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Pfaffwerke in Kaiserslautern

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Haupteingang der Pfaffwerke in der Königstraße © B.Ritter
Pfaff-Werkstraße vom Haupteingang © B.Ritter
Pfaffmaschinen im Schuhmuseum Hauenstein © B.Ritter
Pförtnerloge der Pfaffwerke an der Königstraße © B.Ritter
Das „Bunter Viertel” und der „Rundbau” im Hintergrund die Pfaffwerke um 1930 (Stadtarchiv KL)
Pfaff-Areal mit Fabrikschlot und altem Verwaltungsgebäude
Pfaff-Haupteingang in den 1969er Jahren (Stadtarchiv KL)
Reich geschmückte Pfaff-Nähmaschine aus den 1920er Jahren
Blick zwischen alten Shedhallen auf das Alte Verwaltungsgebäude Quelle: Initiative Pfaff erhalten Stadt gestalten
Kesselhaus und Fabrikschlot. Quelle: Initiative Pfaff erhalten Stadt gestalten

Rund 150 Jahre lang wurden hier Pfaff-Nähmaschinen produziert. Pfaff war eine Firma mit Weltruhm. Zu ihren Hochzeiten standen hier über 5.000 Arbeiterinnen und Arbeiter „bei es Herrn Paffe“ in Lohn und Brot.

Jetzt spricht man von „Industriebrache“ und man sieht es dem Pfaff Gelände in der Tat an, dass hier seit Jahren nicht mehr produziert wird. Hinter der wuchtigen Fabrik-Mauer aus Sandstein, die die 20 Hektar umschließt, wachsen Büsche aus den Hallen, Wege sind überwuchert, Scheiben eingeschlagen und man kann Brandspuren erkennen.

Noch immer richtig repräsentativ sind jedoch der Eingang in der Königstraße mit den beidseitigen Pförtnerlogen und dem fetten Schriftzug darüber, elegant und stylisch das hohe Verwaltungsgebäude der 1950er Jahre auf der linken Seite davon. Der Blick wird angezogen von der klassischen Werksstraße, die tief in die Fabrikanlagen zum Fabrikschlot und zu Werkshallen führt.

Es gibt Streit um dieses industrielle Erbe der Stadt. Es gehört inzwischen zu 85% der Stadt, die im Oktober 2014 eine „Pfaff-Entwicklungs-Gesellschaft“ (PEG) eingesetzt hat. Diese Gesellschaft „betreibt insbesondere die erforderlichen Grundwasser-, Boden- und Bodenluftsanierungen sowie zweckmäßige Rückbauten von vorhandenen Gebäuden sowie die entsprechende Vermarktung des Geländes.“ Das Verwaltungsgebäude und weitere historische Gebäude sind unmittelbar vom Abriss bedroht.

Pfaff-Werk-Stadt-Logo Foto vom Werk aus den 1960ern

Kulturschaffende haben die Initiative „Pfaff erhalten, Stadt gestalten” gegründet. Es besteht die Gefahr, dass die Stadt mit dem Abriss beginnt, ohne einen konkreten Plan, was eigentlich entstehen soll. Die Initiative fordert mit einer Petition ein offenes Beteiligungsforum und Ideenwerkstatt für die Bürgerschaft: „Kein Abriss der baukulturell wertvollen Bausubstanz auf dem PFAFF-Areal! Wir fordern demokratische Mitbestimmung über die Zukunft des PFAFF-Areals durch einen öffentlichen Dialog von Stadtgesellschaft, Politik und Experten.“ In der Begründung heißt es am Schluss: „Noch ist es nicht zu spät! Der nahezu vollständig erhaltende bauliche PFAFF-Nachlass bietet die Chance, den Wert des industriellen und technischen Erbes in Kaiserslautern anzuerkennen und aktiv zu nutzen!”

Ob das Objekt unter Denkmalschutz steht, wird zurzeit durch die Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz geprüft.

Nutzung (ursprünglich): 

Entwicklung- und Produktion von Nähmaschinen

Nutzung (derzeit): 

Das Gelände liegt weitgehend brach.Vorgesehen ist ein Nutzungsmix aus Gewerbe, Technologie, Dienstleistungen und Wohnen. Darüber hinaus wären auch Räume und Ateliers für die Kultur- und Kreativwirtschaft wünschenswert.

Geschichte: 

Das von vom Instrumentenbauer Georg Michael Pfaff (1823–1893) im Jahr 1862 gegründete Unternehmen verlagert ab 1896 seine Produktion aus der Kernstadt an den sogenannten Galgenberg, damals am westlichen Stadtrand von Kaiserslautern, wo Pfaff eine neue Fabrik baut. Pfaff-Nähmaschine aus den 1930er JahrenUnter der Leitung des Sohnes Georg Pfaff (1853–1917) wächst das Unternehmen am neuen Standort stetig. Ab 1907/8 stellt es auch spezielle Industrienähmaschinen her. Im ersten Weltkrieg müssen auch die Pfaffwerke ab 1914 rüstungsrelevantes Material produzieren.

Nach dem Tod von Georg Pfaff im Jahr 1917 übernimmt seine Schwester Lina Pfaff (1854–1929) die Leitung des Unternehmens. Sie richtet eine Hinterbliebenenkasse ein und lässt 1923 Wohnungen für Werksangehörige bauen. 1924 eröffnet sie das Pfaffbad. (Dieser imposante Jugendstilbau wird Ende der 1970er Jahre wegen des Baus eines gesichtslosen Bürokomplexes abgerissen.)

