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Ehem. Celluloidfabrik – heute: Industriehof Speyer

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Industriehof
Gründerzeitlicher Backsteinschmuck
vermutlich 50er Jahre
Bauschmuck mit Backsteinen
Dachreiter
Einfahrt
Dächer mit Explosionsschutz-Wand
Detail am Dach - Explosionsschutz
Ein „heimeliges" Haus im Heimatstil mitten im Fabrikgelände
Eingang
Auch der Treppenaufgang im wohnlichen Stil
Treppe im Artdeko-Stil im selben Haus
Luftbild vermutlich aus den 1950er Jahren (Quelle: Webseite des Industriehofes)
hohe Bauten
Idylle
Kirrmeier Villa
vermutlich ein Maschinenhaus
"Reihenhäuser"
Werkstätten
Mit Emailschildern nummerierte Bauten
Alte Halle mit Oberlichtern und Sheddächern
Schornstein und Maschinenhaus mit Treppengiebel
Der ursprüngliche Schornstein wurde verkürzt

Eine große Zahl von sehr unterschiedlichen, überwiegend aus gelben Backsteinen erstellten Industriegebäuden ist auf dem „Industrie- und Gewerbehof Nord“ versammelt. Es handelt sich um die ehemalige Celluloid-Fabrik Kirrmeier und Scherer. In Speyer nannte man sie früher die „Zellid“, sie war zu ihren besten Zeiten einer der größten Arbeitgeber der Stadt.

Einige Gebäude sind im typischen Gründerzeitstil mit der Gliederung der Fassaden durch rote und gelbe Backsteine gebaut, andere sind mit sparsamen Jugendstil-Baudekoren versehen, einige weisen mit ihren hölzernen Verzierungen in Richtung Heimatstil. Sie sind auch von Innen mit entsprechenden Kacheln versehen. Viele Bauten sind eher in den 20er und 30er Jahren gebaut, bei ihnen dominiert eine sachliche nüchterne Architektur. Manche Putzbauten haben Anklänge an Art Deko-Bauten, und einiges stammt wohl aus den 50er- und 60er Jahren. Es gibt auch alte Hallen mit Sheddächern.

Offenbar sind im Laufe der Jahrzehnte auf dem riesigen Gelände immer wieder neue Bauten hinzugekommen, alte abtragen oder umgebaut worden, so dass die Fabrik sie vermutlich chronologisch nummeriert hat. Die Emailschilder sind noch heute sichtbar und eine wichtige Orientierungshilfe.

 

Viele Bauten weisen eine für Celluloid-Fabriken typische Sicherheitsvorkehrung am Dach auf: die Dächer sind noch einmal von Mauern umgeben um in Falle einer Explosion möglichst wenig Schaden anzurichten. Die vielen einzelnen Gebäude sind ebenfalls ein Schutz bei möglichen Bränden.

 

 

 

Die Anlage verfügt noch über einen Fabrikschornstein, der allerdings auf etwa halber Höhe gekappt ist. Eine schmucke Direktorenvilla steht etwas abseits der Fabrik direkt an der Straße. Vor wenigen Jahren lag das Gelände noch am Nordrand von Speyer, jetzt ist es eingekreist von Gewerbe- und Wohngebieten.

Die meisten der Häuser und Hallen der ehemaligen Fabrikanlage sind durch die Erbengemeinschaft H. Ecarius-Kirrmeier an kleine Unternehmen vermietet. Durch aufwändige Sanierung und Erneuerung von Kanalsystem, Elektroinstallation, und Wasserversorgung sowie den Einbau von Fenstern und Oberlichtern wurden die Räumlichkeiten den heutigen Bedürfnissen der Mieter des jetzigen Industrie- und Gewerbeparks angepasst.

Nutzung (ursprünglich): 

Celluloid-Fabrik

Nutzung (derzeit): 

Industrie- und Gewerbehof

Geschichte: 

Die Celluloidfabrik Speyer wurde im Jahre 1897 von Kommerzienrat Franz Kirrmeier gegründet und später von Kirrmeier und Scherer weitergeführt. Es ist überliefert, dass das Bauunternehmen Wayss & Freytag (Neustadt/Frankfurt) 1902 eine Kläranlage für die Celluloidfabrik Kirrmeyer & Scherer in Speyer gebaut hat. Die Celluloidfabrik stellte nur Rohzelluloid in Form von Stäben, Platten und Rohren her. Sie belieferte damit Zelluloid-Verarbeiter wie die Mannheimer „Schildkröt“, die Kämme und Puppen daraus fertigte, die Filmindustrie, und die Hersteller von Musikinstrumenten wie „Hohner“.

