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Die Ebertsiedlung in Ludwigshafen

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Rundung am Platz
Brunnen und Durchfahrt
Durchfahrt von der Ebertstraße in den Schmuckhof um 1929 (Qulle: GAG)
1930: Beheizte Planschbecken für die Kinder der Siedlung (Quelle GAG)
1929: nördlicher Spielhof, Farkbkontrast zwischen Turm und Bockbauten (Quelle GAG)
1929: Blick durch die Ebertstraße (bitte vergrößern!) Quelle GAG
1930 Konsumverein an der Ecke Ebert-/ Hohenzollernstraße (Quelle GAG)
1928: Maschinenraum der Zentralwaschküche (Quelle GAG)
1928: Bügel- und Trockenraum, rechts die Trockenschränke (Quelle GAG)
1930: Planschbecken und Wasserspender "Max" im südlichen Spielhof (Quelle GAG)
Ebertsiedlung 2004
Ebertsiedlung 2009 frisch renoviert (Bild GAG)
Kastanienallée zwischen den Bauten
Vergleich vor und nach Sanierung (bitte vergrößern!)
Vergleich vor und nach der Sanierung eines Eckturms (vergrößern!)
Blockbebauung und Türme im Wechsel

Die Großsiedlung des „Neuen Bauens“ aus den 1920er Jahren war und ist technisch und architektonisch herausragend. Wenn auch viele der bauzeitlichen Einrichtungen nicht mehr erhalten sind, so wird der Siedlung noch heute außergewöhnliche individuelle und soziale Gebrauchsfähigkeit und Akzeptanz zugesprochen.

Die denkmalgeschützten Bauten mit ihren 713 Wohnungen wurden durch die GAG Ludwigshafen am Rhein (Erbauer und Eigentümer) kürzlich energetisch saniert. Sie wurden bis 2011 für rund 39 Millionen Euro modernisiert, ohne ihren alten Charme zu verlieren.

Am Haupteingang des Ebertparks mit seinem Sternbassin öffnet sich die Ebertsiedlung repräsentativ in einem Halbrund mit klaren Linien und völlig schnörkellos. Ecktürme betonen die Anlage, der Platz wirkt dagegen leider etwas trist. Die Ebertstraße läuft als schnurgerade Kastanienallee durch die symmetrisch angeordnete Siedlung, die sich auf ca. 300 Meter mit 3-geschossigen Wohnblocks mit flach geneigten Sattel-Dächern erstreckt, die immer wieder durch Türme mit 5 Stockwerken und Flachdächern gegliedert ist.

Auf halber Strecke rechts und links führen monumentale Durchfahrten von 10 Meter Höhe mit je vier Pfeilern in großzügige Höfe und zu weiteren Bauten. Jeweils an den Ecken strukturieren „Türme“ die Wohnblöcke.

Die insgesamt sechs parkähnlichen Höfe sind unterschiedlich gestaltet, in einem befindet sich ein Goldfischbecken, in anderen gibt es noch Schrebergärten und Garagen. Die sanierten Gebäude haben Balkone zur Hofseite bekommen.

Die Fassaden zur Hof- und Straßenseite sind gleichwertig gestaltet. Senkrechte Fensterbänder der Treppenhäuser gliedern die helle Fassade, die ansonsten durch die liegenden Fenster stark waagrecht betont sind. Der für den Stil des „neuen Bauens“ charakteristische „Eckknick“ der Fenster gestaltet die Ecken der Türme. Gestuftes Gesims unter dem wenig überragenden Dachansatz, flache Dächer ohne Aufbauten und Kamine geben der Anlage enorme Großzügigkeit. Die Eingänge, Türen und Fensterlaibungen sind farblich abgesetzt und dem Original weitgehend nachempfunden.

Als die Siedlung Ende der 1920er Jahre gebaut wurde, war sie deutschlandweit führend in Technik, Ausstattung und Gestaltung. Sie bot ihren Mietern allen Komfort in den verhältnismäßig großen Wohnungen mit Zentralheizung, Einbauschränken und Bad. In die Anlage intergriert waren außerdem ein Kindergarten und beaufsichtigte Spielhöfe mit Planschbecken (in denen nur Kinder aus der Siedlung spielen durften), Schmuckhöfe, eine Radioempfangsstation, eine Zentral-Waschküche mit Trockenräumen, Läden, ein Konsumverein und eine Polizeistation. Es gab eine Eckkneipe mit einer Abzugshaube für den Zigarrendunst über dem Stammtisch und es waren sogar zwei Künstlerateliers eingeplant.

Der Herbert- Müller- Platz, das Halbrund gegenüber dem Park, ist benannt nach dem Friesenheimer KPD-Landtagsabgeordneten und Widerstandkämpfer, der nach der Rückkehr aus dem Exil in der Siedlung wohnte und in der BRD für die SPD Stadtratsmitglied und Landtagsabgeordneter war. Benannt ist die Siedlung nach dem Sozialdemokratischen Reichspräsidenten Friedrich Ebert (1871-1925). Im Dritten Reich wurde sie für einige Jahre in "Hindenburgsiedlung" umgetauft.

