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GEG-Zigarrenfabrik in Hockenheim - heute Wohnungen

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Ecke Bunsen- und Hilda-Straße
Die Zigarrenfabrik heute von der Parkstraße aus
Alte GEG-Postkarte, gleicher Blick von der Parkstraße
GEG-Front zum Park hin
Der hölzerne Übergang existierte von Anfang an
Auch im Innenhof sind die Fenster dem Original nachgebaut, wie man dem nächsten Bild entnehmen kann
GEG-Betriebsversammlung im Innenhof Anfang der 1930er Jahre: vor allem Frauen arbeiteten hier.
Die Giebel und Fenster sind dezent mit Jugendstilmotiven geschmückt
Das Luftbild zeigt die Achse von rechts vorne: Pestalozzischule, Kirche, GEG-Fabrik
GEG-Fotos und Dokumente im Tabakmuseum
Kuriose GEG-Memorabilie: Zigarre in Salamie-Größe
Helle saubere Arbeitsplätze
Zigarrenmacherinnen aus Hockenheim bei einer GEG-Ausstellung in Stuttgart 1957

Aus 57 großen Sprossen-Fenstern blickt das große Gebäude mit seiner symmetrischen Front auf den Stadtpark. Das Dach zieren Gauben und Ecktürme, aber kein Eingang ist auf dieser Präsentier-Seite zu finden. Ebenso ist die Seite zur Hildastraße gestaltet. Die Eingänge zu dem Gebäudekomplex liegen im Innenhof der dreiflügligen Anlage, die als größte und bedeutendste Zigarrenfabrik Hockenheims ein Dokument der regionalen Wirtschaftsgeschichte darstellt.

Es handelt sich um die „GEG“, die Zigarrenfabrik der Großeinkaufsgesellschaft der deutschen Konsumgenossenschaften, die bis in die 1960er Jahre ca. 8.500 Konsumläden in Deutschland belieferte. Hier waren bis zu 700 MitarbeiterInnen beschäftigt, die Qualitätszigarren, Zigarillos und Stumpen produzierten.

Man erkennt noch heute das beabsichtigte Ensemble um den Stadtpark: In der Mitte die Evangelische Kirche, die prächtige Pestalozzi-Schule auf der einen und die GEG-Zigarren-Fabrik auf der anderen Seite. Beide Gebäude wurden bis 1911 fertig gestellt und entsprachen damals modernsten Standards. Die GEG-Fabrik war dank der vielen Fenster mit hellen freundlichen Arbeitsräumen, Entlüftungs- und Klimaanlagen ausgestattet, sie hatte eine hohen Standard an Hygiene wie z.B. Bäder für die Belegschaft und verfügte über angenehm gestaltete Speisesäle. In jeder Beziehung vorbildlich für eine Branche, die normalerweise in engen und von Tabakstaub erfüllten Räumen produzieren ließ.

Das Gebäude ist seit 1993 zu Wohnzwecken umgebaut. Die äußere Form entspricht jedoch noch stark dem Original: Gelb verputzt, mit Sandsteinsockel, schlichte Fassadengestaltung mit Jugendstilelementen vor allem an den Gauben und um die Fenster. Sogar im Innenhof sind die Fenster oben mit schmalen Sprossen gegliedert, genau wie man sie auf dem Bild der Betriebsversammlung aus den frühen 30er Jahren erkennt.

Die rot gestrichene hölzerne Überquerung bei der Hofeinfahrt und die hölzernen Balkons am hinteren Gebäudetrakt sind samt den eisernen Be- und Entladevorrichtungen erhalten. Das kleine Pförtnerhäuschen und die Remise – auf einer alten Postkarte noch sichtbar - sind jedoch einem eher trist gestalteten Parkplatz entlang der Parkstraße gewichen.

