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Autobahntankstellen mit Straßenmeisterei in Mannheim-Seckenheim/Friedrichsfeld

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Tankstelle Elsa-Brandstöm-Straße, Foto 2007
Tankstelle Suebenstraße (Ostansicht)
Tankstelle Suebenstraße 11
Tankstelle Suebenstraße (Detail)
Mannheim-Suebenheim, Straßenmeisterei, Giebel
Mannheim-Friedrichsfeld, Kraftwagenhalle 2009
Mannheim-Suebenheim, Straßenmeisterei, Giebel und Langseite
Kraftwagenhalle an der Autobahn von Paul Schmitthenner um 1940
Mannheim-Suebenheim, Straßenmeisterei, Eingangstür
Mannheim-Suebenheim, Straßenmeisterei, Einfahrtstor
Mannheim-Suebenheim, Straßenmeisterei, Logo Fa. Sursum
Paul Schmitthenner, Kraftwagenhalle an der Autobahn
Seckenheim, Wagenhalle der Straßenmeisterei, Zeichnung Paul Schmitthenner
Suebenheim Autobahntankstelle um 1950
Mannheim-Suebenheim, Kraftwagenhalle, Ansicht und Schnitt um 1940
Mannheim-Suebenheim, Straßenmeisterei, Rückansicht
Mannheim-Suebenheim, Straßenmeisterei, innen Reparaturgrube
Mannheim-Suebenheim, Straßenmeisterei, innen Sicherungsschrank Fa. Sursum
Mannheim-Suebenheim, Straßenmeisterei, Wohn- und Verwaltungsgebäude
Mannheim-Suebenheim, Autobahntankstelle, Verwaltungs- und Wohngebäude von Paul Schmitthenner, Foto um 1940
Mannheim Suebenheim-Friedrichsfeld, Autobahntankstellen 1949
Paul Schmitthenner (Zeichnung von Gerhard Marcks).jpg

Der Autobahnbau brachte im Gebiet zwischen Mannheim und Heidelberg in den 1930er Jahren die wohl umfassendste "Flurbereinigung" der beiden Städte mit sich. Die Eigentümer von Grund und Boden konnten dem Erwerb durch das Reich keinen Widerstand entgegen setzen.

Die Autobahnen erhielten eine einheitliche Breite von 24 m. Die Fahrbahnbreite betrug jeweils 7,50 m; Mittelstreifen und Befestigungen zusammen 9 m. Als Belag wählte man große Betonplatten mit Dehnungsfugen. Nur bei verkehrsmäßig stärker beanspruchten Flächen wurde aus Gründen größerer Elastizität Bitumen verwendet. Die bei Seckenheim untergebrachte Reichsautobahnprüfstelle "Schwarze Decke" überwachte die Qualität des Bitumenbelags.

