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Weinheim Sechs-Mühlen-Tal und Porphyr-Steinbruch

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Untere Hildebrandsche Mühle
Untere Hildebrandsche Mühle
Untere Hildebrandsche Mühle
Untere Hildebrandsche Mühle um 1890
Hildebrand-Reklamemarken Mannheim-Weinheim
Untere Fuchssche Mühle
Turbine in der Oberen Hildebrandschen Mühle
Obere Hildebrandsche Mühle - alte Transmission
Carlebachmühle
Carlebachmühle
Kinscherfsche Mühle
Obere Fuchssche Mühle
Porphyr-Brechwerk

Auf einer Strecke von 1,5 km mit 27 m Fluss-Fallhöhe liegen sechs Mühlenanwesen im Abstand von jeweils 200 m: Carlebachmühle, Kinscherfsche Mühle, Obere Fuchssche Mühle, Untere Fuchsche Mühle, Hildebrandsche Obere Mühle, Hildebrandsche Untere Mühle.

Oberhalb der Oberen Hildebrandschen Mühle ist die Zufahrt zum Porphyr-Steinbruch im Wachenberg. Die Villa der Hildebrandschen Unteren Mühle stammt von 1882.

Nutzung (ursprünglich): 

Mühlen für versch. Zwecke und Porphyr-Steinbruch

Nutzung (derzeit): 

Restaurant, Büros, Möbelverkauf, Porphyr-Steinbruch, Wasserkraftwerke

Die Obere Fuchssche Mühle ist bekannt als Hotel/Restaurant. Die Carlebachmühle wird zum Gewerbepark entwickelt. Die Obere Hildebrandsche Mühle bietet Ausstellung und Verkauf von Möbel und Dekor. Die Untere Hildebrandsche Mühle ist weitgehend ungenutzt und verfällt. Bitte die Links beachten!

Der „Sechs-Mühlen-Weg” führt 2008 teilweise entlang der Autostraße Weinheim-Birkenau. Engagierte Bürger wollen die Herstellung auf der ruhigen, bewaldeten linken Seite der Weschnitz erreichen, und zwar durchgehend von der Unteren Hildebrandschen Mühle in Weinheim entlang aller Mühlen bis Birkenau.

Geschichte: 

Die Mühlen an Weschnitz und Grundelbach waren bedeutsam für die Entwicklung Weinheims zu einer Industriestadt.

Bereits das Kloster Lorsch erkannte um die erste Jahrtausendwende, daß am Standort der heutigen Hildebrand'schen Unteren Mühle die besten Voraussetzungen für die Errichtung einer Mühle gegeben waren. Dieses Vorbild des Klosters ließ in Weinheim in den folgenden Jahrhunderten 13 weitere Mühlen entstehen, deren Geschichte von Karl Zinkgräf in „Die ehrbare Bäcker- und Müllerzunft zu Weinheim” beschrieben ist. Als der Stadt im Jahre 1065 das Münzrecht verliehen wurde, war nicht zuletzt die Müllerei in Weinheim als wirtschaftlicher Faktor ein Grund für diese Auszeichnung.

Mit dem Aufkommen der Dampfkraft (1850) war das Energiemonopol Wasserkraft gebrochen, und der Traum der Wassermüller vom „Bachbaron” war ausgeträumt. Die technische und finanzielle Überlegenheit der Großmühlen führte dazu, daß in Deutschland tausende Mühlen an kleinen Gewässern wie dem Grundelbach mit nur einem Wasserrad von ca. 7 PS nach und nach ihren Betrieb einstellten.

Diese Auswirkungen zeigten sich auch in Weinheim. Hildebrand baute in Mannheim am Rhein seine Großmühle. Freudenberg setzte seine erste Dampfmaschine (15 PS) 1855 in der >Alten Gerberei< im Müllheimertal ein. Die alte Freudenberg-Lohmühle am Grundelbach wurde 1900 zu Wohnungen umgebaut und auf dem selben Gelände eine >Neue Lohmühle< mit Elektromotor errichtet. Badenia verlagerte ihren Betrieb von der Öhligmühle am Grundelbach auf das Gelände der heutigen Naturin und stellte selbst Lokomobile her. Um großindustriell produzieren zu können, verabschiedete man sich von der Wasserkraft und suchte verkehrsgünstige Standorte mit leistungsfähigem Stromnetz. Beispiele in Deutschland finden wir bei Zeiss-Jena, Faber-Castell, Miele-Gütersloh, die alle aus Mühlenstandorten hervorgegangen sind.