Etliche Erinnerungsstücke aus der Fabrik, von kurios großen Präsent-Zigarren für einen Werkmeister bis zu einem Rolltisch, sowie Fotos und Arbeitsvorschriften sind im Tabakmuseum Hockenheim erhalten, dessen Besuch sich auf alle Fälle lohnt. Mehr Informationen auf unserer Seite zum Tabakmuseum

Nutzung (ursprünglich): 

Zigarrenfabrik

Nutzung (derzeit): 

Wohnungen

Geschichte: 

Die Tabakverarbeitung war in Hockenheim seit 1860 ein bedeutender Wirtschaftszweig. Um 1900 arbeiteten in den 28 Zigarren-Fabriken etwa 2.000 Beschäftigte, überwiegend Frauen. Nicht mitgezählt sind die Frauen und Kinder, die in Heimarbeit den Fabriken zuarbeiteten. Hockenheim hatte zu diesem Zeitpunkt ca. 6.000 Einwohner.

Die "GEG"-Zigarrenfabrik hat folgenden Hintergrund: Um die Jahrhundertwende 1900 entwickeln sich in Deutschland massenhaft Konsumgenossenschaften mit eigener Großeinkaufsgesellschaft (GEG) und Eigenproduktionsbetrieben.  Ursprünglich war in der Hockenheimer Luisenstraße die Zigarrenfabrik der Tabakarbeiter-Genossenschaft eGmbH (TAG) ansässig. Die TAG war 1890 nach der Aussperrung von 3.000 Tabakarbeitern in Hamburg gegründet worden. Sie arbeitete eng mit den Konsumgenossenschaften zusammen und wurde immer stärker zur Produktivabteilung der Großeinkaufsgesellschaft GEG. Zur Herstellung billigerer Zigarrensorten errichtete die TAG Zweigfabriken in Hockenheim und Frankenberg/ Sachsen. 1909 beschloss die TAG ihre Auflösung und den Übergang in die GEG.

Die GEG verwendete die neuen finanziellen Mittel zum Neubau der Fabriken u.a. in Hockenheim. 1910/1911 erbaute die "GEG" (Sitz und vermutlich auch die Architekten in Hamburg) die Gebäude der Zigarrenfabrik. (siehe auch "Die genossenschaftliche Burg" ) Die Zigarren-Fabrik in Hockenheim war eine von fünf Tabak verarbeitenden Betrieben der GEG - neben Hamburg, Frankenberg/Sachsen, Östringen und Altlußheim.

Die GEG-Fabriken waren für gute soziale Bedingungen bekannt, wie Beachtung des Arbeitsschutzes (Tabakverarbeitung war aufgrund des Staubes sehr gesundheitsgefährdend), Gewährung von Leistungszulagen und Anspruch auf eine Pensionskasse. Die GEG-Zigarrenfabrik wurde im April 1971 geschlossen. 1979 wurde auch in der letzten Zigarrenfabrik der Region das Licht aus gemacht.

Dokumente zur Geschichte, Produkte und einige Einrichtungsgegenstände der GEG sind im Tabakmuseum ausgestellt. Nach einer Zwischennutzung der Fabrik als Möbellager wurde das Fabrikgebäude zu Wohnungen umgebaut. Weitere Informationen zur Geschichte der GEG-Zigarrenfabrik sind willkommen!

Erbauer: 
Großeinkaufs-Gesellschaft Deutscher Consumvereine m.b.H, GEG Hamburg
Bauzeit / Umbauten: 
1910-11
Quellen: 
  • 60 Jahre Grosseinkaufs-Gesellschaft Deutscher Konsumgenossenschaften mit beschränkter Haftung, 1894 - 1954, Hamburg, 1954
  • Burchard Bösche, Kurze Geschichte der Konsumgenossenschaften, Zentralverband deutscher Konsumgenossenschaften, Hamburg
  • Burchard Bösche, Jan-Friedrich Korf, Chronik der deutschen Konsumgenossenschaften, Hamburg 2003
Autor/in: 
Barbara Ritter/Hilde Seibert