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Sternwarte Mannheim mit Mannheimer Meridian (Mire) im Industriehafen (Kaiser-Wilhelm-Becken)

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Mannheim, A 4,6, Sternwarte (Foto: Gladrow)
Mannheim, A 4,6, Sternwarte 1952.jpg
Mannheim, A 4,6, Sternwarte, Ansichtszeichnung Johann Lacher 1774.jpg
Mannheim, A4,6, Sternwarte, Ansichtszeichnung und Querschnitt von Traitteur 1811
Mannheim A 4,6, Sternwarte, Grundriss von Traitteur 1806.jpg
Mannheim, Industriehafen, Kaiser-Wilhelm-Becken, Mire
Mire im Industriehafen, Kaiser-Wilhelm-Becken (Foto: Gladrow).jpg
Mire im Industriehafen, Kaiser-Wilhelm-Becken (Foto: Herrmann).jpg

Die Sternwarte markierte als trigonometrischer Punkt das Zentrum der Triangulierung in kurfürstlicher Zeit und von 1820 bis 1884 den Nullpunkt des Mannheimer Meridians und Mannheimer Perpendikels. Sie stand somit im 19. Jahrhundert im Großherzogtum Baden im Fadenkreuz des Null-Längengrads und Null-Breitengrads, bis eine internationale Konferenz Greenwich für den Längengrad Null bestimmte.

Das Oktogon steht auf einem roten Sandsteinsockel und wird durch Sandsteingesimse sowie sandsteinerne Fenster- und Türgewände gegliedert. Die Natursteine waren 1774 viermal mit Ölfarbe überfasst. Für den Putz wählte man einen grauen Anstrich. Die Putzlisenen wurden farblich etwas heller behandelt. Am Außenbau wechseln Rechteckfenster und Rundbogentüren ab. Aus jedem der 4 Obergeschosse ist der Austritt entweder auf einen Altan oder Balkon möglich. Die Lage des Baukörpers wurde so angeordnet, dass die Austritte die Aufstellung von beweglichen Instrumenten und den Blick auf die 4 Himmelsrichtungen ermöglichen. Die gusseisernen Geländer tragen das Monogramm des Kurfürsten Carl Theodor. Die drehbare Beobachtungskuppel auf der obersten Plattform wurde schon zu einem früheren Zeitpunkt abgebaut.

Die 3 Eingänge führen in einen kreuzgratgewölbten Raum. Die sehr hohen Räume sind im Innern alle gewölbt. Die in sich abgeschlossenen Atelier-Einheiten sind jeweils von der Sandsteinwendeltreppe zugänglich. Die Treppe führt mit ihren 160 Stufen auf die oberste Plattform. Von hier aus hat man - geschützt durch eine Sandsteinattika - einen schönen Blick auf Schloss und Rhein.

Der Obelisk an der südlichen Ufermauer des Kaiser-Wilhelm-Beckens steht auf einem pyramidalen Unterbau aus rotem Sandsteinquaderwerk und einer Abdeckplatte. Das darüber befindliche Monument wurde steinmetzmäßig aus hellem Sandstein gefertigt. Die Kugel zuoberst stellt den eigentlichen Prüfpunkt (Mire) des Meridians dar; allerdings verlief dieser ca. 30 m nördlich und 6 m östlich, denn die Pyramide wurde anlässlich des Baus des Industriehafens zu Beginn des 20. Jahrhunderts versetzt.

Nutzung (ursprünglich): 

kurfürstliche Sternwarte

Nutzung (derzeit): 

5 Ateliers von Mannheimer Künstler

Geschichte: 

Der Jesuitenpater Christian Mayer (1719 - 1783) war Begründer der Astronomie in der Kurpfalz. In Mähren geboren, studierte er u.a. an deutschen und italienischen Universtäten und trat 1745 in Mainz dem Jesuitenorden bei. Ab 1752 lehrte er in Heidelberg Mathematik und Experimentalphysik. 1762 berief ihn Kurfürst Carl Theodor (1724 - 1799) zum Hofastronomen. Christian Mayer galt zu seiner Zeit als anerkannte Kapazität auf dem Gebiet der Erdvermessung und Himmelskunde. Nach Auflösung des Jesuitenordens wurde er Mitglied der Mannheimer Akademie der Wissenschaften und gehörte darüber hinaus weiteren in- und ausländischen wissenschaftlichen Institutionen an. Er war damals weltberühmt und einer der angesehendsten Astronomen des 18. Jahrhunderts. Durch ihn und durch das große Interesse, das der Kurfürst diesen Wissenszweigen entgegen brachte, wurde Mannheim zu einem wichtigen europäischen Zentrum der Geodäsie und Astronomie.

