen und als Dokumentationszentrum und Ort für die Dauerausstellung zur Geschichte des Nationalsozialismus in der Region.

Nutzung (ursprünglich): 

Papierfabrik, KZ, Möbelfabrik, diverse Gewerbe

Nutzung (derzeit): 

Gedenkstätte

Geschichte: 

1872 baute Gustav Rumpel im Ziegelhüttenweg in Osthofen eine „Papier- und Pappdeckelfabrik“. Spätestens am 1893 gehörte das Gebäude zunächst als „Papier-Manufactur-Mannheim“, später als „Papierfabrik Osthofen“ Joseph Kahn. Dieser baute das Gebäude immer weiter aus und ergänzte es 1908 um eine eingeschossige zweite Halle (links vom Eingangstor).

1911 wurde die Firma zur GmbH. Vertretungsberechtigter Teilhaber war der Fabrikant Karl Joehlinger aus Osthofen. 1925 wird aus der GmbH die „Papierfabrik Osthofen Aktiengesellschaft“. Diese wurde vermutlich Anfang der Dreißiger Jahre stillgelegt. (Die Umstände sind noch nicht genau erforscht. Es gab zur gleichen Zeit eine weitere Papierfabrik in Osthofen, die Ludwig Ebert gehörte, der wie Kahn und Joehlinger ebenfalls Jude war.)

Von 6. März 1933 bis Juli 1934 wurden die Gebäude der ehemaligen Papierfabrik als ein frühes Konzentrationslager (des damaligen Volksstaates Hessen) genutzt. Ohne richterliche Verfügung verhafteten Hilfspolizisten missliebige Personen und politische Gegner des NS-Regimes, allen voran Mitglieder der KPD, der SPD und Gewerkschafter, aber auch Angehörige des Zentrums, Juden, Zeugen Jehovas und Sinti. Die Gefangenen waren in der einstöckigen Halle links des Tores untergebracht. Die hygienischen Verhältnisse und die Unterbringung in der zugigen und nasskalten Fabrikhalle waren äußerst primitiv. Zynisch wurde in der NS-Presse, die häufig darüber berichtete, das KZ Osthofen als Umerziehungslager für verwilderte Marxisten” bezeichnet, mit der Verköstigung “besser als bei Muttern”.

Zwar wurde im KZ Osthofen in den 14 Monaten seines Bestehens kein Häftling ermordet, aber die Gefangenen wurden menschenunwürdig misshandelt. Viele der Inhaftierten wurden nach der Schließung des Lagers erneut verfolgt, in andere Haftstätten und Lager verschleppt und später auch getötet.

Im Wege der Zwangsversteigerung ("Arisierung") erwarben im Oktober 1936 die Eheleute Bühner das Gebäude der ehemaligen Papierfabrik für einen geringen Preis. Sie zogen mit ihrer bereits bestehenden Möbelfabrik dorthin, um sich zu vergrößern. Die Möbelfabrik Hildebrand & Bühner GmbH stellte serienmäßig Wohnzimmerschränke her und belieferte Möbelgeschäfte im In- und Ausland. Von 1942-1945 waren dort (wie in fast allen Industriebetrieben) auch Kriegsgefangene beschäftigt.

1976 ging die Firma in Konkurs, das Gelände und die Gebäude wurden vermietet und u.a. von einer Plastik-Recycling-Firma und als Weinlager genutzt. Die Bausubstanz verfiel immer mehr. 1984 wurde der Fabrikschlot abgerissen.

1972 schlossen sich ehemalige Häftlinge des Konzentrationslagers Osthofen zu einer Lagergemeinschaft zusammen. Gegen erheblichen Widerstand erreichten sie, dass 1978 eine Gedenktafel an der Außenmauer des Geländes angebracht werden durfte. Die DGB-Jugend und der Bund für Umwelt- und Naturschutz beantragten Anfang der 1980er Jahre das Gebäude unter Denkmalschutz zu stellen, was endlich 1989 geschah.

1986 wurde der Förderverein Projekt Osthofen gegründet, der die Idee zu einer Gedenkstätte beharrlich vorantrieb. 1991 wurde das Gebäude durch das Land Rheinland-Pfalz mit dem Ziel erworben, eine Gedenkstätte einzurichten. 1996 wurde eine vorläufige Dauerausstellung in den ersten renovierten Räumen eröffnet.

Seit 2002 hat das Referat „Gedenkarbeit“ und das NS-Dokumentationszentrum Rheinland Pfalz der Landeszentrale für politische Bildung seinen Sitz in der Gedenkstätte. Mit der Eröffnung der sehr umfassenden und informativen Dauerausstellung im 2004 war der Ausbau der Gedenkstätte KZ-Osthofen abgeschlossen, die jährlich von etwa 11 000 Menschen besucht wird, darunter von viele Schülerinnen und Schülern.

Eigentümer: 
Land Rheinland-Pfalz
Erbauer: 
Gustav Rumpel
Bauzeit / Umbauten: 
1872 und 1908
Quellen: 
  • Ausstellungstafeln zur Geschichte der KZ-Gedenkstätte
  • Interviews
Autor/in: 
Barbara Ritter