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Zahnradpumpenfabrik Mannheim ehem. Neidig

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Die ursprünglichen Werkshallen der Zahradpumpenfabrik haben die Kriege überstanden. In ihnen wird heute noch produziert.
Die frühere Drechslerei ist als einziges historische Gebäude erhalten, allerdings ohne Bogen an der Fassade.
Stadtplan des Hafens von 1913, das Anwesen von Neidig und Reis ist rechts oben.
Die Drechslerei (heute Hallen) und links die Villa des Fabrikherrn.
Die Fabrikantenvilla 1937: inzwischen sind auch die drei Söhne im Geschäft, die Villa ist vergrößert worden.
Der Fuhrpark der Familie vor der Villa 1937
«Unser Kadettchen» aus dem Familienalbum der Neidigs. Es gab auch einen «Maybach» in der autovernarrten Familie.
Und natürlich gab es LKW für den Transport der Pumpen
Die aufgeschnittene Pumpe erklärt das Prinzip der Zahnradpumpen
Ein großes Werkstück aus der Zahnradpumpenfabrik
Die Maschine Baujahr 1943 funktioniert heute noch tadellos
Auch die Maschine von 1953 ist noch in Betrieb
Schubladenschrank
Werkhalle in den 1950er Jahren
Das «Logo» der Zahnradpumpenfabrik

Stat. 18Das verzahnte Logo ist strategisch gut am Wendepunkt einer engen Kurve der Friesenheimer Straße auf dem freundlichen kleinen Backsteinhaus angebracht. Die Fabrikmauer zieht sich gut 100 Meter hin und gibt den Blick auf den mit Bäumen beschatteten Hof und ein langgestrecktes zweigeschossiges Fabrikgebäude frei. Es ist - an den Fensterformen und Lisenen erkennbar - gut hundert Jahre alt, aber jeder Bauschmuck ist ihm abhanden gekommen. Modernere Gebäude und offene Lagerhallen ziehen sich im rechten Winkel dazu bis zu dem verspielten Backsteinhaus, das in der spitzen Ecke des dreieckigen Fabrikgeländes liegt. Diese Haus gehörte ursprünglich der Hadernfabrik Reis.

Heute arbeiten nur noch wenige Beschäftigte in der Fabrik. Ihre heutige Bedeutung besteht in der Vielfalt der Produktionspalette: Mehr als 1.500 Pumpen-Varianten mit unterschiedlichen Fördermedien, Leistungsvermögen, Materialien und Druckbereichen werden hier gefertigt. Zahnradpumpen werden vor allem in der Autoindustrie gebraucht, ebenso in der chemischen Industrie, allgemein im Maschinenbau, Schiffsbau, Anlagenbau, bei Walzwerken und Pressen in der Farbindustrie und Lebensmittelindustrie.

Nutzung (ursprünglich): 

Textilverwertung Reis und Zahnradpumpenfabrik

Nutzung (derzeit): 

Zahnradpumpenfabrik

Geschichte: 

Beginn mit einer Werkstatt in der Waschküche

Friedrich August Neidig, ursprünglich kaufmännischer Vertreter für Messingwerke, hat diese spezielle Form der Pumpe nicht selbst erfunden, aber als erster in Serie produziert. Das war 1903, und er beginnt mit einer Werkstatt in der Waschküche in der Pestalozzistraße 25 (Neckarstadt) unter tatkräftiger Mithilfe seiner Ehefrau Elisabeth, und eines Drehers. Das Ehepaar fuhr selbst ein Auto, Elisabeth war sogar eine bekannte „Autlerin“, die 1903 ein Autorennen fuhr und den 3. Platz belegte. Als Automobilisten kannten sie die Probleme mit der Schmierung des Motors und Getriebes. Zahnradpumpen sind vor allem von der aufblühenden Automobilindustrie gebraucht worden, aber auch die Hersteller von Werkzeugmaschinen und Benzin- und Bootsmotoren waren seine Abnehmer.

1907, noch immer als Hinterhoffabrik, hat das Unternehmen 15 Arbeiter. Anarchisten sollen einen Streik entfacht haben, der mehrere Wochen anhält. (Neue Mannheimer Zeitung 31.1.1935). 1909 richtet Neidig eine eigene Modellschreinerei ein, der Guss wird noch vergeben.

Europaweiter Export vom Standort Industriehafen

1910 kauft Neidig im Industriehafen das Gelände der Friesenheimer Straße 5 und erstellt ein Fabrikgebäude. Er exportiert bereits nach Italien, Schweden, Holland, Belgien und Österreich. 1912 errichtet er eine eigene Kraftzentrale und baut gegenüber in der Friesenheimer Straße 8a eine eigene Gießerei auf. Die Beschäftigten und die fertigen Gussteile können durch einen Tunnel die andere Straßenseite gefahrlos erreichen.

