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Capitolkino Mannheim

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Capitolkino, Fassade um 2010, FB Stadtplanung Norbert Gladrow
Capitol Mittelteil mit expressionistischer Klinkermauerung
Capitol Querschnitt
Capitol Grundriss

In Mannheim ist mit dem 90 Jahre alten Capitolkino in der Neckarstadt ein überaus schönes Beispiel expressionistischer Klinker-Architektur erhalten geblieben.

Der fünfgeschossige Klinkerbau mit Flachdach verhüllt eine Eisenbetonkonstruktion. Den gerundeten Mittelteil, hinter dem sich der Kinosaal befindet, flankieren flügelartig zwei im stumpfen Winkel abgeschrägte Seitenteile. Am konvexen Mittelteil weisen der Farbwechsel der Klinker und die unterschiedliche zackenförmige Vermauerung der Steine unterst des obersten Geschosses sowie die Lisenen, denen kleine Säulen ("Dienste") vorgelegt sind, auf eine für die damalige Zeit sehr moderne expressionistische Architekturauffassung des Entwurfes.

Die den Saal überspannende Kuppel wurde im damals recht neuen Torkretverfahren (Betonspritzverfahren) hergestellt. Die statische Berechnung hierfür und für den ganzen Bau fertigte Dipl.-Ing. A. Waltz aus Mannheim an, der sein Büro in M 2,15a hatte. Das Bühnenportal mit schwarzen und weißen Feldern sowie die zweieinhalb Meter großen rotgetönten Skultpuren stammen von dem Stuttgarter Bildhauer Eugen Schwab. Der Zuschauerraum ist für 1100 Personen ausgelegt. Die Logen sind vom Foyer über Treppen zu erreichen.

Nutzung (ursprünglich): 

Kino

Nutzung (derzeit): 

Veranstaltungsstätte (ohne Filmvorführungen)

Geschichte: 

Mit dem Union-Theater in P 6,20 wurde in Mannheim im Jahre 1906 das erste Lichtspielhaus eröffnet. Eigentümer war die Projektions AG, eine Frankfurter Filmgesellschaft, an der u.a. das Mannheimer Bankhaus Hohenemser beteiligt war. Es folgten weitere "Cinematographentheater" in kurzer Zeit; das größte mit ca. 2000 Plätzen war der 1911 in N 7,7 entstandene Saalbau. Am Ende der Weimarer Zeit zeigten mehr als 20 Kinos mit über 12000 Sitzplätzen die neuesten Filmproduktionen. Auf 23 Einwohner kam ein Kinoplatz. Mannheim lag damit an der Spitze des deutschen Filmtheaterwesens und konnte klangvolle Namen aufweisen: Gloria in der Schwetzingerstadt, Lili (Lindenhof-Lichtspiele), Pali (Palast-Lichtspiele, in dem in Mannheim im Oktober 1928 der erste Tonfilm vorgeführt wurde) in J 1, Palasttheater in Seckenheim, Theater im Pflug in Feudenheim, Regina-Lichtspiele in Neckarau, Alhambra in P 7, Odeon in G 7 (seit 1928) oder Universum in N 7.

Den städtebaulich und architektonisch bedeutendsten Kinokomplex stellt aber das Capital in der Neckarstadt dar. Der Kinobetreiber Georg Müller ersetzte im Jahre 1927 den 1911 in der Mittelstraße erbauten Theatersaal Colosseum, das sogenannte Müllerle, durch den Neubau am Eingang der Waldhofstraße. Der Bauherr hatte seinem Architekten, dem auf Planung und Ausführung von Lichtspielhäusern spezialisierten Stuttgarter Paul Darius (1893-1962) keinerlei Vorschriften gemacht, wenngleich der Kinobau eine für die damalige Zeit völlig neue Bauaufgabe war. Lediglich das Nutzungsprogramm wurde mit 1100 Sitzplätzen, vier Wohnungen im Keller sieben Kegelbahnen festgelegt.

Die Einweihung fand am 30.12.1927 mit dem Murnaufilm "Sonnenaufgang" statt. 1996 schlossen die Tore des Kinobetriebs für immer. Seitdem wird die Veranstaltungsstätte für Konzerte, Lesungen oder Seminare genutzt. Im Dezember 2016 erwarb die Capitol-Stiftung das Gebäude von dem ehemaligen Kinobetreiber Dieter Spickert. Nach Sanierung soll es als Veranstaltungsstätte wiedereröffnet werden.

Eigentümer: 
Capitol Stiftung, Geschäftsführer Thorsten Riehle
Erbauer: 
Georg Müller
Architekt: 
Paul Darius (Stuttgart)
Bauzeit / Umbauten: 
Einweihung am 30.12.1927
Quellen: 
  • Paul Darius: Drei Lichtspieltheater: Heidelberg, Mannheim, Schramberg, in: Deutsche Bauzeitung Nr. 40/41 vom 18.5.1929, S. 355ff.
  • Barbara Kilian: Mannheim, die fimfreudige Stadt, in: Architektur in Mannheim 1918-1939, bearbeitet von Monika Ryll, Mannheim 1994, S. 140ff.
  • Monika Ryll: Expressionistische Architektur in Mannheim zwischen den Weltkriegen, in: Mannheimer Geschichtsblätter 32/2016, S. 123.
Autor/in: 
Monika Ryll