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Institut für Deutsche Sprache (IDS) – ehemaliges städtisches Krankenhaus in Mannheim

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Gusseiserne Träger in der Bibliothek
Nordecke des IDS
Mannheimer Stadt-Wappen über der Türe
abgerundete Kanten der Backsteine
Archiv im Gewölbekeller
Eingang
Frontansicht
Nur der Nord-Ostteil des Quadrats hat historische Bausubstanz (Quelle Google)
Holzpflaster mit sichtbaren Jahresringen (Qelle Mannheimer Morgen)
Karteikästen des Marx- Engels-Lexikons
Neubau an der Nord-Ost-Ecke
Ehemalige Eingangsportale im Westflügel
Die ehemalige Eingangshalle - jetzt Teil der Bilbiothek
Die hohen Gusssäulen reichen in den 2. Stock der Bibiliothek
Ansicht des alten Spitals (Quelle Stadtarchiv/IDS)
Ausschnitt aus der Postkarte von 1904 (Quelle Stadtarchiv, IDS)
Treppe mit gründerzeitlichem Geländer und Terrazzo
Volksküche des Badischen Frauenvereins (Quelle: Stadtarchiv, IDS)
Im Archiv: Zettelkasten als Vorarbeit für ein  Lexikon

Über die gesamte Nordseite des Mannheimer Quadrats R5 zieht sich ein strahlend schöner Backsteinbau mit drei sehr hohen Fensterzeilen. Gelbe und rote Klinker bilden mit Sandsteingesimsen strenge klare Muster. Die Fenster liegen dicht neben einander. Sie sind mit abgerundeten Kantensteinen eingefasst. Zwischen den Fenstern sind reich verzierte, dunkelblau gestrichene Metallspangen angebracht.

Auf der Westseite prangt über einer alten Pforte das Mannheimer Wappen in Sandstein. Die zwei weißen gründerzeitlichen Holztüren links daneben sind heute kein Eingang mehr, dieser liegt an der Nordseite des Quadrats. Durch dezente Milchglasscheiben ist bereits zu erkennen, dass es hier wissenschaftlich zugeht:

Ein Vortragssaal und die Bibliothek des Instituts für Deutsche Sprache sind im Erdgeschoss untergebracht. Innen ist das stattliche Haus, da vor mehr als 100 Jahren als städtisches Krankenhaus errichtet wurde, für die Bedürfnisse des Instituts umgebaut. Zwischendecken wurden eingezogen, ein Neubau verbindet zwei historische Bauten, etliche sehr alte Elemente sind jedoch erhalten und sichtbar.

Z.B. stehen in der Bibliothek drei ca. 5 Meter hohe, üppig verzierte Säulen aus Gusseisen; die alte Eingangshalle mit Stuckdecke und Rundbögen ist zu Arbeitsplätzen umfunktioniert; im Treppenhaus sind die Terrazzoböden und gründerzeitlichen Geländer erhalten.

Das Haus hat eine sehr wechselvolle Geschichte. Auf seine Funktion als Städtisches Krankenhaus weist eine Stadtpunkt-Tafel vor dem Eingang hin. Außerdem brachte ein banales Schlagloch uralte Geschichte ans Licht: Holzpflaster auf der Straße vor dem alten Krankenhaus (siehe Artikel Mannheimer Morgen vom 22.1.2011 im Downloadbereich).

Nutzung (ursprünglich): 

Spital, Städtisches Krankenhaus, Volksküche, Stadtverwaltung

Nutzung (derzeit): 

Institut für Deutsche Sprache (IDS) mit Bibliothek und Archiv

Geschichte: 

1728-1735 richtete Kurfürst Karl Philipp mit Mitteln der katholischen Kirche und der Pfalz ein kleines Spital mit 12 Betten im Quadrat R5 ein, wo verarmte und kranke Bedienstete sowie Waisenkindern gepflegt wurden (es entsprach in seiner Funktion einem Altenpflegeheim und Armenheim). 1802 löste man das kurfürstliche Karl-Borromäus-Spital wegen Mittellosigkeit auf.

1806 übernahm die Stadt das Spital. Zunächst war die "Armen-Polizey-Commission" damit beauftragt. Diese städtische Kommission war zur Bekämpfung der Armut ins Leben gerufen worden, denn durch den wirtschaftlichen Niedergang Mannheims nach der Verlegung des kurfürstlichen Hofes lebten immer mehr Menschen in Armut.

Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Industrialisierung die Bevölkerungszahl innerhalb von wenigen Jahren enorm ansteigen ließ, wurde das Gebäude mehrfach erweitert. Es erhielt die Funktion eines städtischen Krankenhauses (es gab darüber hinaus konfessionelle Krankenhäuser). Weitere Gebäude im Qudarat R 5 wurden zugekauft. Das Städtische Krankenhaus verfügte über 50 Räume mit insgesamt 336 Betten. Es verfügte über Abteilungen für Innere, Chirurgie, Wöchnerinnen, Säuglinge, Krätzekranke und Geschlechtskranke. Kranke, die an einer ansteckenden - gar an Geschlechtskrankheit - litten, wurden bei konfessionellen Krankenhäusern nicht behandelt.