Aufträge der Marine

Im ersten Weltkrieg bekommt Neidig große Aufträge von der Kriegsmarine, insbesondere für den U-Bootbau. Das Unternehmen expandiert.

Der Sohn Adolf Neidig (geb. 1897) steigt nach dem Krieg als kaufmännischer Leiter in das Geschäft ein, seine drei Brüder arbeiten ebenfalls im Betrieb mit. Die Kontakte zur Marine bleiben, jetzt wird die Handelsmarine beliefert. Die Einführung von Dieselmotoren erhöht die Nachfrage. Die Angebotspalette wird um Ölkühler, Ölfilter und Filterkühler erweitert mit Exporten in die ganze Welt. Es gibt mehr als 15.000 verschiedene Ausführungen der Zahnradpumpen in allen Größen und Typen.

Da trifft es sich gut, dass der Nachbarbetrieb in der Friesenheimer Straße 3 nach dem Tod des Inhabers stillgelegt ist. 1927 kaufen die Brüder Neidig das Gelände und das ehemalige Textilverwertungswerk und richten dort einen neuen Maschinenpark ein. Einen Teil nutzen sie als Wohnhaus. Eine weitere repräsentative Unternehmervilla für die große Familie errichten sie auf dem Gelände zwischen den beiden Werken zur Friesenheimer Straße hin.

Die Politik

1932 kommt es offenbar zu schweren Turbulenzen: „Kommunisten unterminierten den Betrieb, so dass die Firma gezwungen war, den Betrieb stillzulegen. Die Aussperrung dauerte 4 Monate. Die nationalsozialistische Revolution war die Rettung aus diesem bolschewistischen Chaos.“ Das schreibt im Rückblick die bereits gleichgeschaltete Neue Mannheimer Zeitung 31.1.1935. Im Jahr 1937 setzt sich Friedrich August Neidig zur Ruhe, die zweite Generation übernimmt das Ruder.

Es ist bekannt dass sich die Maschinenfabrik Neidig während des Dritten Reichs besonders linientreu zeigt: Neidig sieht schon darin einen Kündigungsgrund, dass ein Beschäftigter oder dessen Familienmitglieder mit Juden geschäftlichen oder privaten Kontakt haben oder wenn sie aus der NSDAP ausgeschlossen werden.

Um 1939 gibt es 800 Beschäftigte, darunter auch Zwangsarbeiter.

Nach dem Krieg: Zurückgewinnung des Markts

Der Krieg bringt eine weitgehende Zerstörung des Betriebes und der Villen in der Friesenheimer Straße 3-5 nicht jedoch der Gießerei. Zerstört sind auch ein Großteil der Zeichnungen und Modelle seiner inzwischen mehr als 15.000 verschiedenen Pumpen und Produkte. An dem Ausweichstandort in Wiesloch produziert Neidig mit ca. 100 Leuten eher notdürftig weiter. 1948 sind es bereits wieder 200 Beschäftigte in Mannheim. 1950 läuft auch der Export wieder an, der Markt kann zurück gewonnen werden. 1955 Werner Neidig (geb. 1924) und sein Vetter Herbert Neidig (geb. 1928) arbeiten ebenfalls in der Firma.

Um 1960 sind 400 Leute beschäftigt. Ölhydraulik wird ein neues Gebiet für die Firma mit bahnbrechenden Entwicklungen. Neidig ist der größte Betrieb für Zahnradpumpen in Deutschland und hat international einen guten Ruf.

Als großes Metallwerk spielt es auch für die Gewerkschaftsbewegung eine wichtige Rolle. Unter Führung der IG-Metall streiken 1967 die Beschäftigten wochenlang für die 40-Stunden Woche.

Umfirmierung in ZPM

Die Erfolge der Gewerkschaft beim Kampf um kürzere Arbeitszeit und höhere Löhne waren definitiv nicht der Grund für den ruhmlosen Niedergang des Unternehmens. Streit innerhalb der Familie und Managementfehler führen dazu, dass die Firma Zahnradpumpenfabrik Neidig und Söhne 1979 Konkurs anmelden muss. Das Werk wird in eine GmbH umgewandelt und bekommt einen neuen Namen. In kleinerem Maßstab, doch kontinuierlich und weiterhin international erfolgreich arbeitet die „ZPM Zahnradpumpenfabrik Mannheim GmbH“ weiter.

Eigentümer: 
Zahnradpumpenfabrik Mannheim GmbH
Erbauer: 
August Neidig
Bauzeit / Umbauten: 
1910
Quellen: 
  • Firmenchronik ZPM auf der aktuellen Webseite
  • Gespräche mit Angehörigen der ehemaligen Besitzer, mit Beschäftigten und dem Geschäftsführer von ZPM
  • Zeitungberichte über Neidig
  • Wikipedia
  • Adressbücher der Stadt Mannheim
  • Führer durch die Industrie- und Hafenanlagen Mannheims, 1909
Autor/in: 
Barbara Ritter