Startseite »

Seilwolff in Mannheim-Neckarau - ehemalige Seilindustrie

Druckversion
Unter Denkmalschutz: der Eingang zum Verwaltungsgebäude aus den 1950er Jahren
Neubau und historische Gebäude in der Angelstraße
Hebevorrichtung und historische Gebäude im Obergeschoss noch ungenutzt
Ansicht ca 1925
Historische Aktie und Werbung der italienischen Niederlassung
Eine edel aufgemachte Spielhalle im Erdgeschoss
Hofansicht neben der Seilerbahn
Angelstraße im Sommer: mit Wildem Wein überwachsen
Auffahrt zum Parkdeck des Seilwolff-Centers
Eingang zur Kutschensammlung
Der niedrige, fensterlose Bau ist ein Teil der ehemaligen Seilerbahn
Die Haken in der Seilerbahn haben eine Radius von etwa 30cm
Historischer Briefkopf
Logo in den 1950er Jahren: Seil.Industrie-Wolff
Rhein-Neckar-Park mit seinen vielfältigen Nutzungen
Neubau hinter dem historischen Verwaltungstrakt
Treppenhaus des Verwaltungsbaus

Die Bauten der ehemaligen „Aktiengesellschaft für Seilindustrie – vormals Ferdinand Wolff“ ziehen sich fast einen Kilometer entlang der Angelstraße. „Die Seilwolff“ war über 150 Jahre lang ein wichtiger Betrieb, aus dem die benachbarten „Süddeutschen Kabelwerke“ und die „Isolation AG“ hervorgingen. Er wurde 1985 geschlossen, ein Großteil der Gebäude ist inzwischen anderweitig genutzt, ein Teil abgerissen und neu bebaut.

An der als Platz gestalteten Einmündung der Friedrichstraße in die Casterfeldstraße fällt zunächst ein quer stehender klassischer 50er-Jahre Bau ins Auge. Das mit gelben Kunststeinplatten verkleidete ehemalige Verwaltungsgebäude steht noch weitgehend leer. Die vielen schmalen aber hohen Fenster lassen es von Licht durchflutetet wirken. Effektvoll mit Fenstern versehen ist der halbrunde Treppenhausbau. Oben steht der Name der Fabrik „Seilwolff“ in mannshohen blauen Lettern. Das vier Jahre nach Kriegsende geplant Gebäude nimmt die Bausweise der Moderne wieder auf. Dieser Gebäudekomplex ist denkmalgeschützt.

Der folgende Gebäudekomplex, das „Seilwolff-Center“, ist ein Neubau, der mit seiner glasierten Klinkerfassade den Fabrikcharakter aufnimmt. Hier ist Handel und Gewerbe sowie ein Fitnesscenter untergebracht. Eine rote, schräg gestellte Metall-Stele am Eck der Glasfassade des Fitnesscenters symbolisiert eine Spindel oder Warbel, wohl als Zeichen für die zur Textilindustrie gehörenden ehemaligen Seilerei. Am südlichen Ende dieses Neubaus nimmt ein runder, verglaster Bau die Gestaltung des Treppenhauses vom Verwaltungsgebäude wieder auf. Es handelt sich hier um die Auffahrt zum Parkdeck.

Die original erhaltenen Gebäude der ehemaligen Seilindustrie aus dem Jahr 1895 ziehen sich nach der neu angelegten Querstraße „Alte Seilerei“ noch ca. 400 Meter weiter. Die hohen Backsteinbauten sind zunächst zweistöckig, immer wieder unterbrochen durch einen höheren Treppenhausbau. Im Sommer sind die Fenster fast nicht zu sehen, denn die ersten 200 Meter des Baus sind auf der Seite der Angelstraße mit wildem Wein überwachsen. Von der Querstraße und vom Hof her ist erkennbar, dass ein Teil der Gebäude wegen eines Brandes abgerissen ist, ansonsten sind die Backstein-Fassaden und Sprossenfenster jedoch gut sichtbar. Hier ist der Rhein-Neckar-Park ansässig, der die Disco MS-Connexion, das Zentrum „Alte Seilerei“ für Konzerte, Ausstellungen und Sport sowie ein Automaten-Spiel-Casino betreibt. Die Obergeschosse und das Dach der Gebäude sind noch nicht saniert.

Es folgen weitere 200 Meter, eingeschossige Backstein-Gebäude entlang der Angelstraße, die sich in einem sehr gut renovierten Zustand zeigen. Hier ist die private Kutschensammlung des Bauunternehmers Heinz Scheidel untergebracht (Angelstraße Nr. 49), die größte private Kutschensammlung Europas mit mehr als 400 pferdegezogenen Fahrzeugen. Die Gebäude weisen alle eine massive Holzkonstruktion für das Dach auf. Sie sind im Übrigen aus Beton und Backstein gebaut.

Im Hof, der nur bei Führungen zugänglichen ist, kann man den noch bestehenden ca. 200 Meter langen Teil der ehemaligen Seilerbahn erkennen: ein schmales, „schnurgerades“ ebenerdiges Gebäude, das ursprünglich 500 Meter lang war. Mächtige Haken sind in Bodennähe in der Wand eingelassen, um die Seile für das „Schlagen“ zu befestigen. Die Seilerbahn ist direkt an die Mauern der benachbarten Kabelfabrik angebaut. Für Seilerbahn gibt es auch den Begriff „Reiferbahn“ und in Norddeutschland „Reeperbahn“. In vielen Städten gibt es die Bezeichnungen nur noch als Straßennamen. Historische Seilerbahnen sind als Bauwerke selten erhalten.