An der Anschlussstelle Mannheim-Seckenheim/Friedrichsfeld stehen zwei Tank- und Raststationen mit ihren Schmalseiten torartig gegenüber. Diese besondere städtebauliche Lage kennzeichnet die beispielhafte Bedeutung der beiden Bauwerke. Die Satteldächer der längsrechteckigen, giebelständigen Gebäude sind mit Biberschwanzziegeln gedeckt. An der Straßenseite befindet sich der offene, auf Stützen ruhende Tankraum. Rückwärtig beherbergte das Tankstellengebäude jeweils den Kassen- und Verkaufsraum sowie die Wohnung für den Tankwart. Die eingeschossige Kraftwagenhalle in unmittelbarer Nähe der nördlichen Tankstelle misst 56 m Länge und ca. 15 m Breite. Hier werden die Räum- und Streufahrzeuge der Straßenmeisterei untergebracht sowie repariert. Auf kleinerer Fläche verfügt das Gebäude darüber hinaus noch über einen Waschraum sowie Büro- und Sozialräume. Als Baumaterial verwendete man graugelbe Backsteine und graurote Dachziegeln aus benachbarten Tongruben. Besonders auffällig sind an allen drei Gebäuden die Eisenanker an den Stirnseiten, die Schmitthenner zur Verankerung der Dachstühle und Giebel einzeichnete. Bei den beiden Tankstellen handelt es sich um im sogenannten Heimatschutzstil errichtete Typenbauten, bei denen formal-ästhetische Kriterien wie Lage in der Landschaft, bodenständiges Material und handwerkliche Gestaltung in den Vordergrund rückten. Da Stahl und Holz für die militärische Aufrüstung benötigt wurden, kommen diese beiden Werkstoffe nur sehr sparsam zur Anwendung. Um für die großen Wagenhallen entlang der Autobahn eine Holz sparende Dachkonstruktion zu ermitteln, testete der Architekt neue Zimmermannskonstruktionen mit speziellen Leichtholzbindern aus. Die üblichen Holzquerschnitte der Binder im Zimmerhandwerk konnten mittels des Ingenieurholzbaus durch knappere Abmessungen ersetzt werden, während die langen Streben, Bundsparren und Zangen ihre Maße beibehielten.

Nutzung (ursprünglich): 

Tank- und Raststation; Kraftwagenhalle für Räum- und Streufahrzeuge, Waschraum, Schmiede, Werkstatt

Nutzung (derzeit): 

Lagerstätte; die südliche Tankstelle auf Friedrichsfelder Gemarkung wird durch das Technische Hilfswerk genutzt; die nördliche Tankstelle und die Kraftwagenhalle durch die Straßenmeisterei

Geschichte: 

Als erste Autostraße Europas ist die 1921 dem öffentlichen Verkehr übergebene AVUS (Automobil-Verkehrs- und Übungsstraße) in Berlin zu werten, die bei Baubeginn 1913 zunächst noch dem Autorennen vorbehalten war. 1925 schlossen sich Unternehmer und Wissenschaftler zur "Studiengesellschaft für Automobilstraßenbau" zusammen, um ein Fernstraßennetz für Deutschland zu erarbeiten. Die Idee, Straßen nur für den Autoverkehr zu bauen, wurde auch von anderen Initiatoren forciert, z.B. von der Nordbadischen Autostraßen-Gesellschaft mbH oder dem Verein zur Vorbereitung einer Autostraße Hansestädte - Frankfurt - Basel (HAFRABA). Bauwirtschaft und Baustoffindustrie versprachen sich hierdurch profitable Aufträge. Doch konnte während der Weltwirtschaftskrise bis 1932 nur die Strecke Köln - Bonn fertiggestellt werden. Nach der Machtübernahme 1933 wurde Fritz Todt zum "Generalinspektor für das deutsche Straßenwesen" ernannt. Schon am 11. Februar 1933 hatte Reichskanzler Adolf Hitler anlässlich der Eröffnung einer Automobilausstellung in Berlin sein Programm zur "Volksmotorisierung" verkündet. Das Gesetz über das "Unternehmen Reichsautobahn" vom 27. Juni 1933 sicherte die rechtliche Grundlage. Am 23. September 1933 vollzog Adolf Hitler in Frankfurt an der Mainbrücke den ersten Spatenstich für das geplante Vorhaben. Als erstes Teilstück auf Grundlage der Pläne der HAFRABA wurde im Mai 1935 die Strecke Frankfurt - Darmstadt (heutige A 67) dem Verkehr übergeben.

Die heutige A 656 Heidelberg - Mannheim konnte Ende 1935 fertiggestellt werden. Adolf Hitler besichtigte die Bauarbeiten am 26. September 1935 von der Seckenheimer Autobahnbrücke aus, bevor der Teilabschnitt am 3. Oktober offiziell dem Verkehr übergeben wurde.

