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Ehemaliges Gaswerk / Stadtwerke Weinheim

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Werkgebäude von Osten
Werkgebäude von Süden mit Fotovoltaik-Anlage
Werkhalle
Verwaltungsgebäude mit Skulptur
Skulptur vor dem Verwaltungsgebäude
Skulptur
ca. 1960: zum großen Teil entleerter Gaskessel am Breitwieserweg
1962: Hubsteiger auf VW-Pritschenwagen vor dem Gaskessel - Bitte vergrößern!
Lampenausleger Weinheim -  Sammlung Ziegler
Schaubild Gasabgabe1894 bis 1909 - gelb: Straßenbeleuchtung, rot: Privatabgabe, blau: Selbstverbrauch, Verdichtung und Verlust - Quelle: Stadtarchiv Weinheim - Bitte zur Gesamtansicht vergrößern !
Rechnung über monatlichen Gasverbrauch in der Drogerie Fischer im Oktober 1903
Rechnung des Gasmeisters Peter Liebig 1899
Erdgas-Tankstelle rückseits am Breitwieserweg
Ehem. Werkgebäude zu Büros umgebaut mit kaum geteilten Fenstern - von Osten
Ehem. Werkgebäude zu Büros umgebaut mit kaum geteilten Fenstern - von Süden
Parkplätze nach Abriß der Werkhalle

Fotovoltaik kontrastiert mit schön sanierten Rundbögen. Das Gebäude führt zur Geschichte der Weinheimer Energieversorgung mit Gas am Ende des 19.Jahrhunderts. Die Mannheimer Straße hatte hier den Namen „Gaswerkskurve“. Der typische Gaskessel ist wie in Mannheim und Heidelberg schon Jahrzehnte verschwunden. Auch die Gaslaternen wurden in Weinheim vollständig abgebaut. In Mannheim gibt es 2010/2011 intensive Diskussionen über den Erhalt der letzten Straßenlampen mit dem typischen warmen Gaslicht. Interessante Beschreibungen zu Technik und Kultur dieser Straßenbeleuchtung beschreibt der Verein zur Erhaltung und Förderung des Gaslichts als Kulturgut . Neben den letzten erhaltenen Gebäuden des Gaswerks bauten die Stadtwerke 1980/1981 ein modernes neues Verwaltungsgebäude.

Zu weiteren „Gas-Objekten“ in der Region Rhein-Neckar geht es hier:

Städtische Gasanstalt in Speyer

Siedlung Reiherplatz mit Gaslaternen in Mannheim

Nutzung (ursprünglich): 

Gaswerk

Nutzung (derzeit): 

Werkstatt, Dachfläche z.T. für Fotovoltaik-Anlage

Geschichte: 

Seit 1862 gab es Gaslampen im Lederwerk Heintze & Freudenberg. Das von Weinheimer Bürgern gegründete „Komitee zur Errichtung einer Gasbeleuchtung“ richtete am 9.2.1877 eine Eingabe an den Gemeinderat. Die „Petroleum-Funzeln“ sollten durch die damals neuzeitliche Gasbeleuchtung ersetzt werden. Mit Beschluss vom 15.10.1877 erteilte der Gemeinderat dem Ingenieur C.Mayer aus Köln die Konzession zur Erstellung und zum Betrieb einer Gasfabrik für 25 Jahre. C.Mayer scheiterte wegen Kapitalmangel. Erst am 16.11.1884 wurde die Konzession auf Ingenieur Oskar Smreker (1854-1935) aus Mannheim übertragen, der dort seit 1882 mit einem eigenen Unternehmen im Auftrag der Stadt Mannheim eine neue Wasserversorgung plante. Smreker übernahm die Bedingungen der Konzession an Mayer, worauf sich in den Jahren davor andere Interessenten nicht einlassen wollten.

Der Bau des Weinheimer Gaswerks erfolgte an der Stahlbadstraße im Gewann Breitwiesen. Ab 1.1.1886 wurden die ersten der danach errichteten 185 Gas-Straßenlampen mit Gas versorgt. Im April übernahm die mit einem Stammkapital von 170.000 Mark neu gegründete „Aktiengesellschaft Gaswerk Weinheim“ das Werk und die Verteilerleitungen. Die Gasbrenner in den Lampen hatten hohe Verbrauchswerte. Es gab einen „Brennkalender“, der auch das Mondlicht berücksichtigte, um Gas zu sparen. Der 1885 patentierte Glühstrumpf verbesserte die Situation. Der Bedarf privater Abnehmer blieb gering. 1892 erhielten Läden in der Hauptstraße das „Gas-Glühlicht“. Im Weinheimer Anzeiger: „Das ruhige Licht und die Helle desselben ist eine dem Auge so wohltuende, daß gewiß bald allerwärts diese Brennart eingeführt werden wird.“ Doch 1893 gab es erst 120 private Anschlüsse.

