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Zellstoffsiedlung in Mannheim

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Zellstoffsiedlung, Luftbild um 2010
Zellstoffsiedlung, Zellstoffstr. 35 (Foto FB 61 Norbert Gladrow um 2010)
Zellstoffsiedlung, Zellstoffstr. 27 mit Stall (Foto FB 61 Norbert Gladrow, um 2010)
Zellstoffsiedlung, Zellstoffstr.31 (Foto FB 61, Norbert Gladrow um 2010)
Zellstoffsiedlung, Zellstoffstr. 33, Stallgebäude (Foto FB 61 Norbert Gladrow um 2010)
Zellstoffsiedlung, Zellstoffstr. 33 (Foto FB 61 Norbert Gladrow um 2010)
Zellstoffsiedlung, Zellstoffstr.37 mit Stallgebäude (Foto FB 61 Norbert Gladrow um 2010)
Zellstoffsiedlung, Zellstoffstr. 23, im Vordergrund Einmannbunker aus dem Zweiten Weltkrieg (Foto: FB 61 Norbert Gladrow um 2010)
Zellstoffsiedlung, Zellstoffstr.23 (Foto FB 61 Norbert Gladrow um 2010)
Zellstoffsiedlung, Zellstoffstr. 29 mit Stallgebäude (Foto FB 61 Norbert Gladrow um 2010)
Zellstoffsiedlung, Zellstoffstr. 37, einziges noch erhaltenes zweigeschossiges Gebäude (Foto FB 61 Norbert Gladrow um 2010)
Zellstoffsiedlung, Zellstoffstr. 37 (Foto FB 61 Norbert Gladrow um 2010)
Zellstoffsiedlung, Zellstoffstr.37, historische Hausnummern (Foto FB 61 Norbert Gladrow um 2010)
Zellstoffsiedlung, Lageplan Ansichten Grundrisse Schnitte um 1920

Die heute noch existierenden acht Häuser der Zellstoffsiedlung sind nur ein kleiner Rest der ursprünglichen Anlage. Außer den Familienwohnungen hatte die Fabrik für ihre unverheirateten Arbeiter noch 12 Schlafsäle mit zusammen 375 Betten errichtet. Für die Benutzung wurde einschließlich der Bett- und Handwäsche 1 Mark im Monat fällig. Von diesen Gemeinschaftshäusern steht heute keines mehr. Nach Verkauf der südlich der Straße gelegenen Häuser Zellstoffstraße 8 - 44 (gerade Nummern) durch die Papierwerke Waldhof-Aschaffenburg an ein benachbartes Unternehmen wurden 19 weitere Putzbauten der ehemaligen Zellstoffsiedlung im Jahre 1984 abgebrochen.

Heute stehen noch sieben eingeschossige sowie ein zweigeschossiges sogenanntes Kreuzhaus mit jeweils vier Wohnungen. Das Kreuzschema findet sich sichtbar durch die Vierteilung in den Brandwänden im Innern wieder. Die Häuser haben eine Grundfläche von ca. 12 m x 16 m bzw. 22 m. Jede Wohnung hat ihren eigenen Eingang und einen eigenen Abort. An den Stirnseiten nahe der Hauseingänge befinden sich die niedrigen Toilettenvorbauten. Die Dachräume der eingeschossigen Bauten weisen zur Belichtung Einzelgauben oder Gaubenbänder auf. Der Sockel bzw. das Kellermauerwerk ist aus Bruchstein, der Kellerboden mit Ziegel gepflastert oder teilweise mit Lehm gestampft. Das aufgehende Mauerwerk besteht aus verputztem Backstein. Die Fenster und Türöffnungen haben Sandsteingewände.

Zu jedem Haus gehört ein großer Garten mit Holzlattenzaun. Die Unterhaltung und Bepflanzung dieser Gärten erfolgte in den ersten Jahrzehnten durch einen Fabrikgärtner auf Kosten des Unternehmens. Die einzelnen Grundstücke waren - wie die Häuser - ursprünglich geviertelt. Auch die Kleintierställe bilden zu vier Vierteln eine Einheit. Die sehr idyllische Anlage ist dringend sanierungsbedürftig. Auch heute noch leben dort ausschließlich Werksangehörige der SCA. Seit 2011 wird eines der Gebäude zur Aufnahme des Firmenarchivs umgebaut.