Größere Mühlen mit mehreren Wasserrädern und den dazugehörigen Mahlgängen an Flüssen wie der Weschnitz versuchten den Überlebenskampf aufzunehmen und ersetzten die alte Technik durch Turbinen und Walzenstühle. Doch dies zeigte sich im Nachhinein als ein Fehlschlag. Die einzige Rettung für die verbliebenen Mühlenstandorte (ca. 4.000) war die Nutzung der Wasserkraft zur Stromerzeugung mit Einspeisung ins öffentliche Netz (1 % der gesamten deutschen Stromerzeugung). Heute muß eine Wasserkraft mindestens 150 PS Leistung bringen um wirtschaftlich zu arbeiten. Die vier Mühlen auf Weinheimer Gemarkung an der Weschnitz erzeugen heute Strom für ca. 300 Haushaltungen aus erneuerbarer Energie.

Geblieben ist aber die Romantik der alten Mühlen. Das „Sechs-Mühlen-Tal” an der Weschnitz zwischen Weinheim und Birkenau lädt ein zu einem Spaziergang durch die Vergangenheit. Auf einer Strecke von 1,5 km mit 27 m Fluss-Fallhöhe liegen sechs Mühlenanwesen im Abstand von jeweils 200 m.

Die denkmalgeschützten Mühlengebäude sind vorwiegend mit rotem Sandstein errichtet. Sie sind größtenteils in ihrer ursprünglichen Gestalt noch heute erhalten. Unter ihnen verlaufen die alten Kanäle mit Gewölbedecken zum Wasserbau.

Ebenso stammen ihre dazugehörigen Stauwehre, Mühlkanäle und Brücken aus den vergangenen Jahrhunderten.

Daneben verläuft die Odenwaldbahn mit ihren 1894 erbauten Tunnels und Brücken.

Vor allem in der Romantik priesen Schriftsteller wie Johanna Schopenhauer und H.W. Longfellow die Schönheit des Birkenauer Tals.

Der Porphyr-Steinbruch wurde 1893 begonnen und hatte einen eigenen Gleisanschluß an die Odenwaldbahn, die im engen Tal nur hier auf der linken Flußseite verläuft. Ein zweiter Gleisanschluß führte von der gleichen Stelle zur Unteren Hildebrandschen Mühle.

Das Stauwehr und der Mühlkanal der Unteren Hildebrandschen Mühle stammen aus dem Jahr 1465. Sie sind noch heute für die Stromerzeugung erhalten. Kommerzienrat Georg Hildebrand nutzte in der Gründerzeit die rasante technische Entwicklung, insbesondere die Dampfkraft, bei der Umsetzung seiner großen Ziele. Zunächst wollte er eine Talsperre mit einer 27 m hohen Staumauer an der Mühle errichten, deren Stauwurzel den Ortseingang Birkenau erreicht hätte (Turbinenleistung 600 PS). Doch dieses Vorhaben eines Stausees an Stelle der Weschnitz wurde aufgegeben, da die Turbinenleistung für eine Großmühle zu gering war. Er entschied sich für einen neuen Mühlen-Standort im Mannheimer Industriehafen .

Georg Hildebrand baute in Weinheim die erste vollautomatische Großmühle der Welt und erneuerte zwischen 1875 und 1895 dreimal den gesamten Maschinenpark.

1894 ließ sich Georg Hildebrand beim Bau der Odenwaldbahn einen Gleisanschluss für seine Porphyrwerke, Hildebrand'sche Obere und Untere Mühle legen. Somit hatte er die Möglichkeit, den zu Schotter gebrochenen Porphyr an die aufstrebende Reichsbahn in großen Mengen zu liefern und seine beiden Mühlen mit Kohle und Getreide auf dem Schienenweg zu versorgen.

Das Brechwerk des Steinbruchs stammt aus der Gründerzeit. Der Schornstein gehörte zur Dampfkraftanlage des Werkes. Mit circa 250 italienischen Gastarbeitern wurde Schotter für die Reichsbahn gebrochen, der dank des Gleisanschlusses direkt an die Baustellen befördert wurde.

Autor/in: 
Jürgen Herrmann