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Rhenania-Lagerhaus im Industriehafen Mannheim - heute Rhenus

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Rhenania-Lagerhaus von der Kammerschleuse aus gesehen
Brücke mit  Laufband für  den Transport der Ölsaaten
Detail: Ecke des Silos
Rhenania-Schriftzug und Kran
Tauben bei der Entladestation
Blick von der Mühlenstraße
Schriftzug und Wanddekor  von der Mühlenstraße gesehen
1957: Industriehafen mit Rhenania linker Bildrand, Mitte: Neubau des westlichen Teils,  kein Förderband zur Ölmühle. Foto aus: Der Mannheimer Hafen (siehe Quellen)
Zufahrt von der Mühlenstraße lässt die beiden Bauabschnitte deutlich erkennen
Foto aus dem Jahr 1921 (Quelle: Hermann Hecht, Die Entstehung des Rhenania-Konzern - die ersten 30 Jahre, 1983
Zeichnung des Lagerhauses um 1920 (Umschlag des Buches H.Hecht, Die Entstehung des Rhenania-Konzerns, ohne Angaben, vermutlich Rudi Müllers)
Über mehrere Elevatoren wird das Getreide nach ganz ober gezogen
Ganz oben wird das Getreide über Röhren in die Silos verteilt
alt und praktisch: Holz-Tritt und Verteilerröhren
Schüttboden mit Einfüllanlagen und hölzernen Abtrennungen
Förderband zur Ölmühle Bunge
Treppenhaus im Schüttboden-Teil des Lagerhauses
Warnschild
Die Sackrutsche ist seit Jahrzehnten nicht mehr benutzt
Kipp-Waage beim Wareneingang
Fensterfront nach Norden
Fensterfront nach Süden mit Förderband
Nordseite mit Kran aus den 1950er Jahren
Werkstattgebäude mit modernen Silos in der Nachbarschaft

Stat. 20Das von Rhenania 1910/11 erbaute Getreidelagerhaus war zur Bauzeit das modernste Getreidesilo am ganzen Rhein. Es zeigt sich heute von zwei Seiten sehr unterschiedlich: Von der Schleuse aus sieht man ein neun Stockwerke hohes, dunkelrotes Backsteinlagerhaus mit vielen, relativ kleinen, liegenden Fenstern, das sehr schlicht und streng wirkt. 

Das Gebäude wirkt von Bonadishafen bzw. von der Mühlenstraße aus ganz anders. Hier steht noch der bauzeitliche Eigentümer „Rhenania“ auf der fensterlosen Mauer des Silos. Es ist in gründerzeitlichem Stil gebaut, dem schon einige Jugendstilelemente beigefügt sind. Nur die Stützmauern sind aus dunkelroten Backsteinen, der Rest ist aus gelben Ziegelsteinen gebaut. Auch die Dachformen sind völlig unterschiedlich. Auf der Nordseite scheinen die beiden Bauten in einander über zugehen. Es ist offensichtlich, dass sie zu unterschiedlichen Zeiten gebaut wurden.

Das Speicherhaus hat eine Lagerkapazität von 15.000 Tonnen. Seit 1975 dient es der Zwischenlagerung von Ölsaaten für den Verein Deutscher Ölfabriken (heute: Bunge). Zur Wasserseite fällt die mächtige Betonkonstruktion mit einer waagrecht verlaufenden ummantelten Bücke auf, die weit oben über den Bonadishafen direkt zur Ölmühle Bunge auf das andere Ufer führt. Hier werden auf einem Laufband die Ölsaaten transportiert. Viele moderne und eher historische Entladeeinrichtungen für Schiffe und Schienenverkehr stehen am Kai darunter eine Waggon-Selbstentladeanlage.

Vom Hafen aus fallen zwei alte Krane ins Auge, die beide aus den 1950er-Jahren stammen und noch voll in Betrieb sind. Das Lagerhaus, das vollständig für die Lagerung von Rapssaat für Bunge eingesetzt wird.

Nutzung (ursprünglich): 

Lagerhaus für Getreide

Nutzung (derzeit): 

Lagerhaus für Ölsaaten der Ölmühle Bunge

Geschichte: 

Das Lagerhaus im Industriehafen wurde 1910/11 gebaut, also wenige Jahre nach der Gründung des Unternehmen Rhenania. Hermann Hecht, einer der Gründer der Rhenania, beschreibt es folgendermaßen: "das modernste Getreidesilo am Rhein mit einer Kapazität von 15.000 Tonnen, einer Werfthalle für 3.000 Tonnen verpackte Güter mit 1 Elevator und 1 Kran, die zusammen 150 Tonnen Stundenleistung hatten, für rund 1 Million Mark." (Quelle 4). Von Anfang an diente es der Lagerung von Getreide.