Wiederaufbau in den 1950er Jahren (Stadtarchiv Kaiserslautern)Während des zweiten Weltkriegs werden neben Nähmaschinen auch Schlösser für Maschinengewehre produziert. Die verheerenden Bombenangriffe auf die Stadt 1944/45 zerstören auch ca. 60% des Werksgeländes. Die Produktion musste daraufhin eingestellt werden. Unmittelbar nach Kriegsende beginnt der sofortige Wiederaufbau.

Neues Verwaltungsgebäude zweiter Bauabschnitt 1957 (Stadtarchiv Kaiserslautern)Dabei entstanden u.a. der markante Haupteingang (Pförtnerloge 1953), das neue Verwaltungsgebäude (Architekt Fritz Seeberger, 1956-57) sowie der Große Speisesaal mit Kantine (1952-53). 1952 stirbt Karl Pfaff unerwartet, der letzte aus der Familie Pfaff. Das Unternehmen wird unter dem Vorstandsvorsitzenden Hugo Lind weiter vergrößert, es übernimmt das ELTE-Werk in Landstuhl, Gritzner-Kayser AG in Karlsruhe. 1960 geht die G. M. Pfaff AG an die Frankfurter Wertpapierbörse.

Anfang der 1970er Jahre wird die Nähmaschinenproduktion getrennt. Haushaltsnähmaschinen werden in Karlsruhe-Durlach, Industrienähmaschinen im Hauptwerk Kaiserslautern gefertigt.1982 bringt Pfaff die erste vollelektronische Haushaltsnähmaschine auf den Markt. 1985 hat Pfaff über 1 Mrd. DM Jahresumsatz, bei 9.800  Beschäftigten, davon 2040 im Ausland.

Neues Verwaltungsgebäude und Logo auf dem Haupteingang 1960er Jahre (Stadtarchiv Kaiserslautern)Diese Umsatzhöhe kann nicht mehr erreicht werden. Den Umsatz erzielt Pfaff  zu 70% im Ausland. Die Schuh- und Bekleidungsindustrie, einer der Hauptabnehmer der Industriemaschinen verlagert die Produktion zunehmend nach Fernost. Und sie beziehen ihre Maschinen auch zunehmend von dort.

Ende der 1980er Jahre verkaufen die Pfaff-Erben ihre Aktienmehrheit. 1991-93 macht Pfaff erstmals Verluste von insgesamt 174 Millionen DM. Der Umsatz beträgt 1993 723 Mio. DM bei 4 223 MitarbeiterInnen. Der Personalabbau geht weiter.

Mehrere Eigentümerwechsel und Managementfehler münden 1999 schließlich in einem ersten Insolvenzverfahren. Danach werden die Pfaffwerke mehrfach weiterverkauft. 2004 demonstrieren Pfaff-Arbeiter gegen die geplante Produktionsverlegung nach China. Bis Mitte 2006 sollen den Plänen der Firmenleitung zufolge mindestens 575 der nur noch knapp 850 Arbeitsplätze abgebaut werden. Das Betriebsgelände wird längst nicht mehr voll genutzt.

Blick vom Haupteingang mit Kesselhaus, Esse und altes Verwaltungsgebäude2015 (©raumpiraten)Im Herbst 2008 wird erneut Insolvenzantrag gestellt. Der Geschäftsbetrieb der "Pfaff Industrie Maschinen AG" wird durch den Insolvenzverwalter fortgeführt, die Beschäftigten wechselten zu großen Teilen in eine Auffanggesellschaft. Der Maschinenbauunternehmer Joachim Richter führt diesen Geschäftsbereich seit 2009 unter dem Namen  „Pfaff Industriesysteme und Maschinen AG“ weiter. Er zieht an den neuen Standort ins Kaiserslauterer Industriegebiet Nord. Ende Februar 2009 stellt das Stammwerk Kaiserslautern damit die Produktion endgültig ein.

Blick aus der Kantine in den großen Speisesaal 2015 (©raumpiraten)Aber auch „Pfaff Industriesysteme und Maschinen AG“ macht Verluste. Es wird 2013 an die chinesischen SGSB Group Co. Ltd verkauft, die auch bereits den bisherigen Pfaff-Konkurrenten Dürkopp Adler (entstanden 1860 in Bielefeld) besitzt.

Eigentümer: 
Stadt Kaiserslautern (85%) Private Eigentümer (15%)
Erbauer: 
Georg Michael Pfaff und seine Nachfahren.
Architekt: 
Verschiedene Architekten u.a. Fritz Seeberger (neues Verwaltungsgebäude)
Bauzeit / Umbauten: 
1889-1906, 1915-1936, 1948-1957
Quellen: 
  • 150 Jahre Pfaff – Von Kaiserslautern in die Welt , in: Begleitband zur Ausstellung, Schriftenreihe des Theodor Zink Museums, Heft 24, Referat Kultur der Stadt Kaiserslautern 2012
  • Pfaff –Nähmaschinenfabriken in Kaiserslautern, Rolf Müller, Eigenverlag 2011
  • www.albert-gieseler.de
Autor/in: 
Initiative Pfaff und Barbara Ritter