Nutzung (ursprünglich): 

Werksiedlung der Zellstofffabrik

Nutzung (derzeit): 

Werkswohnungen

Geschichte: 

Nach Umzug der Zellstofffabrik von Stuttgart nach Mannheim gründeten Carl Clemm, Carl Haas, Edmund Hofmann, Ernst Laemmert und August Stark am 11. Juni 1884 am Altrhein die Zellstofffabrik Waldhof, ein Unternehmen zur Fabrikation von Papierstoffen. Innerhalb von fünf Jahren verzehnfachte sich die Zellstoffproduktion. Das Werk produziert durch chemische Zerlegung von Pflanzenfasern Sulfitzellulose als Rohmaterial zur Weiterverarbeitung für Papier. Ein bekanntes Markenprodukt seit 1960 ist z.B. ZEWA (= Zellstofffabrik Waldhof).

Um 1900 beschäftigte die Firma bereits 1800 Mitarbeiter. Für diese erstellte sie nach Plänen des Architekten Georg Kamm durch die Mannheimer Bauunternehmung F. & A. Ludwig ab 1884 nördlich der Zellstoffstraße acht Kreuzhäuser mit jeweils vier Wohnungen nach dem Mühlhausener Schema. Im elsässischen Mühlhausen waren nach dem gleichen Konzept um 1850 ähnliche Arbeiterhäuser entstanden. Bereits wenige Jahre nach Gründung der Zellstoffsiedlung wurde eine Erweiterung südlich der Straße, die die ursprüngliche Gemarkungsgrenze zwischen Sandhofen und Käfertal bildete, notwendig. Bis 1890 kamen insgesamt 21 kleine und sechs größere Häuser mit insgesamt 108 Wohnungen zur Ausführung. Die Baukosten eines Hauses mit vier Wohnungen schwankten je nach Größe zwischen 11000 Mark und 15700 Mark. Die Miete betrug durchschnittlich 10 Mark im Monat. Die Wohnungen in den größeren Häusern wurden an Meister und Werkführer ohne Miete abgegeben. Die Unterhaltung der Siedlung, der Wasserbezug usw. erfolgte auf Kosten der Zellstofffabrik. Insgesamt verfolgte das Unternehmen jedoch das wohnungspolitische Ziel, die Firmenangehörigen in den nahen Ortschaften anzusiedeln. Hierzu erhielten die Mitarbeiter zinsvergünstigte Bau- und Hypothekengelder, sobald sie eigene Ersparnisse aufweisen konnten.

Nachdem die Zellstofffabrik 1918 die nördlich unmittelbar angrenzende Papyrus AG gepachtet hatte, übernahm sie das Werk und auch die Papyrussiedlung ab 1931 vollständig. Im Jahre 1970 entstand durch Fusion mit den Aschaffenburger Zellstoffwerken die PWA (= Papierwerke Waldhof Aschaffenburg). Nach Kauf des Unternehmens durch die schwedische Firma SCA (= Svenska Cellulosa Aktiebolaget) firmierte das Unternehmen ab 1996 als SCA Hygiene Paper GmbH und nach einer weiteren Fusion ab 1998 als SCA Hygiene Products GmbH.

Eigentümer: 
SCA Hygiene Products GmbH
Erbauer: 
Zellstofffabrik
Architekt: 
Georg Kamm
Bauzeit / Umbauten: 
1884 ff.
Quellen: 
  • Roland Eisenlohr: Das Arbeiter-Siedelungswesen der Stadt Mannheim, Karlruhe 1921
  • Monika Ryll: Das Arbeitersiedlungswesen in Mannheim, in: Mannheim und seine Bauten, Bd. 5, 2005, S. 106-115
  • http://www.albert-gieseler.de
Autor/in: 
Monika Ryll