Auch die Verbindung zum gegenüberliegenden Verein Deutscher Oelfabriken (heute Bunge) war schon immer eng. Fotos und Zeichnungen des Lagerhauses aus dem Jahr 1921 zeigen das Haus in einheitlichem Stil, wobei es die funktionale Zweiteilung in fensterlose Silos und Lagerhaus bereits aufweist. Der westliche Teil ist offenbar vollständig erneuert worden (bisher unklar ob wegen Kriegsschaden oder aus anderen Gründen). Fotos aus den 1950er-Jahren zeigen, dass dieser erneuerte Teil zunächst nur in den unteren Ebenen Fenster hatte. Auch die Dachkonstruktion des östlichen Teils ist erneuert.

Seit 1974 hat die Rhenania eine Kooperation mit dem Verein Deutscher Ölmühlen (und deren Nachfolgeunternehmen) beim Entladegeschäft der ca. 1 Mio Tonnen Rohware wie Soja-, Raps-, Sonnenblumen-Saaten, davon 850.000 t per Schiff.

Geschichte der Rhenania

Die gut 100-jährige Geschichte des Unternehmens Rhenania ist äußert bewegt: Die international ausgebildeten Getreidehändler Jacob (1879–1963) und Hermann Hecht (1877–1969)  gründen am 5. März 1908 in Mannheim die deutsche Rhenania-Speditions-Gesellschaft mbH. Dazu kaufen sie im Mannheimer Handelshafen (Verbindungskanal 9a) die Anlagen des Spediteurs Leon Weiss und die Firma S. Rosenberg, sie firmieren noch lange unter diesem Namen.

Das Unternehmen gedeiht dank der unternehmerischen Initiativen der Brüder Hecht und ihres in den Nordseehäfen erworbenen Fachwissens. Ihre freundschaftlichen und teilweise verwandtschaftlichen Beziehungen zu den maßgebenden Getreideverladern, Mühlen und Banken nützen ihnen dabei. 1909 setzen sie als reichsweit erstes Schifffahrtsunternehmen am Rhein Elektrokräne ein.

1910/11 folgt der Bau des modernsten Getreidesilos am Rhein, im Industriehafen Mannheim, mit einer Kapazität von 15.000 t. Schon bald gründen sie Niederlassungen in Basel, Duisburg, Straßburg, Rotterdam und Antwerpen. 1913 steigt der bayrische Staat in das Unternehmen mit ein (die Pfalz mit Ludwigshafen sind damals bayerisch gewesen). Bei den Verhandlungen hatten Hermann und Jacob Hecht bereits auf ihre jüdische Herkunft explizit hingewiesen. Mit dem Kapital aus Bayern werden viele Rheinreedereien, Umschlags- und Lagerhausgesellschaften in Deutschland geschaffen, die in der Rhenania-Schifffahrtsgruppe in Mannheim zusammengefasst sind.

Das Unternehmen baut mehrere moderne Getreidesilos am Rhein (Straßburg, Worms). Im 1. Weltkrieges transportiert die Rhenania Kriegsgüter auf den neu erworbenen schnellen Räder- und Schleppbooten, die zentral von Berlin aus koordiniert werden. Als Folge des Friedensvertrages von Versailles muss die Rhenania 17,5% ihres Schiffsraumes abgeben und die Tochtergesellschaft Société Belge Navigation Fluvial gänzlich an eine holländisch-belgische Gruppe abtreten.

Doch durch Neugründungen und Mehrheitsbeteilungen an anderen Firmen kann der Verlust rasch ausgeglichen werden. 1920 gehören zur Unternehmensflotte über 100 Kähne und 20 Dampfer. 1920 lässt sich Jacob Hecht in Basel nieder und gründet dort die Neptun Transport- und Schifffahrts AG, die bald zur größten Schweizer Schifffahrts- und Lagergesellschaft wird.

Direkt nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten beginnt 1933 eine Kampagne gegen die jüdischen Gebrüder Hecht. Die Konkurrenten versuchen ihnen alle staatlich beeinflussten Aufträge abzujagen und den Konzern zu ruinieren. Durch Verkauf von weiteren Anteilen an den Bayerischen Staat übernimmt dieser die Majorität. Hermann Hecht arbeitet weiter als Generaldirektor in Mannheim. Doch der Druck wächst. "Die Vertreter der Bayerischen Regierung in unserem Aufsichtsrat, die trotz der Zeitläufte wohlwollend, teilweise korrekt gegen mich waren, haben sich allmählich, im letzten halben Jahr 1937, mir gegenüber ablehnend benommen" (Quelle 4: H. Hecht, Die Entstehung des Rhenania-Konzern S. 53). Am 15. Februar 1938 tritt er als Vorsitzender des Aufsichtsrats zurück. Im Juni 1938 werden die Anteile der Hechts an den ehemaligen Konkurrenten Haniel verkauft. Für 1 Million Mark erhält dieser die Majorität am Konzern, der einen Wert von 15 Millionen Goldmark hat. Auf seinen "Verkaufserlös" muss Hecht eine Unmenge von Steuern und Abgaben zahlen: Abzug von 20% Vermögenszuwachs, 25% Reichsfluchtsteuer, 25% Judenabgabe, und er erhält das Geld nur als "Sperrmark", mit dem er im Ausland so gut wie nichts anfangen kann.

