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Pumpwerk Guntersblum – Wasserversorgung in Rheinhessen

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Das Pumpwerk und das Meisterhaus von der Straße nach Gimbsheim (Foto: Ritter)
Das Pumpenhaus von der Straße zur Rheinfähre (Foto: Ritter)
Das Pumpenhaus vom "hinten" - alle Seiten sind gleichermaßen üppig gestaltet (Foto aus: 100 Jahre WVR, S. 70)
Zeitgenössische Aufnahmen zeigen, dass sich an der Bausubstanz nichts geändert hat (Foto aus Boehmer, die Wasserversorgung...)
Das Werkstattgebäude und im Hintergrund ein kleiner Teil der Aufbereitungsanlage für das Uferfiltrat (Foto Ritter)
Lageplan des Pumpwerks von Ingenieur Boehmer (Foto aus Boehmer, Die Wasserversorgung ....)
1906/7: Pumpwerk Gunterblum in nur 17 Monaten erbaut (Foto aus: 100 Jahre WVR S.52)
die ursprünglichen Anlagen im Pumpwerk Guntersblum (Foto aus 100 Jahre WVR S. 84)
die heutigen modernen Anlage im Pumpwerk Guntersblum (Foto aus: 100 Jahre WVR S.113)
Das Eingangstor zum Pumpwerk an der Straße nach Gimbsheim (Foto Ritter)
Brunnen und Meisterwohnung im Hintergrund die Maschinenhalle des Pumpwerks in Guntersblum (Foto: Ritter)
Detail: Rauputz und behauener Sandstein im Wechsel (Foto Ritter)
Einer der beiden Haupthochbehälter bei Hangen-Wahlheim um 1907 (Foto aus Boehmer, Die Wasserversorgung...)
Bei der Rheinfähre Gunterblum: in 10 Brunnen wird hier Wasser gewonnen (Foto: Ritter)
Die Meisterwohnung mit ihren ganz unterschiedlichen Dachformen und (Foto: Ritter)
Wegweiser für den Rad und Wanderweg zu den Wasserhäuser vor dem Pumpwerk in Guntersblum (Foto Ritter)

Schon von weitem sieht man das hoch aufragende Wasserpumpwerk von Guntersblum. Die kontrastreichen Fassaden mit rotem Sandstein und weißem Rauputz und das weit herabgezogene schwarze Schieferdach lassen die Gebäude außerhalb des Ortes auffallen. Der Jugendstil-Architekt Wilhelm Lenz hat sich hier offensichtlich an barocken Vorbildern orientiert: eine Vielzahl von Dachformen, symmetrischen Anbauten, wallende Gesimsen, und hohen Fenstern in den unterschiedlichsten Formen.

Von allen Seiten überbordend dekoriert

Das Maschinenhaus ist durch einen Säulengang mit einer Villa verbunden, deren Dachlandschaft noch ausgeprägter ist. Es war das Werksmeisterhaus. Das Erdgeschoss dient heute als Tagungsraum, im 1. OG sind Büroräume für die Beschäftigten eingerichtet worden. Etwas weniger Aufwand wurde für ein kleines Werkstatthäuschen im Hintergrund betrieben. Das Ensemble ist umgeben von einem Garten mit Bäumen und einem modernen Brunnen samt Kunstwerk, das ganze umfasst von einer Gartenmauer mit weißem Zaun. Ursprünglich gab es sogar einen Springbrunnen beim Eingang. Von den beiden Straßen aus betrachtet stellt man fest, dass es keine „Hinterhoffassade“ gibt. Von allen Seiten sind die Gebäude geradezu überbordend ausgearbeitet. für Auf Höhe der Straßenkreuzung steht ein öffentlicher Brunnen aus Sandstein mit weißer Pergola. Hier ist auch die Informationstafel der WVR Wasserversorgung Rheinhessen-Pfalz GmbH angebracht, die auf den Rad- und Wanderweg mit den Baudenkmälern der Wasserversorgung aufmerksam macht.

