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Zigarrenfabrik Landfried in Dielheim

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Wohnhaus, Foto Ritter
Die Fabrik mit Schornstein, Foto: Ritter
Der Anbau von 1878. Foto: Ritter
Fabrik und Anbau von 1910, Foto: Ritter
Anbau mit Sheddächern, Foto: Ritter
Treppenhaus im Hof, Foto: Ritter
Gepflasterter Hof. Foto: Ritter
Postkarte mit allen Niederlassungen von Landfried um 1900

Ein Jahrhundert der Zigarrenindustrie begann für Dielheim mit dem Bau einer großen Fabrik durch das Heidelberger Handelshaus Landfried. Es war 1856 der erste Fabrikneubau in dem Dorf nahe Wiesloch, der mehrmals erweitert wurde. Über 400 Beschäftigte, überwiegend Frauen arbeiteten in der größten Zigarrenfabrik des Dorfes, das wie ein Magnet weitere Zigarrenfabrikanten anzog. Während in den 1960er/70er Jahren fast alle wieder geschlossen wurden, produzierte die Landfriedfabrik bis 2010 ohne Unterbrechung weiter.

Das gesamt Ensemble aus Wohnhaus, dreigeschossigen Fabrikgebäuden und einem deutlich jüngerem Backsteinanbau ist praktisch vollständig erhalten.

Straßenschild Foto: RitterEs liegt in der heutigen Landfriedstraße, die um 1856 noch Haimbachstraße hieß. Der Bach wurde 1878 verdolt und die Straße in Fabrikgasse umbenannt. Erst 1910 bekam sie den heutigen Namen Landfriedstraße.

Das zweigeschossige, weiß verputzte Wohnhaus fällt noch nicht aus dem Rahmen der üblichen Dorfbebauung. Doch das dreigeschossige Fabrikgebäude entlang der Straße sticht sofort ins Auge. Es besteht aus grob behauenen, überwiegend gelblichen Bruchsteinquadern (neun mal drei Fensterachsen); es ist grob verputzt mit einem hohen Sandsteinsockel. Da das Gebäude am Hang liegt, verjüngt sich der Sockel entsprechend der Steigung. An der Straßenseite ist ein hell abgesetzter hoher Torbogen erkennbar, der jedoch zugemauert und mit einem Fenster versehen ist. Auch einige Fenster sind zugemauert. Der Zugang zu dem Gebäude ist nur vom Hof aus möglich, der durch einen Holzzaun von der Straße geschützt ist. An der Nord-Ost-Ecke erhebt sich ein ziemlich hoher Schornstein aus dem Dach. Auf einem alten Stich ist hingegen ein klassischer Fabrikschonstein im südlichen Bereich außerhalb des Fabrik-Gebäudes eingezeichnet.

Im Hof und im umgebenden Garten steht ein weiterer, elf Fensterachsen großer Bau aus rotem Sandsteinen im rechten Winkel zum Fabrikgebäude an der Straße. Es ist offenbar der Anbau aus dem Jahr 1878 an das Fabrikgebäude. Deutlich erkennbar wurden hier andere Steine verwendet. Dieser Bau hat eigene Zugänge zum Hof, teilweise eher als Laderampen ausgestattet. Im der Ecke zwischen den beiden Gebäuden ist ein achteckiger Turmbau, der als Treppenhaus fungiert. Auf dem Stich ist erkennbar, dass er früher sogar eine Dach als Turmspitze getragen hat.

Sandstein-Türrahmen im Anbau, Foto: RitterIm teilweise gepflasterten Hof sind die Spuren von ehemaligen Schuppen noch erkennbar. Auch das Wohnhaus, das seitlich inzwischen von wuchtigen Eisenträgern gestützt wird, war ursprünglich wohl doppelt so groß, wie es der Stich erkennen lässt. Es schließt sich ein ansteigender Garten mit großen Bäumen an, vom Seitenflügel der Fabrik gab es einen direkten Zugang zum Garten.

Direkt an das Gebäude schließen sich flache, eingeschossige Erweiterungsbauten aus rotem Backstein an, die in drei Shed-Dach-Hallen übergehen. Ein mit Sandstein gefasster repräsentativer Eingang, dessen Holztüre offenbar später nach innen versetzt wurde, lässt darauf schließen, dass in diesem Anbau nicht nur produziert wurde, sondern auch ein Kontor angesiedelt war, in dem Kundschaft empfangen werden konnte.

Nicht nur durch seine Lage am Hang und in einer Straßenkurve wirkt das Ensemble unglaublich stattlich. Es ist trotz Jahre langen Leerstands in einem sehr guten baulichen Zustand. Kommt man von Süden den Hang herab, präsentiert sich das große, tadellose Dach und die Fassade mit insgesamt 14 Fensterachsen fast schlossartig. Man vermutet in einem Dorf wie Dielheim keine uralte Fabrik von diesen Ausmaßen – und man wird auch in keinem anderen Dorf eine solche finden.

