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Orderstation in Mannheim, Friesenheimer Insel

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Die Orderstation ist heute nur noch eine Gaststätte
Orderstation mitten im  Landschaftsschutzgebiet mit Freileitung auf Holzpfosten
1955: der Betreiber der Orderstation bei der Arbeit, Foto: Robert Häusser
Treppenaufgang an der Uferböschung. Hinter dem Busch im Vordergrund war das Fenster der Orderkanzel
Abendstimmung an der Orderstation
BASF bei Sonnenuntergang von der Orderstation aus
Orderstation im Winter 2012

„Getränke ordern“ – das konnte man vortrefflich in der alten Orderstation auf der Friesenheimer Insel. Doch daher hat die heutige Gastwirtschaft ihren Namen nicht. Die Mannheimer Reedereien hatten sich die Orderstation vor ungefähr 100 Jahren eingerichtet, um alle durchfahrende Schiffe zu registrieren und Anweisungen an die Kapitäne zu übermitteln, welcher Hafen anzulaufen und wo welche Ladung zu übernehmen oder zu löschen sei. Für Reedereien war die genaue Disposition und termingerechte Ausführung der „Orders“ existenziell. Modernere Kommunikationsmittel machten den Betrieb einer Orderstation ab den 1970er-Jahren jedoch überflüssig. Die Orderstation hatte andererseits schon seit Jahrzehnten auch eine Gastwirtschaft betrieben und blieb so noch lange ein Treffpunkt für Schifferfamilien.

Das zweigeschossige Haus liegt unter einigen großen Pappeln allein auf weiter Flur – ein Landschaftsschutzgebiet mit seltenen heimischen Pflanzen- und Tierarten – etwa ein Kilometer nach der Neckarmündung rheinabwärts. Auf dem gegenüberliegenden Rheinufer erstreckt sich die BASF. Die weltweit größte zusammenhängende Chemiefabrik ist hier in fast voller Länge zu sehen,- nicht nur für „Industrieromantiker“ ein faszinierender Anblick -, besonders bei Sonnenuntergang und nachts. Hinter der Orderstation auf der Friesenheimer Insel befindet sich die BASF-Raffinerie, die oft Gas abfackelt. Ständig passieren große Schiffe. Die große Terrasse der Mekan-Shisha-Bar lädt zum Verweilen ein.

Von den technischen Einrichtungen der Orderstation ist nichts erhalten geblieben. Die Bürokanzel der ehemaligen Orderstation, ein großes Fenster, liegt unmittelbar neben der Terasse. An-, Auf- und Umbauten haben das Haus aber immer wieder verändert. Zuletzt wurde das Gasthaus 2011 von Grund auf renoviert.

Nutzung (ursprünglich): 

Orderstation für die Rheinschifffahrt

Nutzung (derzeit): 

Shisha-Bar

 

Geschichte: 

Wann genau und von wem die Orderstation gebaut wurde ist unbekannt. Die heutige Besitzerin berichtete, dass sie vor Jahren unter der Tapete Zeitungen von 1928 aufgeklebt fand. Aufgrund eines Erbpachtvertrags ist zu vermuten, dass das Grundstück 1919 bebaut wurde.

Die Friesenheimer Insel entstand 1827 durch die Rheinbegradigung („Friesenheimer Durchstich“). Zu Zeiten der Gründung des Industriehafens existierte an diesem Platz noch keine Orderstation. Zeitweise gab es eine Fährverbindung für Fußgänger zwischen der Friesenheimer Insel und Friesenheim auf der Ludwigshafener Seite, die in der Nähe der Orderstation ablegte.

In den 1950er-Jahren war die Orderstation noch voll in Betrieb. Ein Foto von Robert Häusser zeigt den damaligen Betreiber der Orderstation mit Fernglas und Telefon bei der Arbeit (Mannheim im Aufbau, 1955). Überliefert ist, dass die Kommunikation mit den Schiffen über Megafon funktionierte, manchmal wurden Schriftstücke, Informationen oder private Post per Ruderboot auf das Schiff gebracht, aber oft sind die Schiffer wohl auch bei der Orderstation selbst eingekehrt. Die Elektrizität wird heute über Freileitung angeliefert, – ein Fortschritt – denn noch vor einer Generation wurde abends ein Dieselaggregat angeworfen.

Im Laufe der 1970er-Jahre ist die Orderstation eingestellt und nur noch als Gasthaus betrieben worden. Entlang des Rheins gab es früher Dutzende privater Orderstationen, darunter in Karlsruhe, Sondernheim, Ludwigshafen und Worms.

Bauzeit / Umbauten: 
um 1920, letzte Renovierung der Gaststätte: 2011
Autor/in: 
Barbara Ritter und Hilde Seibert