Im Inneren großzügig

Das Innere der Halle ist nur am Tag des offenen Denkmals (2. Sonntag im September) zugänglich. Die Wände sind im unteren Bereich mit grünen Keramikfliesen von Villeroy und Boch gekachelt. Ein wasserspeiender Fisch schmückt ein Waschbecken mit Jugendstilrelief mit Drachen und Schlangen. Die enorme Höhe der Halle mit ihrem Tonnengewölbe war auch früher kaum funktional bedingt, aber sie zeigt eindrucksvoll die Bedeutung dieser großzügig errichteten Anlage. Heute ist das Pumpwerk mit modernen blauen Elektropumpen ausgestattet. Der Kohlenraum beherbergt jetzt ein kleines Museum mit alten Geräten und einer Holzdeichel (Wasserleitung aus Kiefernholz) aus dem 16. Jahrhundert. Unter dem überdachten Portal der Halle hat der Architekt zwei burleske Reliefs angebracht, die ein Froschkonzert für Wassergötter zeigen. (Fotos von der Reliefs bei der Webseite der Trouistinfo Gimbsheim.)

Uferfiltrat

Das Pumpwerk aus dem Jahr 1907 ist noch heute in Betrieb. Hinter den historischen Gebäuden ragt ein weit höherer, weitgehend fensterloser Komplex in grün und weiß auf. Es handelt sich hier um die Aufbereitungsanlage für das aus Uferfiltrat gewonnene Trinkwasser der WVR. Die Größe dieser Anlage erschließt sich erst in einer Luftaufnahme. Die dazu gehörenden zehn Brunnen sind fünf Kilometer entfernt direkt am Rhein bei der Fähre gelegen (Anfahrt auf der K 43). Sie entnehmen das Wasser aus 30 - 60 Meter Tiefe.  Mehr Informationen zum Uferfiltratwerk

Zur Wasserversorgung dieses Gebietes gehört eine Vielzahl von Hochbehältern, die meist etwas außerhalb der Ortschaften liegen. Auf dem empfohlenen Radweg sind sie leicht zu finden.

Beispielhaft sind einige dieser „Wasserhäuser“ beschrieben. Sie sind nicht mehr alle in Betrieb.

  • Wasserhaus Guntersblum
  • Wasserhaus Ludwigshöhe
  • Wasserhaus Dienheim
  • Wasserhaus bei Uelversheim
  • Wasserhaus südlich von Eimsheim
  • Wasserturm von Wintersheim
Nutzung (ursprünglich): 

Pumpwerk

Nutzung (derzeit): 

Pumpwerk

Geschichte: 

Während es auf dem flachen Gelände der Rheinebene mit ihren mächtigen Kiesen und Sanden ausreichend Wasser gab, litt die Hochebene in Rheinhessen öfter unter Wassernot. Das Bevölkerungswachstum Ende des 19. Jahrhunderts vergrößerte die Knappheit. Wasser musste oft weit weg vom Dorf aus Quellen entnommen und mit Ochsenkarren heimgebracht werden.

Erstmals staatliche Wasserversorgung

Unter dem hessischen Großherzog Ernst Ludwig wurde die staatliche Wasserversorgung der kleinen Gemeinden in Angriff genommen. Er richtete 1895 sogenannte "Kulturinspektionen" ein. Damit war die „Besorgung der örtlichen kulturtechnischen Geschäfte“ gemeint, was sich nur auf die Wasserversorgung bezog. Die "Kulturinspektionen" waren also die Vorläufer der heutigen Wasserwirtschaftsämter. Mit der technischen und rechtlichen Realisierung wurde 1897 der Wasserbauingenieur Bruno von Boehmer beauftragt. Er war damals 31 Jahre alt.

Er begann zunächst mit einer gründlichen Untersuchung der technischen, geologischen, rechtlichen und organisatorischen Verhältnisse und der Vorbedingungen für eine künftige Wasserversorgung, inklusive detaillierter Wirtschaftlichkeitsberechnungen.

Die sorgfältigen und weitsichtigen Vorarbeiten von Bruno Boehmer als Chef der Mainzer Kulturinspektion zahlten sich aus, denn die Bauarbeiten konnten nun zügig durchgeführt werden. Fünf Wasserversorgungsverbände wurden von der Mainzer Kulturinspektion betreut – neben Guntersblum sind dies Osthofen, Nieder-Ingelheim, Bodenheim und Naheniederung – sie wurden alle in der Zeit von 1902 bis 1911 errichtet.

Die Bauzeit

Wenn man sich die Anzahl und Art der Gebäude und die dazugehörende Infrastruktur am Beispiel Guntersblum vergegenwärtigt, wir die enorme Leistung der damaligen Ingenieure und Bauarbeiter deutlich.

