Startseite »

Ziegelei Brühl

Druckversion
Luftbild der früheren Ziegelei Merkel, 1950er Jahre          @Heimat- und Brauchtumsverein Brühl
Ecke Kirchenstraße / Im Merkelgrund,  2010         @Heimat- und Brauchtumsverein Brühl
Grundriss eines Z-Ofens                         @Heimat- und Brauchtumsverein Brühl
Öffnung zweier Z-Öfen zur Straßenseite hin           @Heimat- und Brauchtumsverein Brühl
Ausschnitt an der Längsseite (Im Merkelgrund) 2010
Zugänge zu den Brennkammern,  2011
Stirnseite der Ziegelei an der Kirchenstraße, 2011
Längsseite des Ziegeleigebäudes an der Kirchenstraße, 2011
Raum im Brühler Heimatmuseum
Lageplan der Brühler Ziegeleien 1910
Lageplan der Brühler Ziegelei, Vorläufer um 1900
Keller Ziegelei Merkel,  Foto: Winfried Geier
Ziegelei Merkel, Foto: Winfried Geier

Von der ehemals bedeutenden Ziegelindustrie in Brühl ist nur noch wenig erhalten: Ein einziges Gebäude mit dem Z-Brennofen und den Trockenböden. Es ist ein langgestreckter hoher Bau aus gelben Ziegelsteinen – wie könnte es anders sein! Das Satteldach ist tief herunter gezogen, an der Stirnseite sind die meisten Fenster der vier Stockwerke bereits zugemauert. Der Hof ist mit einer hohen Mauer und einem Eisentor abgesperrt. Erkennbar sind aber an der Längsseite die ebenerdigen Zugänge zum Brennofen. Auf der anderen Längsseite sind diese mit Rundbogen gemauerten Zugänge zu den zwölf seitlichen Brennkammern hinter Buschwerk (im Winter) gut zu sehen. Sie dienten der Beschickung mit Rohlingen und der Frischluftzufuhr. Die oberen Stockwerke waren die Trockenböden. Der Z-Ofen von 1927 war damals neuester Stand der Technik. Obwohl die Ziegelei seit mehr als 40 Jahren stillgelegt ist, ist dieses Haus in seiner Bausubstanz noch gut erhalten.

Nutzung (ursprünglich): 

Ziegelei

Nutzung (derzeit): 

Gelände mit den denkmalgeschützten Gebäuden steht zum Verkauf.

Geschichte: 

Mit der Rheinbegradigung durch Tulla in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sowie dem Ende des Deutsch-Französischen Krieges 1871 erlebte die Region um Mannheim und Ludwigshafen einen enormen Bauboom: Fabriken, in der Nähe liegende Wohnhäuser für die Arbeiter und ihre Familien, viele Wohnhäuser im Stadtgebiet und in der Region. Außerdem die notwendige neue Infrastruktur wie Straßen, Bahnstrecken, Häfen, Kanäle und Abwasserkanäle. Um 1900 gab es im Großherzogtum Baden nur wenige Tonlagerstätten, die sich zur Ausbeutung für die Tonwarenindustrie eigneten. Im Umfeld der Dörfer Brühl und Rohrhof fand man eine der ergiebigsten, deshalb siedelte sich hier eine umfangreiche Ziegelindustrie an. Der Werkstoff in der Rheinebene war Lehm. Er wurde zu Ziegeln gebrannt und verbaut.

Die Ziegeleien haben über Generationen das Gesicht von Brühl und Rohrhof geprägt. Die im frühen 19. Jahrhundert überwiegend ländliche Kulturlandschaft hatte sich, mit dem ständig wachsenden Großraum Mannheim und dem damit einhergehenden hohen Rohstoffbedarf , rasant verändert. Die sieben hier vorhandenen Ziegeleien stellten jährlich 25 Millionen Steine her. Damit wurden Brühl und Rohrhof zum bedeutendsten Standort der Tonwarenindustrie. Durch ständige Verbesserungen an der Herstellungstechnik von Ziegelsteinen / Backsteinen war aus dem traditionellen Handwerk im Laufe des 19. Jahrhunderts eine industrielle Produktion entstanden. Um 1900 gab es sieben Ziegeleien:

  1. Josef Eder, später Johann Baptist Eder („IBE-Seppel“) [heute: Lindenplatz bis einschließlich Fasanerie]
  2. Jakob Eder, später Gebrüder Eder, dann Badische Ziegelwerke AG Brühl (heute: Brühler Messplatz]
  3. Heinrich Merkel, später Eduard Merkel [heute: Kirchenstraße bis Friedensstraße]
  4. Josef Triebskorn (heute: Wohnanlage Ketscherstraße]
  5. Gebrüder Meixner [heute: Ausgang Ketscherstraße]
  6. Michael Schäfer [heute: Gerüstbau Walter und ehemalige Schlosserei]
  7. J. Vorlaufer