Nutzung (ursprünglich): 

Seilerei, Herstellung von Hanf- und Drahtseilen, Bindfaden und Tauwerken, Hochleistungs- und Transportbändern

Nutzung (derzeit): 

Einkaufszentrum, Fitnesscenter, Veranstaltungen, Disco, Spielhalle, Sammlung

Geschichte: 

1830 gründete Seilermeister Johann Jakob Wolff eine Seilerei, die 1833 in größere Räumlichkeiten in den Jungbusch zog. Die zweite Generation des Familienbetriebs produziert ab 1870 mit einer Dampfmaschine und kann mehrere nationale und internationale Preise für Tauwerk erringen. 1888 übernimmt der Schwiegersohn der dritten Generation, Adolf Wenk-Wolff, die Firma mit etwa 260 Beschäftigten und vergrößert sie entscheidend.

Er wandelt die Einzelfirma "Ferdinand Wolff" zur "Aktiengesellschaft für Seilindustrie vormals Ferdinand Wolff" um und gründet weitere Werke:

  • eine Zieherei für Stahldraht, die nach Mannheim-Waldhof verlegt wird und aus der die spätere "Süddeutsche Drahtindustrie Mannheim" hervorgeht,
  • die "Süddeutschen Kabelwerke" in Neckarau,
  • sowie die "Isolation AG", die später der BBC angeschlossen wird.

1891 errichtet er eine Zweigniederlassung auf dem damals noch nicht erschlossenen Neckarauer/Rheinauer Gelände und erstellt dort eine Seilerbahn von 500 m Länge. Die Genehmigung der damals noch selbständigen Gemeinde war an die Bedingung geknüpft, "dass eine Verunreinigung des Wassers im Giesengraben durch Zuleitung des Fabrikwassers sowie eine Verunreinigung der Luft durch die bei der Fabrikation entweichenden Dünste nicht eintritt".

Im Neckarauer Werk wird mit verbesserter technischer Ausrüstung neben Hanf- und Drahtseilen auch Bindfäden und Riemen hergestellt. Verwendung finden die Produkte als Aufzugsseile vor allem im Bergbau, Treib- und Transmissionsriemen in der Industrie, Packstricke, landwirtschaftliche Bindekordeln, Schiffs-Tauwerk vor allem in der Marine des Kaiserreichs. 1893 Besucht der Großherzog das Neckarauer Werk, die "Koalition von Thron und Kamin" wird mit Spalierstehen gefeiert.

Auch im Ausland engagiert sich die Mannheimer Seilindustrie mit dem Kauf von Seilereien:

  • im französischen Le-Havre-Graville die "Corderie de la Seine",
  • in Odessa die Russische Seilfabrik am Schwarzen Meer und
  • im italienischen Sampierdarena bei Genua die Carrena und Torre.

Taue aus Mannheim sind Ende des 19. Jahrhunderts ein Exportschlager und ein Qualitätsbegriff in aller Welt. Vor allem im Zuge der Flottenhochrüstung vor dem Ersten Weltkrieg unter Wilhelm II. verzeichnet das Unternehmen Hochkonjunktur. Als Ergebnis des ersten Weltkrieges verliert es allerdings sein russisches Unternehmen. Doch auch in den wirtschaftlich schwierigen Jahren der Weimarer Republik expandiert der Betrieb auf ca. 1000 Arbeitsplätze im Jahr 1928.

In der NS-Zeit tritt das Unternehmen der "Deutschen Hanfbau-Gesellschaft m. b. H." in Berlin bei. Es geht um die Autarkiepläne der Reichsbehörden und um die Förderung des inländischen Hanfanbaues. Am Vorabend des 1. Mai 1935 wird der Fabrikschonstein mit kommunistischen Losungen bemalt. 1943 wird die Fabrik durch Bomben schwer getroffen.

Beim 125 jährigen Jubiläum im Jahr 1955 sind die Schäden jedoch weitgehend behoben. 1949 war vom rennomierten Architekten Alfred Au, dessen Sohn Alexander Au ebenfalls als Architekt in Mannheim tätig ist, ein neues Verwaltungsgebäude errichtet worden. 1957 läuft die Produktion der Spinnerei, in der Hanfseilerei und vor allem im Drahtseilwerk mit 450 Mitarbeitern wieder auf vollen Touren.

Noch 1976 machte "SIWO" im Merian-Heft zu Mannheim Reklame für Verpackungsfolien aus Polyaethylen, Draht- und Perlonseile. Doch schon wenige Jahre später gerät Seilwolff, jetzt unter „Seilwolff Hebe- und Seiltechnik AG“ firmierend, in Schwierigkeiten und muss Konkurs anmelden.

1987 wird Seilwolff aus dem Handelsregister gelöscht. 1992 wird das Gelände verkauft, und große Pläne für die weitere Nutzung entstehen. 1999 wird gut ein Drittel der Gebäude abgerissen, und bis zum Erdgeschoss neu bebaut. Doch eine Pleite der Bank des Investors lässt es zu einer Investitionsruine verkommen. Die Geisterbaustelle bleibt fast 10 Jahre unberührt, bis ein Investor das Areal übernimmt und bebaut.

Architekt: 
Alfred Au (Verwaltungsbau von 1949)
Bauzeit / Umbauten: 
1895, 1949 und 2008
Quellen: 
  • www.albert-gieseler.de
  • Städtebuch, 350 Jahre Mannheim, 1957
  • Diverse Artikel im Mannheimer Morgen
  • Konstantin Groß: Zeuge des Jahrhunderts, 100 Jahre Eingemeindung Neckaraus nach Mannheim, 1999
  • Merian-Heft 7/29, 1976
Autor/in: 
Barbara Ritter