Die optische Verlängerung der Ebertstraße führt durch die wenige Jahre ältere Fichtesiedlung zur Lutherkirche, die ebenfalls in den 20er Jahren in dieser runden Form konzipiert wurde (ihre heutige Form ist ein Wiederaufbau aus den 50er Jahren).

Nutzung (ursprünglich): 

Wohnsiedlung

Nutzung (derzeit): 

Wohnsiedlung

Geschichte: 

Wohnungsnot und Wirtschaftskrise kennzeichnen die 1920er Jahre- Besonders nach dem ersten Weltkrieg herrschte in der aufstrebenden Industriestadt Ludwigshafen große Wohnungsnot.

  • 1920: Die „Gemeinnützige Aktiengesellschaft für Wohnungsbau (GAG)“ wird durch die Stadt Ludwigshafen und die Industrie gegründet. Markus Sternlieb ist als Stadtoberbaudirektor und als erster technischer Vorstand der GAG tätig ( 1926 - 1933 hauptamtlich).
  • 1923/24: Die GEWOGE errichtet die Fichtesiedlung für Werksangehörige der BASF in der Nähe des Werkes (in der Verlängerung der Ebertstraße).
  • 1924/25: Der Ebertpark wird für die „Süddeutsche Gartenbauausstellung“ im Rahmen eines Notstands-Arbeitsbeschaffungsprogramms angelegt. Die Freifläche wird mit Kies aus dem Willersee für Straßen und Baufläche aufgeschüttet, um das von Überschwemmungen bedrohte Gebiet bebauen zu können. Die Ebertsiedlung galt als erstes Großprojekt auf der Grundlage des „Neuen Bauens“.
  • März 1927: Grundsteinlegung. 1929: 415 von 615 geplanten Wohnungen (60-110 qm groß), die Zentralwaschküche und das Heizkraftwerk sind fertig gestellt.
  • 1930: Der Baustopp für große komfortable Wohnungen aufgrund der Brüningschen Notverordnungen lässt die Siedlung zunächst unvollendet.
  • 1935/35: Ein Wohngebäude wird als Solitärbau an der süd-östlichen Seite („Schlössel“) in historisierender Weise erbaut, da der Stil „Neuen Bauens“ in der NS-Zeit (zumal durch den jüdischen Architekten Markus Sternlieb geplant) abgelehnt wurde.
  • 1936: Umbenennung in Hindenburgsiedlung. Nach einem Führerbesuch („Trauben von Menschen hingen in den Bäumen. Sie jubeltem ihm zu“) wird die Ebertstraße in Adolf-Hitler-Straße umbenannt.
  • 1944: Im September werden große Teil der Siedlung und vor allem die Infrastruktur durch Bombardierung zerstört.
  • 1953/54: Häuserblöcke in der Benzstraße, Erzberger Straße und Ernst-Lehmann-Straße werden mit Orientierung an den originalen Plänen erbaut, jetzt jedoch mit Eisenrohrbalkonen und kleineren Wohnungen.
  • Ende der 1960er Jahre: Sozial schwache Bewohner aus dem Sanierungsgebiet Hemshof werden in Teile der Ebertsiedlung umgesetzt; in der Folge gerät diese in den Ruf eines Problemviertels.
  • 1980er Jahre: Modernisierungskampagne, Heizungen und Fenster werden ausgetauscht.
  • 1996: Die Siedlung wird unter Denkmalschutz gestellt (städtebaulich, technisch und künstlerisch wertvoll).

Seit 2003: Klimafreundliche Sanierung beginnt, Loggien werden zugunsten einer Vergrößerung der Bäder geschlossen, Ständer-Balkone auf der Hofseite werden angebaut, Wohnungen werden durch Zusammenlegen vergrößert.

Historische Ausstattung: 2-4 Zimmer, Küche, Bad, Loggia (= innen liegender Balkon), jeweils zwei Wohnungen auf jedem Stockwerk. Bad: 4,5 qm, weiß gekachelt, WC, Badewanne, Brause mit Mischbatterie, fließendes Warmwasser und ein Spülbecken.

Küche: 11-15 qm, auch als Wohnküche nutzbar, Einbauschränke, belüfteter Schrank unter dem Fenster, mit Linoleum bezogene Arbeitsfläche, Boden aus rotem Steinholzmaterial, eingebauter Gasherd und eingebaute Spüle, Oberschränke und Besenschrank.

Wohnräume mit braunem Linoleum ausgelegt. Heizkörper aus Gusseisen Musterwohnungen zeigten, wie die Wohnungen zeitgemäß mit modernem Mobiliar ausgestattet werden konnten: z.B. den von Mies van der Rohe entworfenen "Freischwinger" - Stahlrohrstuhl B42 mit gebogenen Kufen - , der heute noch ein Designklassiker ist oder die vom Bauhausschüler Tümpel entworfene Zug-Kugelleuchte S533.

