Startseite »

Villa des Zimmermanns - heute Metallrecycling

Druckversion
Ungewöhnliche Erscheinung im Industriehafen
Verkehrsumbrandetes Fachwerkhaus
Werbung 1927
Die Bauzeit in Sandstein gefasst
Bauschmuck über dem Eingang
Auf dem Hof: Durchblick zum Wasserturm
Hausansicht vom Hof
Fachwerk
Treppenhaus
Unverwüstliche Treppen, aus Eiche gebaut
Eingangstür zum Chefzimmer
Der Erker ist innen mit einer Tür verschlossen
oft überstrichener Stuck an der Decke

Stat. 02Der Kontrast könnte größer kaum sein: ein solitär stehendes Fachwerkgebäude mit üppigen Sandsteinverzierungen in Stil mittelalterlicher Burgenromantik und direkt daneben ein Metallschrottlager, eingefasst und überdacht von hohen Metallwänden. Von nahem betrachtet ist das 1901 errichtete Gebäude schon ziemlich marode. Das denkmalgeschützte Haus wird heute für die Verwaltung des Recyclingunternehmens Weiß und Kämpf und als Wohnhaus für Arbeiter genutzt.

Im Inneren führt ein hölzernes Treppenhaus in den ersten Stock. Die Räume, heute als Büros genutzt, haben noch Stuckdecken, die Türrahmen haben dezenten Jugendstilschmuck. Vom ursprünglichen Besitzer und Erbauer, der Zimmerei Dostmann, ist an diesem Standort nichts mehr erhalten. Ein Urenkel betreibt heute ein Gerüstbauunternehmen am anderen Ende der Industriestraße.

Nutzung (ursprünglich): 

Wohn- und Geschäftshaus einer Zimmerei

Nutzung (derzeit): 

Wohn- und Geschäftshaus eines Metallrecyclingbetriebs

Geschichte: 

Schon vor langer Zeit, um 1645 ist zum ersten Mal ein Zimmermann Dostmann im Kreis Wertheim nachzuweisen. Aus Wertheim zugezogen, hat Peter Dostmann 1862 in Mannheim seine Zimmerei gegründet. 1890 ist sein Betrieb in Z 5,8 gemeldet (es gab damals eine andere Nummerierung in der Innenstadt als heute).

Mit dem Ausbau des Industriehafens erwirbt Dostmann dort Gelände und baut sein „Musterhaus“. Hinter dem 1901 errichteten Haus erstrecken sich damals auf 3.000 qm die Stall- und Werkstattgebäude mit Bandsägen, Abricht-, Hobel- und Fräßmaschinen für über 60 Beschäftigte, außerdem Schuppen zur Trockenlagerung der Hölzer. Die Betriebskraft liefert das Elektrizitätswerk am Anfang der Industriestraße.

Dostmann-Unternehmungen rund um den Industriehafen

Peter Dostmann entwickelt am Industriehafen rege Bau- und Investitionstätigkeit. Dostmann gehört 1907 auch das unbebaute Gelände der Industriestraße 51, das er 1910 an die Firma „Kissel und Wolf - technische Drogen und Leime“ verkauft.

Nach dem ersten Weltkrieg errichtet Dostmann in der Friesenheimer Straße 26/Ecke Diffenéstraße eine Holzwollefabrik – mit einem geschwungenen Walmdach. Doch die beiden Standorte - Industriestraße 60 und Friesenheimerstr. 26 - haben etwa ab 1930 als Besitzer die Stadtsparkasse Mannheim, die Dostmannbetriebe sind dort nicht mehr ansässig. Dies deutet darauf hin, dass die Weltwirtschaftskrise möglicherweise auch die Zimmerei Dostmann getroffen hat. Die Friesenheimer Straße 26 wird Anfang der 1930er Jahre bis in die 70er Jahre von der Lack und Farbenfabrik Rudolf Schappert genutzt.

In den 1920er Jahren bauen die Söhne Dostmanns, darunter der Baumeister Willy Dostmann eine Niederlassung für ihr Holzbaugeschäft mit Lager in der Friesenheimer Straße 21. Auch hier entsteht ein Fachwerkhäuschen. In den 1950er Jahren konzentriert sich die Familie Dostmann auf Hallenbauten, Spezialanfertigungen für die chemische Industrie und betreibt eine Kistenfabrik. Der Standort Friesenheimer Straße 21 wird 1973 an Fuchs Petrolub verkauft. Das kleine Haus stand bis 2014 als Pförtner- und Verwaltungsgebäude.

Die heutige Generation hat sich mit Frank Dostmann auf Gerüstbau verlegt, als Spezialist für Kirchtürme, Hochhäuser und Industriegerüstbau, ansässig jetzt in der Industriestraße 2.

Häufig wechselnde Mieter und Straßennamen

In die schöne Fachwerkvilla der Industriestraße 60 ist ab den 1930er Jahren vorübergehend ein Hoch- und Tiefbauunternehmen (Georg Grab) angesiedelt, dann nutzen die Süddeutschen Kabelwerke und Verkehrsbetriebe sowie das städtische Hochbauamt das Gebäude bzw. Gelände.

Ab 1982 ist die Industriestr. 60 im Besitz der Dt. Bundesbahn, genutzt wird sie von Herbert Weiß, Schrott und Metallhandel. Weiß stirbt in den 1990er Jahren und der Betrieb wird an die Stuttgarter Metallhandlung Eberhard Mayer und Kämpf verkauft.

Die heutige Industriestraße Nr. 60 hatte in ihrer Geschichte nicht nur viele Nutzer, sondern auch recht unterschiedliche Straßenbezeichnungen, was die Recherche zu einem wahren Puzzlespiel werden ließ: Waldhofstr. 196, Walhofstr. 250, Kabelstr. 2, Luzenbergstr. 1 b-d und Industriestr. 54.

Erbauer: 
Peter Dostmann
Bauzeit / Umbauten: 
1901
Quellen: 
  • Städtebuch Mannheim 1957
  • Zizler, Neues Bauen in Mannheim 1927
  • Adressbücher der Stadt Mannheim, diverse Jahrgänge
  • Führer durch die Industrie- und Hafenanlagen Mannheims. 1909
Autor/in: 
Barbara Ritter