Zum 1905 gegründeten "Wasserversorgungsverband für das Rhein-Selz-Gebiet" gehörte das Pumpwerk von Guntersblum, die Hauptbehälter in Wintersheim und in Hangen-Wahlheim sowie 22 Wasserbehälter. Das weit verzweigte Leitungsnetz umfasste 69 Kilometer Druck- und Verteilleitungen sowie 125 km Ortsrohrleitungen mit 742 Hydranten. Es bediente 26 Gemeinden mit insgesamt 26.500 Einwohnern. Den Bau all dieser Rohrleitungen, Pumpanlagen, Pumpwerkshallen, Wohnungen und Nebengebäuden sowie Fernmeldeanlagen besorgte die Firma Oltsch & Co aus Zweibrücken in nur 17 Monaten! Und man stellt nicht nur einfache Gehäuse für die Pumpen und Hochbehälter auf, sondern wahre Schmuckstücke des Jungendstils, die fast alle mit aufwändig behauenen Steinen aus den Sandsteinbrüchen von Flonheim ausgestattet waren. Der damalige Großherzog von Hessen machte nicht nur Darmstadt zum Zentrum der modernen Architektur und Kunst, er berief nicht nur Behrens und Olbrich in die Künstlerkolonie, sondern prägte auch auf dem flachen Land den neuen Stil von öffentlichen Bauten.

Funktionsweise

Das Wasser wurde zunächst nur aus Grundwasserbrunnen gewonnen, die alle in der Rheinebene lagen. Das Trinkwasser wurde durch Pumpwerke in die Hauptbehälter gefördert. Aus diesen Hauptbehältern strömt das Wasser in die Hochbehälter der Orte, die immer etwas erhöht und mit der Portalseite zur Gemeinde stehen. Von dort fließt dann das Wasser mit Hilfe von sog. Ortsnetzleitungen zu den einzelnen Haushalten.

Zunächst ließen sich 2/3 der Haushalte an die neue Wasserleitung anschließen, außerdem 268 Kellereien und 182 Gärten. Der Wasserverbrauch nahm stetig zu. Wegen zu hohem Eisen- und Mangangehalt baute man 1914 eine Enteisungsanlage, die 1924/25 erneuert wurde. Gleichzeitig wurden die Pumpen, die bis dahin durch eine Braunkohle betriebene Sauggasanlage bewegt wurden, elektrifiziert. Nach dem Zweiten Weltkrieg musste die Anlage mehrfach erweitert werden, denn von Guntersblum aus wurden immer mehr Gemeinden versorgt.

Aufbereitung von Uferfiltrat

Zunehmend spielte jedoch auch die Qualität des Wassers eine Rolle. Grundwasserverunreinigung und Qualitätsprobleme (steigender Salzgehalt) führten in den 1990er Jahren zum Entschluss der WVR, das Wasser aus Uferfiltrat zu gewinnen. Das Wasser wird seit 1999 in zehn Brunnen am Rheinufer bei der Fähre gewonnen und in der Aufbereitungsanlage (Ozonung, Filtration, Aktivkohlefiltrierung, Sicherheitsdesinfektion) in der Nähe des Pumpwerks zu gutem Trinkwasser aufbereitet.

Der 1905 als Verein gegründeten "Wasserversorgungsverband für das Rhein-Selz-Gebiet" wurde 1989 in eine GmbH umgewandelt. Zehn Jahre zuvor war auch schon in Bodenheim eine GmbH gründet worden. Um die großräumige Wasserversorgung sicher zu stellen, wurden im Jahre 1993 die beiden Verbände Bodenheim und Guntersblum zur Wasserversorgung Rheinhessen GmbH fusioniert, an der zahlreiche Verbandsgemeinden und die Stadt Mainz beteiligt sind, sowie mit 25,1 % die Thüga Aktiengesellschaft München.

Eigentümer: 
WVR
Erbauer: 
Wasserversorgungsverband für das Rhein-Selz-Gebiet
Architekt: 
Architekt Wilhelm Lenz, Ingenieur Bruno Boehmer
Bauzeit / Umbauten: 
1906/7
Quellen: 
  • Bruno von Boehmer: Die Wasserversorgung des Rhein-Selz-Gebietes, 1907
  • 100 Jahre Wasserversorgung Rheinhessen GmbH, Beiträge zur Natur, Geschichte und Entwicklung, HG. Wasserversorgung Rheinhessen GmbH, 2003
  • Von der Autobahnbrücke bis zur Ziegelei, Zeugnisse aus Technik und Wirtschaft in Rheinland-Pfalz, Hg. Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz, 2014
  • Broschüre: Rundgang durch das historische Pumpwerk Guntersblum, Hg. WVR
  • Wikipedia über Bruno von Boehmer, abgerufen 14.2.2016
Autor/in: 
Barbara Ritter