Vielleicht war es schwierig, Lampen und Betriebsmittel zeitnah zu beschaffen, oder die Vorrathaltung war zu teuer, so dass aus dem Gaswerk gelegentlich unterstützt wurde. Der Gasmeister Peter Liebig verkaufte 1899 Lampe und Ausrüstung für die Gasbeleuchtung an Ernst Fischer, Inhaber der Drogerie in der Hauptstraße. 1908 ging das Gaswerk durch den Aufkauf der letzten Aktien in städtischen Besitz über. Insgesamt zahlte die Stadt fast 370.0000 Mark. Der Kubikmeter kostete je nach Zweck (Leucht-, Koch-, Heiz-, Motorengas) und Abnehmer zwischen 12 und 21 Pfennig. Das entsprach mindestens einem halben Stundenlohn, war also eher teuer. Das Verteilernetz über Rohre war fast 20 km lang. Gaswerk und Wasserwerk wurden organisatorisch zusammengefasst. Ein Spiritusverdampfungsapparat schützte im Winter die Gasleitungen vor dem Einfrieren. Die Bedienung der Straßenlaternen besorgten sechs Laternenanzünder. „Abendlaternen“ brannten bis „abends 12 Uhr“, „Richtungslaternen“ wurden erst bei Tagesanbruch gelöscht. Aus fast 2.200 t Kohle wurden fast 660.000 cbm Gas erzeugt. (Vgl. das farbige Schaubild für 15 Jahre Produktion.) Die Reststoffe Koks, Teer und Ammoniakwasser wurden am Markt zu schwankenden Preisen verkauft.

1909 mussten schmiedeeiserne Rohre durch Gussrohrleitungen mit größerem Durchmesser ersetzt werden. Neu war der Gaseinheitspreis von 18 Pf. für 730 private Gasabnehmer und 12 Pf. für Gasmotoren und technische Zwecke. Veraltete Laternen wurden durch neue sparsamere Pintschlaternen Modell 44 C ersetzt. Die Arbeitsbedingungen und die Betriebsabläufe wurden mittels neuer Geräte mehrfach verbessert. So konnte ab 1910 mit einer Lademaschine die Retortenladung im Vergleich zur Handbeschickung von 130 auf 170 kg gesteigert werden. Abseits stehende Laternen erhielten „selbsttätig arbeitende Zünduhren“. Eine automatische „Ferndruckzündung“ war vorgesehen, wenn sich die Druckverhältnisse im Rohrnetz verbessern ließen. Der Gasverbrauch pro Einwohner blieb auch 1910 mit 52 cbm gering im Vergleich zu Mannheim mit 72 und Heidelberg mit 105 cbm. Erklärt wurde das mit den firmeneigenen Licht- und Krafterzeugungsanlagen der Weinheimer Großbetriebe sowie den großen Mengen billiger Holzabfälle der Weinheimer Stuhl- und Möbelfabriken.

Statt 1926 das veraltete Werk zu erneuern wurde mit dem Gaswerk Mannheim ein langfristiger Liefervertrag geschlossen. Ab 1964 erfolgte die Umrüstung des Verteilnetzes von Niederdruck auf Mitteldruck. Der Bezug von holländischem Erdgas mit höherem Brennwert erforderte 1970/1971 die Umstellung von 16.000 Verbrauchsgeräten. Elektrische Straßenbeleuchtung ersetzte das Gaslicht. Der Gaskessel wurde 1973 nach 80 Jahren abgebrochen, da er für das trockene Erdgas nicht nutzbar war. Über 17.000 Geräte wurden 1978 umgestellt, weil aus Mannheim Erdgas der Gruppe H bezogen wurde.

Von 1945 bis 1980 hatte sich die Gasabgabe verhundertfacht auf fast 49 Mio. Kubikmeter. 1987 bzw. 1990 wurden Hemsbach und Laudenbach an das Verteilnetz angeschlossen, 1996 die Erdgastankstelle errichtet. Im Jahr 2000 wurden 9.800 Kunden über das 250 km lange Gasrohrnetz versorgt.

Erbauer: 
Ing. Oskar Smreker
Bauzeit / Umbauten: 
1885: Gaswerk, Ing. O. Smreker, Mannheim 1980: Verwaltungsgebäude, J. P. Jacobs und D. Bachmann, Weinheim 1996: Erdgastankstelle
Quellen: 
  • Weinheimer Anzeiger: Gas-Glühlicht, Kurze Meldung am 14.(?)12.1892
  • Stadt Weinheim: Verwaltungsberichte 1908, 1909, 1910, Weinheim
  • Volksstimme: Ein Schritt vom Wege, Mannheim 14.11.1912 - Dipl. Ing. Schimpfe in Bad.L.Presse 24.3.1914: Gasfernleitungen im rheinisch-westfäl. Industriebezirk
  • Weinheimer Nachrichten: Mit dem Gas hatten die Weinheimer ihre Probleme, Weinheim 16.4.1981
  • Keller, Heinz: Weinheim einst und jetzt, Weinheim 1981
  • Stadtwerke Weinheim: Neues Verwaltungsgebäude Breitwieserweg, Weinheim1981
  • Stadtwerke Weinheim: Chronik der Weinheimer Gasversorgung, Weinheim1981
  • Stadtwerke Weinheim: Chronik der Weinheimer Stromversorgung, Weinheim1981
  • Stadtwerke Weinheim: Chronik der Weinheimer Wasserversorgung, Weinheim1981
  • Stadtwerke Weinheim: Absatzentwicklung der Stadtwerke Weinheim, Weinheim1981
Autor/in: 
Jürgen Herrmann