- 1838 erwarb der Großvater von Johann Karl Merkel die „Handstrichziegelei“ mit einer Feldbrandbrennerei von Georg Hier, der nach Amerika ausgewandert war. 1868 baute Merkel die Ziegelei in der Kirchenstraße. 1877 übernahm Heinrich Merkel mit seinem Bruder Eduard das Geschäft. Sie bauten 1882 den ersten Ringofen im Gewann „Hinter dem Dorfe“ bei der heutigen Kirchenstraße, der 80.000 Backsteine fasste. Dampfmaschine und Backsteinpresse verbesserten die Tageskapazität auf 8.000 bis 10.000 Steine. 1903 wurden ein zweiter Ofen und eine zweite Presse in Betrieb genommen, so dass von da an im Jahr 5 - 6 Millionen Ziegel hergestellt werden konnten. Der Betrieb produzierte auch während des Ersten Weltkrieges und überlebte selbst die Inflation 1922/23.

Noch heute existieren Teile eines 1927 gebauten Z-Ofens, damals die modernste Ziegelei-Technik. Dieser Ofen hatte zwölf Seiten- und zwei Stirnkammern. Von der gesamten Ziegelei steht noch dieses Ofengebäude mit den zum Teil erhaltenen Trockenböden. Die Anlage war zur Bauzeit eine wesentliche Verbesserung zum Ringofen: Bei doppelter Brennkanallänge wurde ein geringerer Energieverbrauch auf gleicher Grundfläche erreicht. Allerdings war die Erstellung komplizierter und für die Ofenbeschicker waren die hohen Temperaturen in der Be- und Entladezone ungünstiger. Ein absoluter Fortschritt stellte der Einsatz elektrischer Ventilatoren dar, mit denen der Feuerfortgang kontrolliert und somit die Brennzeit wesentlich verkürzt werden konnte.

Im Winter 1941 brannten große Teile der Fabrikanlage ab, wurden aber in den folgenden Monaten wieder aufgebaut. Nach einem weiteren Großbrand wurde die Ziegelproduktion bei Merkels am 6. Mai 1968 eingestellt.

Eigentümer: 
Erbengemeinschaft
Erbauer: 
Johann Karl Merkel
Architekt: 
unbekannt
Bauzeit / Umbauten: 
1868 Johann Karl Merkel baut die Ziegelei in der Kirchenstraße, 1882 Einbau eines Ringofens, 1903 Einbau eines zweiten Ofens und einer Presse, 1927 Einbau eines Z-Ofens, 1941 Neubauten nach Brand
Quellen: 
  • Winfried Geier, Ziegeleien in Brühl und Rohrhof. Entstehung, Entwicklung und Auswirkungen, Ortsschell 14, Hg. Verein für Heimat- und Brauchtumspflege. Brühl-Rohrhof, Brühl 2010
  • Winfried Geier, Baumaterial des Aufschwungs. Die Ziegeleien, in: Brühl und Rohrhof - Das Heimatbuch: Eine Reise durch die Zeit zum 850. Jahrestag der ersten urkundlichen Nennung von "Bruowele", Hg. Verein für Heimat- und Brauchtumspflege. Brühl-Rohrhof, Brühl 2007, S. 251 - 261.
  • Ludwig Friedrich, Paul Wüst, Ralf Strauch, Brühl im Jahr 1890. Das Dorf der Backstein-Macher, in: Brühl und Rohrhof - Das Heimatbuch (op. cit.), S. 261 – 264.
  • Otto Bock, Adolf Nawrath, Johannes Fischer, Die Ziegelei: Anlage und Betrieb von Ziegeleien 7. Auflage 1955
  • Hellmut Rahlson, Die badische Industrie der Steine und Erden und ihre Arbeiter, o. O. 1903.
  • Adam Müller, Reallöhne vor und nach dem Kriege in Südwestdeutschland unter besonderer Berücksichtigung der Arbeitsmärkte im Mannheim-Ludwigshafener Wirtschaftsgebiet, o. O. 1930
  • Friedrich Schupp, Die Industrie des Bezirks der Handelskammer Heidelberg, Heidelberg 1924.
  • Martin Rudolph, Die Rheinebene um Mannheim und Heidelberg: eine Siedlungs- und Kulturgeographie, o. O. 1925 Julius Ludwig, Die polnischen Sachsengänger in der badischen Landwirtschaft und Industrie, Heidelberg 1914
  • Julius Ludwig, Die wirtschaftliche und soziale Lage der Wanderarbeiter im Großherzogtum Baden, Heidelberg 1914
Autor/in: 
Hilde Seibert / Dr. Volker Kronemayer