Die Geschichte der Tabakfabrik ist ebenso faszinierend und in der Gemeindechronik von Harald Gomille 1998 ausführlich beschrieben.

Ansicht von Süden, Foto: Ritter

Nutzung (ursprünglich): 

Zigarrenfabrik

Nutzung (derzeit): 

Leerstand

Geschichte: 

Das Zigarrenrauchen war in der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht mehr allein den reichen Herrschaften vorbehalten. Die Herstellung von billigen Zigarren aus einheimischen Tabaken - statt der teuren mit hohen Zöllen belegten ausländischen Tabaken - entwickelte sich zu einem wichtigen Industriezweig. Wegen seiner großen Tabakfelder wurde Baden als Produktionsstandort dafür interessant. Außerdem gab es in der dicht besiedelten Gegend viele - völlig verarmte - Landgemeinden, deren Wohnbevölkerung oft kurz vor dem Auswandern stand. Billige Tabake und niedrige Lohnkosten versprachen hohe Gewinne.

Expansion in Niedriglohn-Landschaften

Ansicht von der Straße, Foto: RitterDas konnte sich auch Philipp Johann Landfried ausrechnen, der 1810 in Heidelberg ein Ladengeschäft für Landprodukte in der Heidelberger Hauptstraße gegründete und dort neben Kolonialwaren und Gewürzen auch Roh- und Rauch-Tabak verkaufte. Zunächst kaufte er 1846 ein altes Schloss in Rauenberg (ca. 18 km von Heidelberg entfernt) und ließ dort Zigarren und Rauchtabak produzieren. Innerhalb weniger Jahre errichtete Landfried in vier nahe gelegenen Landgemeinden – Dielheim, Roth, Mühlheim, Kronau – weitere Zigarrenfabriken. Erst ca. 50 Jahre später baute Landfried den großen Fabrikkomplex in Heidelberg. (Siehe Postkarte mit allen Niederlassungen)

Neubau der Fabrik in Dielheim: Frauen- und Kinderarbeit

Landfried eröffnete 1856 mit 250 Arbeiterinnen und Arbeitern die erste Zigarrenfabrik in Dielheim. Sie blieb für 15 Jahre auch die einzige, erst danach kamen etliche weitere Zigarrenfabriken hinzu.  In dem „rein agrarisch strukturierten und völlig überbevölkerten Dielheim ließen sich leicht Arbeitskräfte finden… So war man froh, trotz eines 14- oder 16 Stundentage und einer Sieben-Tag-Woche im Dorf eine Verdienstmöglichkeit gefunden zu haben.“ (Gomille S 401). Auch viele Schulkinder arbeiteten bei Landfried, wie die Amtsinspektion 1857 feststellte. Lohn wurde nur für vollkommen fehlerfreie Zigarren gezahlt.

1871 waren ca. 400 Arbeitskräfte beschäftigt, etwa die Hälfte Frauen. Deren Anteil sollte sich in den folgenden Jahrzehnten bis auf 90% steigern. 1878 erweiterte Landfried die Fabrik um einen weiteren dreigeschossigen Flügel, der immerhin eine Ventilationseinrichtung hatte. Der Tabakstaub war und ist sehr gesundheitsgefährdend.

"Transitfabik" und Tabakplantagen in den Kolonien

Das Tansit-Tor. Foto: Ritter1882 kam Landfried auf eine besondere Idee der Steuervermeidung: eine sogenannte „Transitfabrik“: Unter ständiger Aufsicht eines Steueraufsehers arbeiteten in einer eigens eingerichteten Abteilung etwa 100 Beschäftigte mit überseeischen Tabaken, die zollfrei durch ein eigenes Tor angeliefert wurden und die die Fabrik dort als fertige Exportzigarren auch wieder verließen. – die erste und einzige „Transitfabrik“ in Deutschland. (Gomille 404). Ort des trickreichen Durchgangs ist dabei der erhaltene helle Torbogen zur Straße. Gomille macht keine Angaben dazu, wie lange diese „Transitfabrik“ funktionierte. Dass sie jedoch die einzige in Deutschland geblieben sei, spricht eher gegen das Modell. Das sorgfältig zugebaute Tor und die Art es eingelassenen Fensters lassen darauf schließen, dass die Transitfabrik wohl noch von 1900 beendet wurde.

Die Dimensionen, in denen Landfried um 1900 wirtschaftetet waren andere: In Heidelberg zog Landfried im Sommer 1900 in die große neu gebaute Fabrik in Bergheim in der Nähe des Schlachthofs.