Die Speyerer Fabrik gehörte in den dreißiger Jahren neben der Dynamit AG in Troisdorf, der Westfälisch-Anhaltischen Sprengstoff-AG (Wasag), der Rheinischen Gummi- und Celluloidfabrik in Mannheim-Neckarau, und der Deutschen Celluloidfabrik in Eilenburg zu den größten Herstellern von Zelluloid. In seinen besten Zeiten hatte sie ca. 1000 Beschäftigte. Seit den 1950er Jahren wird Zelluloid zunehmend durch andere Kunststoffe wie PET ersetzt. Die Produktion in der Speyerer Celluloid-Fabrik lief bis zum Jahre 1968.

Zelluloid und seine brandgefährliche Herstellung

Aus Zelluloid, der erste thermoplastische und bunt einfärbbare Kunststoff, wurden Ende des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Gebrauchsartikel aller Art industriell hergestellt, darunter Filmmaterial, Brillengestelle, Kämme, Messergriffe, Kugelschreibergehäuse, Spielwaren, Dosen und Schmuck. Die Produktion begann 1877 in England, wenige Jahre später in Deutschland.  Zelluloid ist extrem leicht brennbar, bei altem Filmmaterial besteht sogar die Gefahr der Selbstentzündung. 

Bereits in der Herstellung ist Zelluloid hoch gefährlich. Am 28. November 1933, starben bei einer Brandkatastrophe in der Celluloidfabrik Speyer AG sieben Menschen. Die baulichen Sicherheitsmaßnahmen verhinderten möglicherweise noch mehr Opfer. Allerdings gab es offenbar auch Mängel in der Prävention, wie der Zeitungsbericht vermerkt ( Speyerer Rundschau, 28. November 2008 gefunden bei Feuerwehr-Speyer) „Das laut Zeitungsbericht ,mit rasender Schnelligkeit´ um sich greifende Feuer vor 75 Jahren brach kurz nach 16 Uhr in einem Gebäude aus, in dem vorwiegend Rohstoffe lagerten. Die sieben Arbeiter konnten sich nicht mehr in Sicherheit bringen, weil der Brandherd am Eingang des Gebäudes lag (und es offenbar keinen Notausgang gab). Zwei Beschäftigte entkamen der Katastrophe mit Brandverletzungen - sie arbeiteten nahe der Tür. Was die Katastrophe herbeigeführt hatte, blieb weitgehend ungeklärt. Auf den Unglücksort wies damals eine weithin sichtbare schwarze Rauchwolke hin. Das Gebäude brannte vollkommen aus, das Dach stürzte ein. Ein dreistöckiger Anbau blieb verschont. "Die Löscharbeiten litten von Anbeginn an unter Wassermangel, da die Leitungen des Wasserturms der Fabrik durch den Brand unterbrochen waren", berichtete die Speyerer Zeitung. Es wurden Schlauchleitungen zum Rhein gelegt, doch "es dauerte eine Stunde, bis der erste Wasserstrahl in die Flammen sprühte". Der Grund: Die rasch angerückte städtische Feuerwehr konnte nicht gleich mit dem Löschen beginnen - die Werksschläuche und die Schläuche der Stadtwehr hatten andere Durchmesser. Der Einsatz der Wehren war dann aber so wirkungsvoll, dass die Flammen weder den Säureraum noch die Benzinlager der Celluloidfabrik erreichten, wodurch eine noch größere Katastrophe verhindert wurde.“

Eigentümer: 
Erbengemeinschaft H. Ecarius-Kirrmeier
Erbauer: 
Franz Kirrmeier
Architekt: 
Vermutlich durch Ingenieure von Wayss und Freytag entworfen
Bauzeit / Umbauten: 
1897 und später
Autor/in: 
Barbara Ritter