Gemeinschaftseinrichtungen:
Das Fernheizwerk: Das Werk, ab 1928 in Betrieb, war hinter dem Ebertpark gelegen und führte 280 Grad heißen Dampf heran zur Heizzentrale und Umformerstation, die sich unter der Zentralwaschküche befand. Die Heizanlage stammte von der Mannheimer Firma Sulzer Centralheizungen GmbH. Das Heizwerk wurde 1944 zerstört. Seither wurden Einzelöfen genutzt oder Gasetagenheizung; Kamine entstanden auf den Dächern. Erst seit kurzem gibt es in der sanierten Ebertsiedlung wieder Fernwärme.

Zentrale Waschküche: Der heiße Dampf trieb auch die Turbinen für Pumpen und Maschinen der Wäscherei an. 480 Familien konnten dort jeweils einmal im Monat für 4 RM waschen. Es gab zum Einweichen über Nacht Tröge in abgeschlossenen Kojen, Waschtrommeln und Schleudern, Trockenkulissen mit Ausziehschränken und zirkulierender Warmluft, 2 Bügelräume mit großen elektrischen Wäschemangeln. Die Waschküche wurde 1944 ebenfalls zerstört, Anfang der 1960er wieder kleiner aufgebaut, war jedoch aufgrund der aufkommenden Waschmaschinen für jeden Haushalt nicht lang in Betrieb.

Radioempfangsstation: Radios waren eine Seltenheit und es gab nur wenige Sender. Über eine spezielle Steckdose für einen Lautsprecheranschluss in jeder Wohnung konnte die Sendung empfangen werden. Für 2 RM pro Monat konnten die Geräte ausgeliehen werden. Nach 1933, mit der Verbreitung der Volksempfänger, erlahmte das Interesse an den siedlungseigenen Sendungen.

Kinderbetreuung: Zwei Spielhöfe mit großen, flachen Wasserbecken (im Winter Schlittschuhbahn), mit WC im Gerätepavillon, einer schattigen Pergola, einer riesigen Spielwiese und einer offiziellen Aufsicht für die Kinder standen zur Verfügung. Ein Fröbelscher Kindergarten im Querbau des nordwestlichen Schmuckhofes gehörte zu den Angeboten. Damals waren Kindergärten rar und neuartig.

Straßenbahnanschluss und Nahversorgung: Die Straßenbahn durch die Ebertstraße existierte schon vor dem Bau der Siedlung, das Rondell gegenüber dem Parkeingang war gleichzeitig die Wendeschleife für die Straßenbahn (, die heute dort nicht mehr fährt). In der Siedlung gab es einen Konsumverein, der alle notwenigen Lebensmittel anbot und 17 weitere Verkaufsläden für den täglichen Bedarf.

Erstbezieher:
Die Siedlung wurde für den Mittelstand konzipiert, nicht für einfache Arbeiterfamilien. Z.B. wohnten 1930 dort 105 Kaufleute 45 Studienräte, 30 Techniker, 27 Meister, 19 Obersekretäre, 15 Chemiker und ihre Familien. Mieten waren verhältnismäßig hoch, wurden 1932 gesenkt und in der NS-Zeit wieder erhöht. Trotzdem war und ist die Fluktuation gering. Obwohl mit vielen sozialdemokratischen Errungenschaften ausgestattet, haben die Mieter der Siedlung schon im Jahr 1932 überdurchschnittlich stark die NSDAP gewählt.

Historisches Aussehen der Bauten:
Die historischen Schwarz-weiß-Fotografien legen eine andere Farbgebung nahe. Die Türme hatten andere Farben als die Blocks, die Spiel- und Schmuckhöfe unterschieden sich in der Farbzusammenstellung. Die Fenster waren dreigeteilt und hatten jeweils drei Quersprossen. Zwischen den Schmuckhöfen und Spielhöfen gab es Pfeilerdurchfahrten. Die Hauseingänge waren mit markanten Quadern aus mit der Hand nachbearbeitetem Betonwerkstein betont. Die Fenstersimse ragten weiter aus der Fassade heraus als heute, da die Fassade jetzt durch Dämmmaterial aufgefüttert ist. Die heutigen Verzierungen der Eingansgtüren sind den Originalen weitgehend nachempfunden.

Eigentümer: 
GAG Ludwigshafen am Rhein, Aktiengesellschaft für Wohnungs-, Gewerbe- und Städtebau
Erbauer: 
GAG (damals „Gemeinnützige Aktiengesellschaft für Wohnungsbau“ benannt)
Architekt: 
Hermann Trum, Wilhelm Scholler, Markus Sternlieb
Bauzeit / Umbauten: 
1927-29 Größter Bauabschnitt, Wiederaufbau und Fertigstellung bis 1957, Sanierung seit 2003
Quellen: 

Dorothea Neitzel, Peter Nauert: Die Ebertsiedlung: Bauen, Wohnen , Leben, 2009, GAG-Ludwigshafen

Historische Bilder: GAG Ludwigshafen am Rhein, Aktiengesellschaft für Wohnungs-, Gewerbe- und Städtebau.

Autor/in: 
Barbara Ritter