1882 baute man ein Maschinenhaus, 1883 eine Dampfwaschanstalt. Die großen Krankensäle wurden mit Dampfheizung versehen. 1891 wurden schließlich die heute noch sichtbaren Gebäude auf der nördlichen Seite des Quadrats mit der Straßenfront gegen R 6 und S 5 erstellt. Hier waren die neuen Operationssäle für aseptische und septische Operationen. Die Böden in den Gängen waren aus Terrazzo, die Krankenräume mit Linoleum belegt, eine pflegeleichte Neuerung gegenüber den Holzriemenböden der älteren Gebäude. Außerdem gab es überall in den Räumen kaltes und warmes Wasser aus den Leitungen. Die Räume waren mit Licht durchflutet und es gab einen Garten im Innenhof.

1902 wurden die beiden Obergeschosse des nach R 4 und S 5 gelegenen Eckhauses, in dem zunächst städtische technische Ämter untergebracht waren, für Krankenhauszwecke umgebaut. Das Erdgeschoß des Eckhauses nutzte der badische Frauenverein für seine Volksküche, die gegen geringes Entgelt Speisen an Arme ausgab.

Schließlich waren alle Gebäude des Quadrates R 5 Teil des städtischen Krankenhauses, bei dem nun weitere Anbauten nicht möglich waren. Mit ca. 500 Betten war es Ende des 19. Jahrhunderts das größte allgemeine Krankenhaus im Großherzogtum Baden. Sogar eine kolorierte blumige Postkarte gab es 1904 vom „Allgemeinen Krankenhauses“ und seinem Schmuck-Garten.

Zum Lärmschutz war die Straße rund um das Krankenhaus nicht mit Steinen gepflastert sondern mit Teer getränkten Hirnholzklötzen. Diese Rarität ist allerdings nicht immer zu sehen. In harten Wintern wird das schwarze Holz stellenweise durch Schlaglöcher freigelegt, die freilich gleich wieder asphaltiert werden.

Die Diskussionen um Notwendigkeit eines neuen Krankenhauses und um dessen Standort zog sich Jahre hin. Erst 1913 konnte unter Richard Perrey als Leiter des städtischen Hochbauamtes mit den Bauarbeiten begonnen werden, die sich wegen des 1. Weltkrieges bis 1922 hin zogen. Dann aber standen 1.389 Betten auf dem anderen Neckarufer zu Verfügung. (siehe dazu Beschreibung der Wäscherei und des Kesselhauses der städtischen Krankenanstalten auf unserer Webseite.)

In den alten Gebäuden in R 5 wurden städtische Ämter untergebracht. Vom alten Krankenhaus überstanden wenige Gebäude den 2. Weltkrieg und die „autogerechte Baumanie“ der 1960er Jahre. Ein Parkhaus wurde auf der Südseite von R 5 errichtet, das 2/3 des gesamten Quadrats einnimmt, nur die Nordseite ist weitgehend erhalten.

1991/92 wurde das Haus von dem damaligen Eigentümer, der Pensionskasse von Bilfinger & Berger, für das Institut für Deutsche Sprache umgebaut, das sich bis heute dort als Mieter befindet.

Das 1964 gegründete Institut für Deutsche Sprache (IDS) in Mannheim besteht seit 1964. Es ist die zentrale außeruniversitäre Einrichtung zur Erforschung und Dokumentation der deutschen Sprache in ihrem gegenwärtigen Gebrauch und in ihrer neueren Geschichte. 1992 zog das Institut in die neuen Räume im Quadrat R 5, 6-13.

Das IDS verfügt mit dem Archiv für gesprochenes Deutsch (AGD) über die weltweit größte Sammlung von Tonaufnahmen des gesprochenen Deutsch. Außerdem stellt das IDS mit dem Deutschen Referenzkorpus (DeReKo) das weltweit größte Angebot an deutschsprachigen Textkorpora/Textsammlungen geschriebener Sprache (2010 sind es 5,3 Milliarden laufende Textwörter) zur Verfügung. Im Archiv-Keller lagern eine schier unendliche Fülle von Karteikästen mit Millionen von teilweise handgeschrieben Zetteln, unter anderem die Vorarbeiten für das Marx-Engels-Lexikon, das bei der Integration des ehemaligen Zentralinstituts für Sprachwissenschaft der Akademie der Wissenschaften der DDR in das IDS nach Mannheim umgezogen ist.

Eigentümer: 
Institut für Deutsche Sprache
Erbauer: 
Kurfürst Karl Philipp, ständige Erweiterung zum Städtischen Krankenhaus im 19. Jahrhundert.
Architekt: 
Umbau zum IDS: Paulo Joest und Horst Walther, Heidelberg
Bauzeit / Umbauten: 
Ursprünge um 1730, Backsteinbauten 1891, Umbau 1991/92
Quellen: 
  • Axel W. Bauer: Vom Nothaus zum Mannheimer Universitätsklinikum 2002.
  • Mannheimer Morgen vom 22.1.2011
  • Stadtpunkt zu R 5, Stadtarchiv Mannheim
Autor/in: 
Barbara Ritter