1780 - mit Einrichtung einer meteorologischen Abteilung in der kurfürstlichen Akademie der Wissenschaften - wurde die Sternwarte darüber hinaus weltweiter Mittelpunkt meteorologischer Erkundungen. Unter Leitung von Johann Jakob Hemmer (1733 - 1790) wurde ein weltweites Wetterbeobachtungsnetz mit 39 Stationen (u.a. in Grönland, Russland und Amerika) aufgebaut, in denen um 7 Uhr, 14 Uhr und 21 Uhr Mannheimer Ortszeit Luftdruck und Temperatur gemessen wurde. Diese sogenannten Mannheimer Stunden oder Mannheimer Zeiten sind ein sehr frühes Beispiel internationaler Zusammenarbeit auf wissenschaftlichem Gebiet.

In seiner Funktion als Hofastronom kaufte Mayer zahlreiche Instrumente für die Himmelsbeobachtung und Erdvermessung an, darunter den Quadranten von Canivet in Paris und eine Kopie des Längenmaßstabs Toise du Pérou. 1764 nahm Mayer eine kleine Sternwarte auf dem Dach des Schwetzinger Schlosses in Betrieb und legte die Länge des Schlosses auf 6 Grad, 18 Minuten und 30 Sekunden fest.

In einer Denkschrift vom 31.12.1771 schlug Mayer dem Kurfürsten den Neubau einer Sternwarte in Mannheim vor. Zunächst plante man, den Turm beim Jesuitenkolleg zu einem Observatorium umzugestalten, aber der alte Turm hatte einen zu schlechten baulichen Zustand. Zum Zwecke eines Neubaus der Sternwarte westlich der Jesuitenkirche bei den Festungswerken wandte sich der Jesuitenpater an den Leutnant Johann Lacher. Schon am 1.10.1772 konnte der Grundstein für das Observatorium gelegt werden. Nach gutem Baufortschritt kam es 1773 allerdings zu Auseinandersetzungen zwischen Mayer und Lacher wegen der unbequemen Treppe, musste der Hofastronom doch immerhin mehrmals täglich die 160 Stufen hochsteigen. Der Architekt Franz Rabaliatti (1716 - 1782) erhielt daraufhin den Auftrag, die Treppe mit vielen Podesten auszuführen, und so konnte die Sternwarte Anfang 1775 fertiggestellt werden. Die Bildhauerarbeiten schuf Augustin Egell.

Um die Sternwarte dem Universitätsbetrieb anzugliedern, verlegte man sie 1880 auf Drängen des Mannheimer Astronoms Wilhelm Valentiner nach Karlsruhe. Jedoch wurde nicht in Karlsruhe, sondern 1898 in Heidelberg auf dem Königsstuhl eine neue Sternwarte in Betrieb genommen. Das Instrumentarium kam von Karlsruhe nach Heidelberg, wo es 1983 dem neu gegründeten Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim übergeben wurde. Das nun funktionslos gewordene barocke Bauwerk in Mannheim wurde 1905-06 renoviert und zu Künstlerwerkstätten umgenutzt.

1940 schloss das Land Baden mit der Stadt einen Pachtvertrag über 81 Jahre ab. 1958 erfolgte im Zuge einer Generalinstandsetzung der Einbau von 5 Ateliers in den 5 Etagen. Hierzu wurde im großen fast 10 m hohen Beobachtungssaal im 2. Obergeschoss eine zusätzliche Decke eingebaut. Das historische Inventar des Observatoriums wird heute zum größten Teil im Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim aufbewahrt.