Nach Kriegsende kümmern sich Jacob Hecht und dessen Sohn Rudolf „Reuben“ Hecht, die während der NS-Zeit in der Schweiz geblieben waren, erfolgreich um die Rückerstattung des Unternehmens. Bereits 1946 gibt es einen ersten Kontakt zwischen Jacob Hecht und Haniel wegen der Rückerstattung, und am 12. Februar 1949 einigen sich die Hechts und Haniel in einem Vergleich darauf, dass die Anteile an der Rhenania wieder an die Familie zurückgehen. Sie besitzt danach 50,125% des Rhenania-Kapitals. Außerdem wird Hermann Hecht (der nicht nach Deutschland zurückkehrt) ab 1950 Ehrenpräsident der Rhenania, sein Bruder Jacob Hecht und dessen Sohn Rudolf sitzen im Aufsichtsrat des Konzerns.

Die Rhenania-Gruppe ist schon 1953 mit 40 Niederlassungen und über 800 Mitarbeitern eines der größten westeuropäischen Unternehmen im Binnenschifffahrtssektor. Regionalgeschichtlich von Interesse ist, dass die Rhenania seit 1952 Getreide im Turmsilo der ehemaligen Hildebrand-Mühle in Weinheim einlagert. (siehe Hildebrandmühle in Weinheim). In den 60er-Jahre werden Lkw und Schiene immer wichtiger und der Container revolutionierte das Transportwesen. Auch hier ist Rhenania ein Vorreiter. 1968 wird in Mannheim der erste Container umgeschlagen. Im Mannheimer Mühlauhafen steht der erste Binnencontainerterminal in einem deutschen Binnenhafen. 1973 entwickelte Rhenania als erstes deutsches Unternehmen ein komplettes Logistikprogramm für den Lebensmittelkonzern Knorr-Maizena (heute Unilever Best Foods). Im Rheinauhafen wird von Rhenania 1983 die erste Roll-on-roll-off-Rampe errichtet. Bis heute gehen im „Ro-Ro-Service“ die John-Deere Traktoren ab Mannheim per Binnenschiff zum Kunden.

1989 wird das Unternehmen von der britischen P&O übernommen und breitet sich auch in Ostdeutschland aus. Ein weiteres Highlight ist im Jahr 1993 der Bau eines hochmodernen Logistikzentrums im Mannheimer Hafen, das eine multimodale Verknüpfung von Lkw, Bahn und Schiff ermöglicht. Der traditionsreiche Name wird in der "Rhenania Intermodal Transport GmbH" (Planung und Durchführung multimodaler Transportsysteme; Teil der P&O Trans European-Gruppe) fortgeführt. Von 2003 bis 2011 gehört das Unternehmen zur britischen "Wincanton", die es 2011 an die Rhenus-Gruppe verkaufte. Die Rhenus-Gruppe ist 1912 als bedeutendes Rheinschifffahrtsunternehmen mit Sitz in Frankfurt und Filialen in Mannheim und Rotterdam gegründet worden.

Das operative Geschäft in Mannheim besteht zu 70% aus Logistikdienstleistungen. Zweites operatives Standbein in Mannheim sind die intermodalen Verkehre, also Transporte mit mehr als einem Verkehrsmittel. Der Containerterminal im Mühlauhafen spielt dabei eine wichtige Rolle. Über 65.000 Container werden im Terminal Mühlauhafen zwischen Wasser, Schiene und Straße umgeladen. Mittelfristig ist beabsichtigt den Terminal auszubauen.

Eigentümer: 
Wincanton
Erbauer: 
Rhenania
Bauzeit / Umbauten: 
1910/11
Quellen: 
  1. Die Gondelsheimer Brüder Hecht: Gründer des Binnenschifffahrtsimperiums „Rhenania“ Von Bürgermeister Markus Rupp (PDF-Datei)
  2. Albert Gieselser: www.albert-gieseler.de
  3. Der Mannheimer Hafen, Herausgeber: Südwestwerbung GmbH Mannheim
  4. Hermann Hecht: Die Entstehung des Rhenania Konzerns, Die ersten dreißig Jahre. Mannheim 1983; herausgegeben aus Anlass des 75-jährigen Jubiläums der Rhenania. Herrmann Hecht hat seine Erinnerungen 1940 im Schweizer Exil geschrieben.
Autor/in: 
Barbara Ritter