Auf den im Jahre 1933 entlassenen Leiter des Mannheimer Tiefbauamtes Adolf Elsässer geht die Streckenführung zurück, die einen Kompromiss im Anschluss der beiden Städte Heidelberg - Mannheim fand. Von Norden führt die Trasse 3,5 km östlich an Mannheim sowie 3,5 km westlich an Heidelberg vorbei. Der älteste Streckenabschnitt besteht demzufolge aus dem heutigen Verlauf der A 6 über die A 656 zur A 5. Als jeweilige Anschlüsse entstanden kreuzungsfreie Autobahndreiecke.

Die sechs Straßenmeistereien im heutigen Baden-Württemberg wurden ab 1937 eingerichtet. Sie gewährleisteten zu jeder Jahreszeit die Verkehrssicherheit und boten den Reisenden Tank- und Rastmöglichkeit. Die Mannheimer Anlage nach Entwürfen des Stuttgarter Architekten Paul Schmitthenner besteht aus einer Wagenhalle sowie zwei Tank- und Raststationen. Schmitthenner entwarf an der Autobahn Frankfurt - Basel neben dem Mannheimer Autobahngehöft nur noch die Straßenmeisterei Karlsruhe-Durlach. Der Architekt gehörte neben Paul Bonatz und Paul Schultze-Naumburg zu den vom NS-Staat besonders geförderten Architekten der Stuttgarter Schule. Paul Bonatz, künstlerischer Berater des Generalinspektors Fritz Todt, hatte Schmitthenner 1938 für die Hochbauten der Autobahn empfohlen.

Nach Zwischennutzungen durch die Johanniter-Unfallhilfe und das Technische Hilfswerk hat sich eine avisierte Industrieansiedlung auf dem Areal der südlichen Tankstelle an der Elsa-Brandström-Straße nicht realisiert. Derzeit stellt die Stadt Mannheim einen Bebauungsplan für das betreffende Gebiet mit Gewerbeflächen auf, bei dem die Erhaltung des technischen Denkmals langfristig gesichert ist. Die nördlich der Autobahn liegenden historischen Gebäude werden auch weiterhin von der Straßenmeisterei genutzt.

Eigentümer: 
Bundesrepublik Deutschland, vertreten durch die Bundesfinanzverwaltung bzw. Bundesstraßenverwaltung
Erbauer: 
Gesellschaft Reichsautobahn (Körperschaft des öffentlichen Rechts/Zweigunternehmen der Deutschen Reichsbahn)
Architekt: 
Paul Schmitthenner (Lauterburg 1884 - München 1972).
Bauzeit / Umbauten: 
1938-39
Quellen: 

Wilhelm Stortz und Paul Schmitthenner: Wagenhallen an der Reichsautobahn, in: Der Deutsche Baumeister, 1/1939, S. 23-27

Paul Schmitthenner: Zwei Wagenhallen von Straßenmeistereien an der Reichsautobahn. Ein Beitrag zum landschaftsgebundenen Bauen, in: Moderne Bauformen. Monatshefte für Architektur und Raumkunst, 1942, S. 241-244, 263

Hanspeter Rings: Die Reichsautobahn - Monument der Stärkde? in: Architektur in Mannheim 1918-1939, bearb. von Monika Ryll, Mannheim 1994, S. 200-213

Schönheit ruht in der Ordnung. Paul Schmitthenner zum 100. Geburtstag. Ein Gedenkbuch, hrsg. von Gerhard Müller-Menckens, Bremen 1984, S. 15

Wolfgang Voigt, Hartmut Frank: Paul Schmitthenner 1884-1972, Tübingen, Berlin 2003, S. 162

Mannheim und seine Bauten 1907-2007, bearb. von Andreas Schenk, Bd. 4, Mannheim 2004, S. 20-21

Gerd Dahms (Hamburg): Die Tankstellen der Autobahnmeisterei Mannheim-Seckenheim (Gutachterliche Stellungnahme November 2007)

Autor/in: 
Monika Ryll, Barbara Ritter