In unmittelbarem messtechnischen Zusammenhang mit der Sternwarte steht der Sandstein-Obelisk am Ufer des Kaiser-Wilhelm-Beckens, einem Teil des Industriehafens. Der Vermessungspunkt war eine alte Rückmarke für den durch die Sternwarte gelegten Meridian. Als ein großes Fernrohr auf der Mannheimer Sternwarte Ende des 18. Jahrhunderts zur Aufstellung gelangen sollte, um die Gestirndurchgänge am Himmelsmeridian zu prüfen, wurde es erforderlich, einen Prüfpunkt für die Ausrichtung dieses Instruments anzulegen. Die Achse, auf der es sich bewegte, musste im genauen Winkel von 90° zu der Nordsüdrichtung liegen, d.h. zur Mannheimer Mittagslinie. Da man aber zur Bestimmung einer Linie mindestens 2 Punkte fixieren muss, war es notwendig, eine Markierung (Mire) zur genauen Ausrichtung des Fernrohrs und zum Überprüfen seines Achsenstandes in geraumer Entfernnung von der Sternwarte anzulegen. Man brauchte 2 solcher Miren, eine im Norden und eine im Süden. Der nördliche, zunächst ca. 100 m vom (Alt)-Rhein entfernt im Jahre 1810 aufgestellt, ist erhalten geblieben - wenn auch nicht am ursprünglichen Standort. Der richtige Prüfpunkt würde heute inmitten des Kaiser-Wilhelm-Beckens liegen. Mit dem Bau des Industriehafens ab 1890 wurde die Mire nämlich verlegt. Der heutige Standort direkt an der Hafenmauer hat somit keine messtechnische Bewandnis mehr. Allerdings wird heute eh' nicht mehr nach dem badischen Soldner-Koodinatensystem mit der Mannheimer Sternwarte als Nullpunkt gemessen, sondern nach dem Gauß-Krüger-System. Der südliche Prüfpunkt im Mannheimer Schlosspark war übrigens schon 1822 entfernt worden.

Die Sternwarte stellt ein einzigartiges Zeugnis nicht nur der deutschen, sondern auch der europäischen Geodäsie und Astronomie dar. Sie war gewissermaßen das Greenwich der Kurpfalz bzw. des Großherzogtums Baden und für die damalige Landvermessung sowie Himmelsberechnung von größter Bedeutung. Sie ist heute das älteste als eigenständiger Baukörper für ihre Zwecke errichtete Gebäude auf deutschem Boden und somit von hohem architekturgeschichtlichen Wert. Schon früh besuchten und bestaunten zahlreiche prominente Zeitgenossen wie Wolfgang Amadeus Mozart oder Thomas Jeffersen die Sternwarte und haben sich dort in das Besucherbuch eingetragen.

Um die dringenden Sanierungsmaßnahmen voranzutreiben, hat sich das auf Initiative der Landtagsabgeordneten Helen Heberer im Oktober 2010 gegründete Aktionsbündnis "Alte Sternwarte" zur Aufgabe gemacht, mit vereinten Kräften Spendenmittel zu sammeln.

Eigentümer: 
Land Baden-Württemberg; Bauunterhaltungspflicht durch die Stadt Mannheim lt. Erbbauvertrag (endet am 31.03.2021)
Erbauer: 
Kurfürst Carl Theodor
Architekt: 
Johann Lachner und Franz Wilhelm Rabaliatti
Bauzeit / Umbauten: 
1772-1775
Quellen: 
  • Wilhelm Wendelin Hoffmann: Zur Baugeschichte der Mannheimer Sternwarte, in: Mannheimer Geschichtsblätter, 26. Jg. 1925, H. 3, Sp. 52-61
  • Die Wiederinstandsetzung der Sternwarte, in: Mannheimer Hefte 1958, Nr. 2, S. 14-15
  • Emil Lacroix: Die ehemalige Sternwarte in Mannheim, in: Nachrichtenblatt der Denkmalpflege in Baden-Württemberg, 2. Jg. 1959, H. 1, S. 54-56
  • Erika Kollnig-Schachtschneider: Der kurfürstliche Hofastronom Christian Mayer. Zu seinem 250. Geburtstag. In: Mannheimer Hefte, 1969, H.3, S.31ff.
  • Karl Kollnig: Christian Mayer. Hofastronom Kurfürst Karl Theodor. In: Mannheimer Hefte, 1983, H.2, S.87ff.
  • Kai Budde: Gedanken und Fakten zur Mannheimer Sternwarte. In: Badische Heimat, 1999, H.1, S.160ff.
  • Alexander Moutchnik: Forschung und Lehre in der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts. Der Naturwissenschaftlicher und Universitätsprofessor Christian Mayer SJ (1719-1783), Augsburg 2006.
  • Kai Budde: Sternwarte Mannheim. Geschichte der Mannheimer Sternwarte 1772-1880, Heidelberg 2006.
Autor/in: 
Monika Ryll