Außerdem erschlossen sich für deutsche Tabakhändler und -hersteller durch Kolonien neue Möglichkeiten, Gewinne zu optimieren. Etwa um 1910 gründete die Firma Landfried ihre erste Tabakplantage für Zigarrentabake mit 7.000 Hektar in Kamerun. „Die Produktion in einer deutschen Kolonie bot aus handelspolitischen Gesichtspunkten viele Vorteile: der Gerichtsstand war in Deutschland, es gab keine Probleme mit der Währungskonversion, von der Regierung war Unterstützung zu erwarten, weil die Kultivierung des Landes in den Kolonien eine kolonialpolitische Priorität war.“ (Koloniale Spuren in Heidelberg, siehe Webseite).

Boom um 1900 und "bessere" Arbeitsbedingungen

Anbau von 1910, Foto: RitterWährend das Zigarrengeschäft boomte, verbesserten sich die Arbeitsbedingungen nur langsam. Es waren zu besseren Belüftung der Arbeitsräume nun hohe Fenster vorgeschrieben. Landfried führte eine Betriebskrankenkasse ein. Kinderarbeit war offizielle verboten – die Vergabe von Heimarbeit blühte stattdessen. Es gab eine gewerkschaftliche Vertretung – in Dielheim war es vor allem der Verband Christlicher Tabakarbeiter. Männer verdienten 2 Mark am Tag, Frauen für dieselbe Arbeit 1,5 Mark. Um 1910 baute Landfried in Dielheim einen Erweiterungsbau – den ebenerdigen Backsteinsteinbau mit Sheddächern.

Auswirkungen der Kriege: Zünder statt Zigarren

Der erste Weltkrieg unterbrach den Boom in der Zigarrenindustrie einschneidend. Auch die Kolonien waren verloren. Doch schon 1922 war der Beschäftigungsstand der Vorkriegszeit wieder erreicht. Wegen der Erhöhung der Tabaksteuer griffen 1927 die großen Betriebe zur Aussperrung ihrer Beschäftigten - als Protest gegen die Regierung. Außerdem ging der Zigarrenkonsum zurück. Kündigungen wurden ausgesprochen, der Lohn sank. Unter der NS-Herrschaft wurde der Tabak kontingentiert, was weitere Entlassungen zu Folge hatte. Im Krieg wurde gar auf die Herstellung von Zündern für Granaten umgestellt. „wobei viele Überstunden abzuleisten waren“ (Gomille S. 409).

Die Beteiligung an der Waffenindustrie war nach dem Krieg der Grund für die vorübergehende Schließung der Landfried-Fabrik durch die amerikanische Militärverwaltung. 1946 gab es noch 7 Zigarrenfabriken im Dorf, doch das Produktionsvolumen war nur gering. Landfried produziert mit nur noch 96 Arbeitskräften im obersten Stock des Fabrikgebäudes. Einer Vermietung der restlichen Räume widersetzte sich der Betrieb. Die Rauchgewohnheiten veränderten sich in der Nachkriegszeit rasch: Zigaretten war jetzt gefragt. Kleinere Zigarrenfabriken erhielten vom Staat Stilllegungsprämien. 1957 gab es nur noch drei Zigarrenproduzenten in Dielheim.

Das Ende hochwertiger Nischenprodukte

Fabrikgebäude von 1856, Foto: Ritter1978 war Landfried die letzte Zigarrenfabrik in Dielheim und gleichzeitig der einzige noch produzierende Filialbetrieb der Firma Landfried. In Kronau war der Betrieb schon 1962 zum Erliegen gekommen, in Rauenberg 1970, und sogar die große Heidelberger Fabrik hatte bereits 1975 die Produktion eingestellt.

Mit einer Belegschaft von zehn Beschäftigten wurde der Betrieb in Dielheim für hochwertige Spitzenprodukte weitergeführt. Sogar die Zigarrenkistchen aus Zedernholz wurden in Dielheim für entsprechend begüterte Abnehmer hergestellt. Doch 2010 wurde auch diese Nischenproduktion aufgegeben.

Die Firma Landfried konzentriert sich seither auf die Verwaltung und Vermarktung ihrer Immobilien. Das Rauenberger Schloss wird u.a. durch das Winzermuseum genutzt. Es ist nach wie vor im Besitz der Firma Landfried, ebenso der Fabrik-Komplex in Heidelberg, der vielseitig neu genutzt wird. Die Fabrik in Dielheim wurde 2016 verkauft.

Erbauer: 
Landfried
Bauzeit / Umbauten: 
1856, 1878, 1910
Quellen: 
Autor/in: 
Barbara Ritter, Dez.2017